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Sommer, Sonne, Müßiggang

Arbeitswelten Pause Inspiration

Träumen Sie auch manchmal den Traum vom süßen Nichtstun? Vom faulen in der Sonne Liegen, vom Nie-Mehr-Arbeiten, vom ewigen Müßiggang? Eigentlich ist der Sommer ja die beste Zeit dafür – immerhin sind die heißesten Monate des Jahres prädestiniert für Urlaub und Faulheit. Trotzdem ist das mit dem Nichtstun gar nicht so einfach, immerhin bestimmt heutzutage die Arbeit den sozialen Status und Wert eines Menschen. Wer nicht arbeitet, gerät schnell ins gesellschaftliche Abseits, es sei denn, er gehört der Kategorie „reicher Erbe“ oder „genialer Künstler“ an. Müßiggang ist aller Laster Anfang, meint der Volksmund, und so hat das faule Sein eigentlich nur mehr im Urlaub oder nach Feierabend seine Berechtigung.

Das war aber nicht immer so: Kulturgeschichtlich betrachtet hat sich die Bedeutung des Müßigganges in den letzten Jahrhunderten stark gewandelt. In der Antike galt die Muße als Schwester der Freiheit, der Müßiggang als idealer Lebenszustand und Weg zur Erkenntnis. "Arbeit und Tugend schließen einander aus", postulierte Aristoteles, und überließ das körperliche Schaffen den Sklaven.

Ebenfalls aus der Antike stammt einer der wohl faszinierendsten Müßiggänger der Weltgeschichte – die Rede ist von Diogenes von Sinope, seines Zeichens Kulturkritiker und "Hund" (Eigenbezeichnung). In einem Fass liegend predigte er das einfache Leben, stellte sich gegen bürgerliche Konventionen und verhöhnte durch demonstratives Nichtstun seine unruhigen, nach immer mehr Luxus strebenden Zeitgenossen. Das wahre Glück, so Diogenes, sei nicht durch Wohlstand zu gewinnen – nur wenn die Seele des Menschen ruhig und heiter sei, könne man glücklich sein. Legendär wurde sein an Alexander den Großen gerichtetes "Geh mir aus der Sonne" – eigentlich eine freche Beleidigung, die der Philosoph dem Herrscher an den Kopf warf, als dieser ihn nach seinen Wünschen befragte. Alexander hat dem Philosophen allerdings gleich verziehen: "Wahrlich, wäre ich nicht Alexander, ich möchte wohl Diogenes sein" soll der Imperator sogar gesagt haben, und zog so vor dem Müßiggänger den Hut.
 

Schlechte Zeiten für Faulenzer

Das kontemplative Nichtstun galt bis ins späte Mittelalter als Privileg, das sich zwar nicht jeder leisten konnte, das aber eine durchaus akzeptierte, sogar angesehene Form des Zeitvertreibs war. "Nichtstun" ist natürlich eine durchaus differenziert zu sehende Angelegenheit: Obwohl der Adel nicht im strengen, heutigen Sinne des Wortes arbeitete, kümmerte er sich doch um Sozialwesen und Kultur. Viele Vertreter der Oberschicht waren Müßiggänger, aber deshalb noch lange keine Taugenichtse. Das positive Verhältnis zum Müßiggang änderte sich zu Zeiten der Reformation: Der Mensch sei, so Luther, zum Arbeiten geboren, wie der Vogel zum Fliegen – nur wer arbeite, könne sich des göttlichen Wohlwollens gewiss sein. Arbeit wird damit zur christlichen, moralischen Pflicht, Faulheit und Müßiggang zu "aller Laster Anfang".

Dass Arbeit zwar Qual und Plage, aber gottgefällig sei – diese Idee ist nicht nur Teil des christlichen Gedankenguts. Schon in griechisch-römischen Mythen wird der Abstieg des Menschengeschlechts aus dem Goldenen Zeitalter in ein mühevolles Dasein voller Plagen (unter die auch die Arbeit fällt) erzählt.

Dabei muss anfangs alles so schön gewesen sein: Im sagenhaften Arkadien genoss man, so weiß es zumindest die Legende, noch ein unbeschwertes Dasein. Die arkadischen Hirten wirtschafteten zwar, doch das Tagwerk ging ihnen leicht von der Hand. Gemächlich arbeiteten sie, wie es Ihnen gefiel, und besaßen immer noch genug Zeit und Muße, um Lieder zu singen und verlorenen Lieben nachzuweinen. Grundstimmung Feierabend, sozusagen. Dieser Zustand des reinen Glücks war allerdings nicht von Dauer: auf das Goldene Zeitalter folgt ein Silbernes, ein Ehernes, schließlich ein Eisernes – und immer mehr Übel und Not kommen in die Welt. Als Bestrafung der Eigenmacht des Prometheus, der sich ohne die Erlaubnis des Obersten am göttlichen Feuer vergriffen hat, schickt schließlich Zeus, der aufbrausende Gott, Pandora auf die Erde – ihrer berüchtigten Büchse entflieht unter anderem die mühselige Arbeit. "Im Schweiße seines Angesichts" muss der Mensch von nun an der Erde seine Lebensgrundlage und Nahrung entziehen und das Joch der Arbeit auf sich nehmen, um die Götter nicht zu erzürnen.

Ob die Arbeit nun aus der Büchse der Pandora entstiegen ist oder nicht: Im späten Mittelalter wird sie endgültig zur Pflicht, und langsam aber sicher wird dem Menschen das Nichtstun abgewöhnt. Nicht gearbeitet wird lediglich im Schlaraffenland – nicht umsonst treiben die volkstümlichen Fantasien vom Land, in dem Milch und Honig fließen und Gebratenes in der Luft herumschwirrt, im späten Mittelalter die wildesten Blüten. In der verkehrten Welt des Schlaraffenlandes regieren die Lüste, es herrscht Überfluss und Ausgelassenheit, und es ist wohl der einzige, wenn auch utopische Ort, an dem Nichtstun belohnt und Fleiß bestraft wird.
 

Ohne Fleiß kein Preis

Zum zentralen Wert der westlichen Gesellschaften wird die Arbeit im 19. Jahrhunderts. Vom notwendigen Übel wird das tägliche Schaffen im Industriezeitalter zum höchsten sozialen und moralischen Wert, der den Platz des Individuums in der Gesellschaft bestimmt. Das hat durchaus auch rationale, wirtschaftliche Gründe: Die kapitalistische Maximierungsökonomie, die es sich zum Ziel setzt, so viel wie möglich zu produzieren, kann nur funktionieren, wenn die gesamte Arbeitskraft mobilisiert wird.

Im Zuge dieser "protestantischen Ethik" wird eine strenge Arbeitsmoral und die Kultur des Pflichtbewusstseins zur neuen Leitkultur: der Mensch ist moralisch dazu verpflichtet, tätig zu sein. Parallel dazu verschwindet auch die Hochachtung vor dem Müßiggang zusehends: Wer nicht arbeitete, war verdächtig, weigerte er sich doch, zum Wohl der Gesellschaft beizutragen. Nichtstun war von nun an gleichbedeutend mit Leistungsverweigerung und daher gesellschaftlich nicht mehr akzeptabel.
 

Die Erfindung der Freizeit

Je weiter die Industrialisierung fortschritt, desto stärker wurden auch die Arbeitsformen rationalisiert und reglementiert. Parallel zur strengen, tayloristischen Definition von Produktionsschritten und -abläufen legte man auch die Arbeitszeiten klar fest: Von nun an teilt sich das Leben des Menschen streng in Beruf und "Freizeit". Der Müßiggang hat nur mehr in der arbeitsfreien Zeit eine Daseinsberechtigung – in der Freizeit ist das Nichtstun sogar erwünscht, trägt es doch dazu bei, Energie für den nächsten Arbeitstag zu sammeln. Nichtstun ist legitim, sobald es Erholung von der Arbeit ist.

"Erholung von der Arbeit" kann sich allerdings kaum jemand leisten – nicht umsonst hat der Begriff "Urlaub" seine etymologische Wurzel im althochdeutschen "urloup", das schlicht und einfach Erlaubnis bedeutete. In den Fabriken des 19. Jahrhundert gab es diese Urlaubserlaubnis höchst selten: Im Schnitt waren Mitarbeiter etwa fünfzehn Stunden täglich im Einsatz, freie Tage kannten sie kaum. Besser ging es nur den Beamten: Als einzige Gruppe hatten sie das Privileg eines mehrwöchigen Urlaubs, da sie "geistige Arbeit" leisteten. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts konnten Gewerkschaften die Einführung von einigen gesetzlich geregelten, freien Tagen pro Jahr für alle Arbeiter durchsetzen – als Massenphänomen tritt der Urlaub dank der zunehmenden Mobilisierung (und eines höheren Wohlstandniveaus) erst in den Siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf.
 

Lob der Faulheit

Auch wenn dem Müßiggänger in der rauen Wirklichkeit das Leben schwer gemacht wird – in vielen literarischen und/oder philosophischen Gedankenexperimenten hat er seinen Platz an der Sonne behalten.

In frühen Schriften träumte sogar Karl Marx von einer Gesellschaft, in der die Arbeit für alle Klassen aufgehoben sei, und der Mensch mal dies, mal jenes tue, nachmittags fische, abends Viehzucht betreibe und immer wieder mal philosophiere. Eine besonders schöne, marxistische Apologie des Nichtstuns hat Marx‘ Schwiegersohn Paul Lafargue, kubanischer Mediziner und Kommunist der ersten Stunde, hinterlassen. In seiner Streitschrift "Lob der Faulheit" (1883) klagt Lafargue, dass die Arbeit für den Menschen zur Religion geworden sei – der irrsinnigen Arbeitssucht könne kaum jemand entrinnen. Arbeit dürfe aber, so Lafargue, nicht verpflichtend sein, vielmehr sei sie lediglich als "Würze der Vergnügungen der Faulheit" zulässig und müsse so stark wie möglich minimiert werden. Lafargues Vorschlag: etwa drei Stunden pro Tag arbeiten, und den Rest des Tages der Persönlichkeitsentfaltung widmen.

Keine schlechten Ideen, doch der reale Sozialismus hat diese hedonistischen Gedankenexperimente sehr schnell als "romantische Utopien" verdrängt. In der Sowjetunion wurde die Schrift Lafargues gar als ketzerisch und "spießbürgerlich" diffamiert und verboten.

Den unumstrittenen König der Faulpelze finden wir in der Literatur: Oblomov, Held des gleichnamigen Romans von Ivan Goncharov, verbringt Tag für Tag in seinem Bett, seinen weichen, molligen Leib vom geliebten, orientalischen Morgenrock umhüllt. Der junge Gutsbesitzer quält sich zwar manchmal mit den Gedanken an Arbeiten, die er unbedingt zu erledigen habe, und er ist mehrmals nahe daran, aufzustehen – tatsächlich bleibt er aber meistens einfach liegen und lässt sich von seinem mürrischen, nicht weniger faulen Diener bedienen. Oberflächlich betrachtet ist der Roman natürlich eine satirische Kritik am untätigen russischen Adel: Der ursprünglich von der Literaturkritik geprägte Ausdruck der "Oblomoverei" wurde sogar zu einem eigenständigen Begriff, der eine tiefsitzende Apathie und Faulheit beschreibt. Noch für Lenin war die Oblomoverei symptomatisch für das russische Volk und ein großes Hindernis auf dem Weg zum wahren Sozialismus – nur wenn es gelinge, den "inneren Oblomov" auszulöschen, könne die Revolution siegen.

Trotzdem ist der Müßiggänger Oblomov keine rein negative Figur: Im Laufe der Erzählung sprechen verschiedene, ewig beschäftigte Vertreter der "aktiven" Gesellschaft beim Gutsbesitzer vor, die alle versuchen, den Schläfrigen aus den behaglichen Falten seines Morgenrocks zu locken – aber so wirklich können sie weder den Protagonisten, noch den Leser vom Sinn des Aufstehens überzeugen. Die Sympathien bleiben bei Oblomov, der zwar faul und träge sein mag, dessen reine Seele aber auch die Korruption, Geldgier und Verdorbenheit der "wahren Welt" nicht kennt.
 

Die Kunst des Müßiggangs

Auch, wenn sie manchmal schwer ist: Arbeit ist aber natürlich nicht immer nur mit Mühe und Qual gleichzusetzen. Bereits die Humanisten unterschieden zwischen stupidem, monotonem Tun und schöpferischem Schaffen, durch das sich der Mensch selbst verwirklichen könne. Auch für Marx ist es die Fähigkeit des Menschen zur werkhaften, also schöpferischen Arbeit, die den Kern seines Wesens ausmacht.

Dieses schöpferische Tun findet nicht immer hinter Werkbank oder Schreibtisch statt – viele Künstler sind gerade dann am tiefsten in ihr Werk versunken, wenn es von außen so wirkt, als würden sie "gar nichts" tun. Beethoven soll beim Spazierengehen im Kopf komponiert haben, und jeder Sherlock Holmes Fan weiß, dass der Detektiv kriminalistische Rätsel am besten tief in Gedanken versunken vor dem hauseigenen Kamin lösen konnte. Dass körperliche Trägheit nicht unbedingt etwas mit geistiger zu tun haben muss, beweist zum Beispiel Descartes: Während seiner Lehrzeit im Jesuitenkloster schaffte es der junge Mann morgens nicht, aus den Federn zu kommen – nachdem die Mönche es mehrmals mit Kübeln kalten Wassers versucht hatten (keine Wirkung), beugten sie sich vor dem offensichtlichen Genie und verliehen ihm das Privileg des Spätaufstehens.
 

Das Lob des Müßiggangs

Vor allem das zwanzigste Jahrhundert hat viele kritische Stimmen zum überragenden Wert der Arbeit in der Gesellschaft hervorgebracht. Berühmt ist Bertrand Russell’s Schrift "Lob des Müßiggangs", in der eine organisierte Arbeitsbeschränkung für alle gefordert wird, erlauben es doch die Errungenschaften des Fortschritts, dass Freizeit und Muße nicht mehr nur Privileg einer kleinen Gesellschaftsschicht seien. Ein weiterer Verfechter für die Sache des Müßiggangs ist Tom Hodgkinson, dessen Magazin "The Idler" in Großbritannien Kultstatus genießt. In seinen Büchern erläutert Hodgkinson, der selbst mit seiner Familie auf einer kleinen Farm in der Nähe Londons lebt, die Kunst des Müßiggangs. Schon einfache Dinge wie ein ausgedehntes Mittagessen, ein gemütliches Flanieren am Nachmittag oder der Boykott von Coffee-to-go (laut Hodgkinson eines der größten Übel unserer Zeit) könnten die Lebensqualität schon gewaltig anheben.

Obwohl wir uns manchmal danach sehnen, absolut "nichts" zu tun zu haben, scheint doch ein aktives, tätiges Leben, in dem Phasen der Ruhe mit solchen der Anspannung wechseln, ein Grundelement der Zufriedenheit zu sein. Was ist schon schön daran, den Wecker auszuschalten, wenn man ohnehin nirgendwo sein muss? Welch anarchistischer Genuss hingegen, das lärmende Teufelswerkzeug abzudrehen und noch etwas zu dösen, wenn man eigentlich schon längst im Büro sein sollte… Nichtstun macht gar keinen Spaß, wenn man tatsächlich nichts zu tun hat – der Reiz der Faulheit ist die Erholung von der Arbeit.

Auch Hodgkinson schätzt zwar den Müßiggang, propagiert aber keineswegs Faulheit: Vielmehr möchte er, dass der Mensch lernt, mit weniger auszukommen, dass (Eigen)produktion den übermäßigen Konsum verdrängt, dass sich das Leben wieder verlangsamt und von staatlichen, bürgerlich-konservativen Strukturen unabhängiger wird.

Arbeit an sich soll dabei nicht abgeschafft werden, auch wenn Hodgkinson dafür plädiert, sie auf das Notwendigste zu reduzieren. Wer die Möglichkeit dazu hat, sollte sich beruflich einfach mit dem beschäftigen, was ihm am meisten Freude bereitet – denn wenn man tut, was man liebt, verschwindet die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit wie von selbst. Und für den Müßiggang bleibt auch genug Zeit.

Autor

Angelika Molk

Corporate Marketing Manager

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