J. Zinner, TU Wien

Personalities

Ulrike Diebold, Wiedner Hauptstraße, Wien

Teamarbeit Team Teambuilding

Arbeits- und Lebenswelten am Puls der Zeit. In Gesprächen mit Zeitgenossen überprüfen wir Behauptungen, Klischees oder Wunschbilder, die rund um Orte der Arbeit kursieren. Diesmal befragen wir die Physikerin Ulrike Diebold zu Ihrer Arbeit in Labor und Büro sowie der Bedeutung von Teamarbeit in den Wissenschaften.

Nach einem Studium der Technischen Physik an der TU Wien ging Ulrike Diebold für drei Jahre als Post-Doc an die Rutgers University in New Jersey (USA). 1993 folgte sie einem Ruf an die Tulane University in New Orleans, wo sie 2001 zum Full Professor ernannt wurde und schließlich den "Yahoo! Founder Chair in Science and Engineering" innehatte. Währenddessen absolvierte Diebold eine Reihe von Forschungsaufenthalten an renommierten Universitäten in den USA und Europa. Anfang 2010 kehrte sie wieder nach Wien zurück, wo sie seither - neben einer Forschungsprofessur an der Tulane University - eine Professur für Oberflächenphysik innehat. Die Wissenschaftlerin hat bereits mehrere Auszeichnungen erhalten, darunter zuletzt den Wittgenstein-Preis, der als wichtigste Wissenschaftsauszeichnung Österreichs gilt.


Frau Diebold, wie kann man sich einen typischen Arbeitstag im Leben einer Physikerin vorstellen?
Das kommt ganz darauf an, in welchem Berufsstadium man sich als Physikerin befindet: Als Studentin und ‚Post-doc’ war ich hauptsächlich im Labor, habe Messungen gemacht, Dinge am Experiment repariert (es ist ein komplizierter Aufbau, da geht immer wieder etwas kaputt), oder Daten analysiert. Mit zunehmender Berufserfahrung übernimmt man dann mehr und mehr Managementaufgaben. Heute, als Professorin, verbringe ich einen Hauptteil meiner Zeit damit, zu kommunizieren: mich mit meinen Studenten zu treffen, ihre Daten zu diskutieren, wissenschaftliche Veröffentlichungen zu schreiben (bzw. die meiner Mitarbeiter zu korrigieren), oder mich mit Kollegen auf der ganzen Welt über Email oder Skype auszutauschen. Ich bin auch sehr viel unterwegs, besuche Konferenzen und halte Vorträge. Und dann ist da natürlich die Lehrtätigkeit. Ich halte gerne Vorlesungen. Kommissionsarbeit gibt es auch viel, das mag ich weniger.


Gibt es für Sie so etwas wie einen Hauptarbeitsplatz? Oder gar zwei – ein klassisches Büro für organisatorische Arbeit und ein Labor für Forschung?
Ich habe ein klassisches, sehr liebevoll eingerichtetes Büro, das ich sehr mag. Dort verbringe ich, wenn ich an der TU bin, vielleicht zwei Drittel meiner Arbeitszeit. Den Rest des Tages verbringe ich damit, mich mit meinen Mitarbeitern zu besprechen – direkt im Labor oder in deren Büros, oft auch im gemeinsamen Kaffeeraum.


Das aktuelle Thema unseres Magazins ist das Team – wir fragen uns, warum jemand im Team arbeitet, wie Kooperation funktioniert und wie nicht. Daher die Frage an Sie: Mit wie vielen Leuten arbeiten Sie eng zusammen? Und welche Bedeutung hat dieses Team für Ihre Forschung?
In meiner eigenen Arbeitsgruppe sind wir momentan so um die 20 Leute. Mit denen arbeite ich sehr eng zusammen. Teamarbeit ist wichtig – wir haben sechs Labors, da müssen sich die Leute die Zeit am Experiment teilen. Im Allgemeinen arbeiten mehrere Mitarbeiter gemeinsam an einem Thema – etwa ein Post-doc, ein Doktorand und ein Diplomand, oder jemand, der bei uns seine Bachelorarbeit schreibt. Darüber hinaus haben wir Zusammenarbeiten mit zahlreichen anderen Arbeitsgruppen hier in Wien und im Ausland. Wir machen hauptsächlich Experimente, und es ist für uns wichtig, mit theoretisch arbeitenden Kollegen zu kooperieren, die unsere Messergebnisse modellieren. An den Veröffentlichungen kann man sehen, dass praktisch nie eine Arbeit im Alleingang durchgeführt wird – es sind immer mindestens vier, manchmal über zehn Leute beteiligt und scheinen als Ko-Autoren auf.


Was zeichnet ein gutes Team aus?
Dass sich alle über den Erfolg der anderen freuen. Man kann auf zwei Arten nach oben kommen – entweder, man strebt selbst nach dem Höchsten, oder man tritt nach unten. Bei uns gibt es eine sehr kameradschaftliche Atmosphäre. Alle helfen einander, es ist locker und entspannt. Oft, wenn neue, junge Studenten dazukommen, sind sie anfangs schüchtern und verkrampft. Es ist schön, zu sehen, wie sie bei uns auftauen und lockerer werden.


Gibt es Ihrer Meinung nach spezielle Regeln in der Zusammenarbeit, die eingehalten werden müssen, um erfolgreich zu kooperieren?
Unbedingte Ehrlichkeit und Korrektheit im Umgang mit anderen. Wir Wissenschaftler leben ja hauptsächlich von unseren Ideen. Da muss man darauf vertrauen können, dass andere die Ideen nicht ‚stehlen’. Die Vertrauensbasis ist extrem wichtig, man muss sich auf den anderen verlassen können. Gute Arbeit leisten und die gute Arbeit von anderen honorieren. Und Promptheit beim Antworten, damit man zeigt, dass man die andere Person respektiert.


Was denken Sie, welche Voraussetzungen braucht es am Arbeitsplatz und darüber hinaus, damit wirkliche Innovation entstehen kann?
In unserem Fachgebiet ist die technische Ausstattung sehr wichtig – ich kann eine noch so innovative Idee haben, wenn ich sie nicht verwirklichen kann, dann hilft es mir gar nichts. Exzellente Geräte und technische Infrastruktur sind das Um und Auf in der Experimentalphysik. Aber auch mit den besten Geräten wird man nur Mittelmäßiges leisten, wenn man damit nicht kreativ ist – und Kreativität wächst nur in einer angstfreien Umgebung mit viel Kommunikation.


Wie wichtig ist für wissenschaftliche Arbeit der tatsächliche menschliche Kontakt? Denken Sie, dass es einen Unterschied macht, ob man räumlich zusammenarbeitet, oder sich nur "virtuell" austauscht?
Der menschliche Kontakt ist durch nichts zu ersetzen. Virtuell austauschen ist gut, aber man kriegt nur einen Prozentsatz von dem mit, was man über direkte, reale Kommunikation erreicht. In meiner Arbeitsgruppe gehen wir zum Beispiel jeden Tag gemeinsam in die Mensa. Es sind nicht immer alle dabei, aber wir gehen immer um die gleiche Zeit, damit alle, die wollen, auch mitgehen können. Danach gibt es gemeinsamen Kaffee. Dieser menschliche Kontakt ist unheimlich wichtig. Darum reise ich auch so viel – um mich mit Kollegen aus vielen anderen Ländern direkt auszutauschen. Und wenn ein Kooperationspartner aus dem Ausland uns in Wien auch nur für einige Tage besucht, bringen wir oft mehr weiter, als aus der Ferne in einem ganzen Jahr.


Was macht für Sie einen guten Arbeitsplatz aus?
Der Arbeitsplatz ist für mich nicht so wichtig: Ich kann mich gut konzentrieren, wenn ich arbeite, dann falle ich so richtig rein. Natürlich ist es angenehm, wenn ich Ruhe habe wie zum Beispiel in meinem Büro. Aber ich arbeite auch auf Reisen, auf Flughäfen oder in der Straßenbahn. Manchmal ist das nicht so gut: Es ist schon oft passiert, dass ich so konzentriert bei der Arbeit war, dass ich meine Station verpasst habe. Oder überhaupt gleich in die falsche Bahn eingestiegen bin und das erst bei der Endstation gemerkt habe.


Gibt es bestimmte Rituale, die Sie für wichtig halten in Ihrem Arbeitsalltag?
Ich trinke unheimlich viel Kaffee, und die Espressomaschine steht direkt im Laborbereich. Dadurch verbringe ich dann automatisch viel Zeit bei den Experimenten und mit den Studenten.


Ihr wichtigstes Tool für die Arbeit?
Mein Laptop. Da habe ich alle Daten drauf, und ich schleppe ihn jederzeit mit mir herum. Mit dem kann ich dann überall arbeiten, im Büro, zu Hause, am Flughafen…


Ihre liebste Tätigkeit in Zusammenhang mit der Arbeit?
Neue Messergebnisse zu diskutieren und gemeinsam mit meinen Mitarbeitern und Kooperationspartnern die ‚Nuss’ zu knacken, wie man denn diese ‚komischen’ Daten erklären kann. Das finde ich unheimlich spannend. Da muss man seine ganze Kreativität und sein ganzes Wissen einsetzen. Die Natur überrascht immer wieder.


Was wünschen Sie sich für Ihre Arbeit bzw. Ihren Arbeitsplatz?
Dass es so bleibt wie es ist – momentan läuft es irrsinnig gut, und die Arbeit macht großen Spaß.


Vielen Dank für das Gespräch!

Autor

Angelika Molk

Corporate Marketing Manager

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