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Work in Progress: Der Projektmanager

Work in Progress Kommunikation Arbeitswelten

Zorn Gottes sagen die einen, Überheblichkeit die anderen.

Gut, die Gründe für das Scheitern des mythischen Turmbaus von Babel mögen umstritten sein. Ungeachtet diesbezüglicher Streitigkeiten wollen wir dieses Beispiel heranziehen, um Ihnen im Rahmen der Bene Office.Info Serie „Work in Progress“, in der wir uns mit speziellen Berufsbildern beschäftigen, im Folgenden das Berufsbild des Projektmanagers zu präsentieren. Ein Berufsbild, dessen absolute Aktualität in der modernen Berufswelt augenscheinlich ist.

Projektmanager werden mittlerweile in nahezu allen Branchen gesucht. Händeringend, möchte man hinzufügen. Projektmanagement ist modern und gefragt. Es ist das ökonomische Zauberwort schlechthin und verspricht eine Art Verheißung. Aber halt! Eines nach dem anderen. Wenden wir uns vorerst mal dem originären Spielfeld des Projektmanagers zu: dem Projekt. Wobei uns denn auch das mythische Beispiel behilflich sein wird.
 

Der babylonische Turmbau

Unsere beispielhafte Ausgangssituation: Ein Auftraggeber, in unserem Fall die ganze Menschheit, definiert ein komplexes, ein gänzlich neues Ziel: im Speziellen den Bau eines Turms, der bis in den Himmel reicht. Die zeitgerechte Erreichung des Ziels und die Komplexität der Aufgabe erfordern eine genaue Arbeitsteilung: Handwerker, Köche, Träger und so weiter werden in den Dienst genommen und nehmen die jeweils ihnen zugewiesene Tätigkeit auf.

Das Ziel selbst ist risikobehaftet – wie der Ausgang der Geschichte klar vor Augen führt. In diesem Sinne illustriert der Turmbau von Babel auch etwas anderes. Nämlich die potenzielle Ausgangsmöglichkeit eines jeden Projektes: das Scheitern.
 

Die Eckpfeiler eines Projekts

Gleichzeitig demonstriert unser Beispiel aus dem Reich der Mythen äußerst deutlich die fünf notwendigen Grundvoraussetzungen, die gegeben sein müssen, um bei einer spezifischen Aufgabe von einem Projekt sprechen zu können:

  • Ein neuartiges Ziel
  • Ein Grad von Komplexität
  • Notwendige Arbeitsaufteilung
  • Ein zeitlicher Rahmen für den Abschluss
  • Konsequenzen hinsichtlich Nichterreichung des Ziels     

Sind diese fünf Aspekte erfüllt, sprechen wir ganz allgemein von einem Projekt. Zugleich haben wir somit auch den Tätigkeitsraum festgelegt, innerhalb dessen sich die Arbeit eines Projektmanagers vollzieht: Der Projektmanager definiert mit einem Arbeitgeber ein bestimmtes Ziel, die bereitgestellten Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, sowie einen genauen Zeitplan. Die Klärung dieser Punkte bestimmt den Komplexitätsgrad eines Projekts und verdeutlicht, welche Konsequenzen sich bei Nichterfüllung ergeben. Willkommen im Alltag eines Projektmanagers!
 

Das Profil eines Projektmanagers

Angesichts des skizzierten Tätigkeitsbereichs: Welche notwendigen Eigenschaften zeichnen nun einen Projektmanager aus? Nun, in erster Linie nimmt ein Projektmanager eine vermittelnde Position ein – sowohl zwischen Auftraggeber und ausführenden Organen, zwischen den einzelnen Teilen eines Projekts, als auch zwischen internen und externen Mitarbeitern. Erwartet werden daher viele Fähigkeiten: vom Organisationstalent über ein perfektes Zeitmanagement bis zu einer ausgeprägten Hands-on-Mentalität. Von Führungsqualitäten bis zu Mitarbeitermotivation. Dies erfordert vor allem eines: Vielseitigkeit, äußerste Flexibilität und interdisziplinäres Denken. Der Projektmanager muss das große Ganze im Auge behalten können und zwingend einen Ein- und Überblick über die vielen verschiedenen Teilaspekte eines Projekts haben. Näheres Verständnis sowieso. Sein Alltag bewegt sich dabei stets an der Grenze des Allgemeinen zum Besonderen. Um es auf den Punkt zu bringen: Der perfekte Projektmanager ist vor allem eines – ein spezialisierter Allrounder!
 

Der Werdegang eines Projektmanagers

So nebulös, wie die Beschreibung irgendwie klingen mag, so vielfältig ist denn auch der Arbeitsalltag eines Projektmanagers. Und so offen auch der Weg dorthin. Es erscheint dabei auffällig, dass es kaum genuine Ausbildungsmöglichkeiten zum Projektmanager gibt. Im Regelfall nehmen meist Quereinsteiger diese Position ein, denen bestenfalls durch ergänzende Studiengänge einige Managementqualitäten und geeignete Softwaretools nähergebracht werden. Dies mag natürlich daran liegen, dass die Anforderung jedes Projektes andere sind. Neues Projekt, gänzlich neue Herausforderungen. Trotzdem erscheint der Mangel an diesbezüglichen Ausbildungsmöglichkeiten irgendwie bezeichnend. Und drängt eine Frage auf. Eine Ausbildung zum vielfältigen Allrounder – Scheint dies nicht dem Wesen unseres jetzigen Bildungssystems zu widersprechen? Dem Wesen der Spezialisierung? 
 

Eine Antwort auf moderne Arbeitsverhältnisse?

Lassen Sie uns die Fragen genereller formulieren: Kann es sein, dass der bezeichnende Aufstieg dieses Berufsbildes in den letzten Jahrzehnten eine bestimmte Entwicklung der Arbeitswelt und der Ausbildung zu überbrücken versucht? Genauer formuliert: Ist der Projektmanager eine Antwort auf das stetige Voranschreiten der Arbeitsteilung; die Antwort auf einen zunehmenden Spezialisierungstrend der Moderne?

In diesem Sinne würde der Beruf Projektmanager nämlich nicht nur hinsichtlich der Erfüllung eines einzelnen Projekts eine vermittelnde Rolle zwischen den einzelnen Projektbeteiligten einnehmen, sondern auch in Hinblick einer Metaebene von Arbeit im 21. Jahrhundert – als Überbrückung verschiedenster, zum Teil neu entwickelter Disziplinen. Der Projektmanager als Allrounder, der in Zeiten der zunehmenden Spezialisierung, der Globalisierung und der konsequenten Ausdifferenzierung der Arbeitswelt als notwendiges Regulativ vor allem eines garantieren soll: Überblick.
 

Die babylonische Sprachentwirrung

Um nochmal auf unser anfängliches Beispiel zurückzukommen: Der Mythos des Turmbaus demonstriert in diesem Kontext nämlich noch weit mehr. Wie heißt es im Mythos? Das Nicht-Verstehen untereinander führte zum Scheitern des Projekts. Ein mythischer Erklärungsversuch für die Entstehung der Sprachen. Ja, aber nicht nur. Metaphorisch lässt sich dies ebenso auf die moderne Spezialisierung der Arbeitswelt und Ausbildung umlegen. Man denke etwa an die voranschreitende Weiterentwicklung immer spezifisch ausgerichteter Ausbildungen und immer hermetischer werdender Fachsprachen. Übertragen auf unser mythisches Beispiel: Die Projektteilnehmer des Turmbaus verstanden sich nicht mehr, da nicht nur ihre Muttersprachen, sondern vor allem auch ihre jeweiligen Fachsprachen sich dermaßen weiterentwickelt hatten, dass eine Verständigung untereinander nicht mehr möglich war. Mangelnde Kommunikation, wohin man blickt …
 

Der Lösungsversuch

Angesichts des Spezialisierungstrends und der stetigen Weiterentwicklung moderner Firmenstrukturen – man denke an die allgegenwärtigen Schlagwörter Verschlankung, Auslagerung und Projektzentrierung – ist die vermittelnde Funktion des Projektmanagers zu einer ökonomischen Notwendigkeit im 21. Jahrhundert avanciert. Seine Funktion: Vermittlung. Seine Tugend: Flexibilität. Seine Königsdisziplin? Kommunikation! Er geht nicht einfach nur seiner Arbeit nach. Er verfolgt ein Projekt. Er schließt es ab. Und verfolgt das nächste. Dynamik, Flexibilität und immer in Bewegung – Der Projektmanager ist die Personifizierung all dessen. In diesem Sinne verkörpert er somit vor allem eines: die propagierten Eigenschaften moderner Marktwirtschaft.

All dies führt uns letztlich dazu, den Beginn des Artikels neu zu formulieren. Die Gründe für das Scheitern des Turmbaus? Zorn Gottes sagen die einen, Überheblichkeit die anderen. Falsch! Mangelnde Kommunikation und schlechtes Management – sagt die moderne Marktwirtschaft. Und spiegelt damit eines wider: die momentane Konjunktur des Projektmanagers.

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