Robert Pfaller © Jeff Mangione

Personalities

Robert Pfaller, Oskar-Kokoschka-Platz, Wien

Kultur Arbeitswelten Interview

Arbeits- und Lebenswelten am Puls der Zeit. In Gesprächen mit Zeitgenossen überprüfen wir Behauptungen, Klischees oder Wunschbilder, die rund um Orte der Arbeit kursieren. Diesmal sprachen wir mit Robert Pfaller, Professor für Philosophie an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Mit Désirée Schellerer sprach er über seinen Arbeitsalltag, philosophische Freundschaften und die Lust der Konzentration.

Robert Pfaller ist Professor für Philosophie an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Gastprofessuren hatte er beispielsweise in Amsterdam, Berlin, Chicago, Tolouse oder Zürich inne. In seinen Publikationen beschäftigt sich Robert Pfaller unter anderem mit der Rolle der Vernunft in der Gegenwartskultur, dem Lustprinzip und dem „guten Leben“. Zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen zählen das 2011 bei Fischer erschiene „Wofür es sich zu leben lohnt“ sowie „Die Illusion der anderen. Über das Lustprinzip in der Kultur.“  (suhrkamp, 2002). 


Herr Pfaller, in Ihren Forschungen beschäftigen Sie sich viel mit der Frage, was das gute Leben ausmacht und wofür es sich zu leben lohnt. Was denken Sie, welchen Stellenwert sollte die tägliche Arbeit in einem guten Leben haben? Steht die viele Arbeit den Freuden eines guten Lebens nicht eigentlich im Weg?
In einer ersten Annäherung möchte ich, gestützt auf den Philosophen Georges Bataille, sagen: Man arbeitet, um zu leben. Aber man lebt nicht, um zu arbeiten. Dieser Unterschied sollte nicht übersehen werden – insbesondere da gegenwärtig ja die Arbeit, zum Beispiel in der sogenannten Kreativbranche, meist mit hohen Erwartungen von Erfüllung befrachtet wird. Gute, erfüllende Arbeit zu haben, ist auch ein berechtigter Anspruch – aber eben an die Arbeit, und nicht an das Leben. Viele Zeitgenossen scheinen aber kaum mehr in der Lage, ihr Leben als erfüllt zu empfinden, wenn sie nicht wie die Teufel schuften. Freilich sind in unserer Gesellschaft sehr viele soziale Funktionen an die Arbeit gekoppelt – was z. B. Sozialkontakte, Ansehen, Zeitgenossenschaft, Geschmack, politische Teilhabe etc. betrifft. Darum kommt man ohne halbwegs gute Arbeit derzeit kaum zu einem guten Leben. Mit ihr allerdings oft auch nicht – da sie keinen Platz dafür zu lassen droht.


Wie darf man sich einen typischen Arbeitstag im Leben eines Philosophen und zugleich Universitätsprofessors vorstellen? Gibt es so etwas wie einen Arbeitsalltag, eine gewisse Routine oder Regelmäßigkeit in Ihrem Tun?
Meine Arbeit hat einen Teil, der etwas Gehetztes an sich hat – etwa E-mails zu beantworten, Verwaltungsabläufe (von denen es nach den Universitätsreformen immer mehr gibt) in Gang zu setzen etc; und einen anderen, der sehr viel Ruhe voraussetzt – etwa eine Vorlesung oder eine Seminarsitzung vorzubereiten, eine Fragestellung zu erforschen, ein Interview zu geben oder einen wissenschaftlichen Text zu schreiben.

Zwischen diesen beiden Teilen muss ich an jedem Tag mehrmals wechseln. Darum scheint mir meine Aufgabe der eines Biathleten nicht unähnlich, der ja auch einerseits möglichst schnell durch die Loipe hetzen, dann aber andererseits sich auch möglichst schnell wieder beruhigen muss, um präzise auf seine Zielscheibe schießen zu können.


Welche Rolle spielt die Maßregelung des Menschen in der Arbeitswelt von heute? Ist das Büro ein lustfeindlicher Ort? Und muss das nicht so sein, damit tatsächlich gearbeitet werden kann?
Im günstigsten Fall gibt es so etwas wie eine Lust der Konzentration. Dass man im Büro oder im Studio nicht durch diverse sonstige häusliche Annehmlichkeiten abgelenkt ist, kann durchaus als Gewinn erlebt werden. Dies geht freilich nur in dem Maß, in dem die Arbeit für sich genommen interessant ist – also insofern sie, wie der Soziologe Richard Sennett formuliert, dazu anregt, um ihrer selbst willen gut gemacht zu werden.


Wo arbeiten Sie am liebsten?
In einer Bibliothek.


Gibt es Orte, die ihre Kreativität fördern, die sie inspirieren?
Was ich an der Kunstuniversität an Projekten und Arbeiten von Studierenden zu sehen bekomme, liefert mir schon oft wichtige Anregungen und glückliche Herausforderungen.


Gibt es für Sie so etwas wie einen “Hauptarbeitsplatz” – und wenn ja, wo befindet er sich?
Die meisten Dinge erledige ich in meinem Universitätsbüro; einige andere in den Bibliotheken. Manche Forschungsarbeiten aber kann ich nur umgeben von meinen eigenen Büchern und Archivmaterialien machen.


Unterscheiden Sie bewusst zwischen Frei- und Arbeitszeit, oder verschwimmen die Grenzen?
Da die Philosophie auch eine Kultur der Freundschaft ist, so dass ich mit den lebenden Philosophen, deren Bücher ich schätze, in vielen Fällen befreundet bin, und da andererseits eigentlich alle meiner Freundschaften auch etwas Philosophisches an sich haben, so dass ich in nahezu allen privaten Gesprächen auch etwas mitbekomme, das mir zu denken gibt, lässt sich diese Grenze in meiner Branche, jedenfalls für mich, kaum ziehen. Das heißt freilich nicht, dass ich, um konzentriert arbeiten zu können, nicht vieles andere energisch wegscheuchen müsste – meist handelt es sich dabei allerdings weniger um störendes Privates als um störende andere Arbeitsanforderungen, wie zum Beispiel Anrufe.


Denken Sie, dass die Arbeitswelt in den letzten Jahren „strenger“ geworden ist?  Den Cocktail zum Lunch und Flirts im Büro kennt man ja eigentlich nur mehr aus Fernsehserien wie „Mad Men“.  
Mir scheint, dass vor allem unser Privatleben strenger geworden ist – man darf zum Beispiel kaum noch Flirten, und selbst wenn, so wissen offenbar nur noch die wenigsten, wie das geht. Die Arbeit hat allerdings auch viele Nebenfelder eingebüßt, die nicht nur annehmlich waren, sondern oft auch die notwendigen Umwege darstellten, über die alleine wirkliche Produktivität möglich wurde: etwa, dass man mal zusammen mit Kollegen etwas trinkt und über etwas ferner liegende Fragen spricht. So gibt es an manchen Kunstuniversitäten heute nicht einmal mehr Feste. Früher waren das aber die Gelegenheiten, bei denen die wichtigen Dinge entstanden; die Momente eines Studiums, an die man sich später erinnerte. Auf der anderen Seite gibt es in Arbeitsumgebungen heute Erholungsnischen, die früher undenkbar gewesen wären. Allerdings ist diese Erholung einem rigiden Effizienzzwang unterworfen. Man darf nicht einfach mal ein Nickerchen machen; es muss dann schon gleich ein „power-nap“ sein.


Gibt es bestimmte Rituale, die Sie für wichtig halten in Ihrem Arbeitsalltag?
Bei einem Kaffee ein Buch oder einen Artikel zu lesen, der nicht zum unmittelbaren Forschungsthema gehört.


Ihr wichtigstes Tool für die Arbeit?
Ein Bleistift, um in meinen Büchern Stellen zu markieren und Randnotizen zu schreiben.


Was wünschen Sie sich für Ihre Arbeit bzw. Ihren Arbeitsplatz?
Die Ruhe, die nötig ist, um lohnende Ergebnisse herstellen zu können.


Vielen Dank für das Interview.

  © Coverbild: Jeff Mangione

  

Autor

Désirée Schellerer

Public Relations Manager

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