Artikel von: Hajo Eickhoff

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Die Erfindung des Büros: Das digitalisierte Büro des 21. Jahrhunderts

Bürotätigkeit als Speicherarbeit - Speicherung ist ein Prinzip des Lebens. Ein Prinzip der Evolution und des Menschseins, nicht erst das Vermögen moderner Kommunikationstechnologien.

So wie in der Evolution Merkmale der Lebewesen gespeichert, weitergegeben und entwickelt werden, so speichert und entwickelt der Mensch seine Kulturmerkmale durch Kultur – das ist das Übertragen von Wissen und Können an nachfolgende Generationen sowie das Herstellen dinglicher Objekte wie Werkzeuge und Gebrauchsgegenstände.

Das Kulturereignis Büro wird erfunden, um besondere Formen der menschlichen Tätigkeit in Zeichen und Symbolen zu speichern: Technische und kaufmännische Aufgaben wie die Vorgänge um das Herstellen von Gütern, ihr Verkauf und Vertrieb werden im Büro fixiert und archiviert.

Dabei genügen wenige Werkzeuge und Tätigkeiten um ein Stück Filztuch – die Burra – herum, um ein Büro zu konstituieren. Zuerst wird das Tuch Büro genannt, dann der Tisch, auf dem das Tuch liegt, dann der Raum, in dem der Tisch steht. So bestimmen immer zwei Elemente ein Büro – der Raum und die Werkzeuge. Heute sind es zwei Geräte, die genügen, um ein Büro zu konstituieren: der Laptop – die moderne Mitte des Büros – und das Mobiltelefon.
 

Das Büro als Werkzeug

Im "klassischen" Büro werden kaufmännische Abläufe wie Vertragsabschlüsse, Bilanzierungen und Verrechnungen handschriftlich mit Feder, Tinte und Papier kopiert. Später kommen Schreib- und Buchungsmaschinen hinzu. Im Jahr 1806 patentiert der Engländer Ralph Wedgewood ein Vervielfältigungsverfahren mit Hilfe von Kohlepapier, das erst seit drei Jahrzehnten, durch die Erfindung von Kopiergeräten und digitaler Technik, der Vergangenheit angehört.

In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts gibt es eine Revolution der Werkzeuge: die Digitalisierung, die in zwei Jahrzehnten zum Standard der Büroarbeit wird. Die neuen Werkzeuge sind Kopierer, Faxgerät, Computer, Mobiltelefon und Internet. Ihr Potenzial liegt in der schnellen Verarbeitung, im großen Speichervermögen, in der enormen Verkleinerung von Arbeitsmitteln, im Errechnen von Prozessen und in der rigorosen Vereinfachung der Kommunikation. Texte, Tabellen, Bilder und Filme lassen sich problemlos bearbeiten und auf Disketten, Festplatten und DVDs speichern.

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Die Erfindung des Büros: Leidenschaften der Büroarbeit - Büroformen des 20. Jahrhunderts

Speicherleidenschaft: Von Beginn an bedeutet Büroarbeit Vervielfältigen, Ordnen, Ablegen und Wiedererkennen. Genau in dieser Reihenfolge. Die Arbeitsvorgänge von Unternehmen werden dokumentiert und bewahrt, um auf die vergangene Arbeit für unterschiedliche Belange zurückgreifen zu können. Im Verlauf der Geschichte haben sich nicht so sehr diese Aufgaben gewandelt, sondern Werkzeuge und Medien.

Büroarbeit ist die Verdinglichung des menschlichen Gedächtnisses. Was Angestellte nicht im Gedächtnis behalten können, muss in Speichermedien aufbewahrt werden. Daher die Leidenschaft der Vervielfältigung und Bewahrung. Sie dient dem Ordnen und Einordnen, dem Begründen und Wiederfinden vergangenen Tuns. Kurz – es handelt sich bei der Leidenschaft um das Dranbleiben und Dabeibleiben. Aufträge, Belege und Korrespondenzen, Einstellungen, Entlassungen und Umsätze, Gewinne und Bankvorgänge, Jahresbilanzen und Perspektiven müssen zugänglich bleiben und fordern systematische und umfangreiche Speichersysteme. Dazu hat die Büroarbeit im frühen 20. Jahrhundert Aktenordner, Karteikarten und Lochkartensysteme erfunden – danach folgen Disketten, Festplatten, Kompakt-Disks und Flash-Speicher, die Höhepunkte der Speicherleidenschaft.
 

Ordnungsleidenschaft

Wo Räume bewusst gestaltet werden, ist ihre Ordnung von den Aufgaben und Funktionen abhängig, für die sie vorgesehen sind. Daher sind die vielen kleinen Büros der Industrieverwaltung Ausdruck der Arbeitsteilung der produktiven Fabrikationsarbeit und der daraus folgenden Differenzierung der Speicherarbeit.

Diese Büroräume mit ihrem Arsenal unterschiedlicher Werkzeuge, Maschinen und Medien wie Aktenordner, Lochkarte und Telefon, wie Diktiergerät und Schreibmaschine, wie Tisch und Stuhl bilden die Büroordnung der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Sie geben der Verwaltung eine klare Gliederung und erlauben ein intensives Arbeiten in engen Räumen.

Die Erfindung des Büros: Das emsige Büro

Die Entwicklung von Handel, Handwerk und Bildung im Zeitalter der Renaissance erreicht in der Epoche der Aufklärung eine erste Blüte, deren Basis die Technik ist. In der Epoche der Industrialisierung gewinnt sie ihre entfaltete Gestalt, die sich in Fabriken, Großstädten und einem mechanistischen Weltbild ausdrückt. Als Antrieb dieses Fortschritts gelten Vernunft, Rationalität und der Freiheitsdrang des Menschen.
 

Geburtsstunde des modernen Büros: in der Manufaktur

Manufakturen sind erweiterte Handwerksbetriebe, gekennzeichnet durch Spezialisierung, Arbeitsteilung und Serienfertigung. Manufakturarbeit ist charakterisiert durch den Einsatz einfacher Maschinen. Diese neue Produktionsform differenziert auch die Büroarbeit, da die unterschiedlichen Tätigkeitsbereiche wie Planung, Korrespondenz und Vertrieb eng zusammengeführt sind. Da die raschen Produktionsabläufe einen hohen Grad an technischer und organisatorischer Raffinesse erfordern, werden erstmals Anforderungen an die Größe und die Raumstruktur eines Büros gestellt. Genügt bis dahin die Werkbank als Ort für Planung und Entwicklung, werden von da an die unterschiedlichen Bürotätigkeiten in einem eigenen Raum ausgeführt. Dieser Ort ist das Manufakturbüro, das die eigentliche Geburtsstunde des modernen Büros ist.
 

Von der Manufaktur zur Industrie

Von der Manufakturarbeit zur Fabrikfertigung erfährt das Büro eine rasche Entwicklung, denn mit der Mechanisierung und Verfeinerung der Arbeitsprozesse wird auch die Bürotätigkeit immer arbeitsteiliger.

Die Industrie beginnt mit der Einführung der Dampfmaschine, die den Produktionsprozess mechanisiert. Industrieverfahren sind rationalisierte Fertigungsweisen der Massenfertigung, die den Handel internationalisiert und neuartige Berufe, ungekannte Bedürfnisse und neue Klassen von Gütern hervorbringen. Unzählige Unternehmen werden gegründet – Unternehmen für Planung und Über­setzung, Bildungseinrichtungen, Verkehrsbetriebe, kommunale und staatliche Verwaltungen, Unternehmen für Müllbeseitigung und Institutionen zur Bewahrung und Archivierung von Kultur- und Naturgütern wie Museen und zoologische Gärten.

Die Erfindung des Büros: Die Aufklärung in Leben und Arbeit

Writing table / Bureau plat

Aus Kontoren, Skriptorien und Kanzleien sind im 18. Jahrhundert, der Epoche der Aufklärung, Ideen zu einem einheitlichen Raumtypus entwickelt worden, der erst mit Beginn der Industrialisierung realisiert wird. Denn die Räume werden zwar nach bürotechnischen Funktionen eingerichtet, sind jedoch noch nicht speziell für die Büroarbeit errichtet worden. Das Büro wird aber bereits ein wichtiger Ort der Kreativität und dient der Rationalisierung, dem Entwerfen, der Planung und Entwicklung unterschiedlicher Arten von Arbeit.

Die Epoche der Aufklärung ist ein Höhepunkt der Wissenschaften und der Manufakturen. Erreicht ist eine Stufe zwischen Handwerk und Industrie, in der die organisierende und verwaltende Tätigkeit zunimmt. Die Bürotätigkeit bleibt nicht länger dem Handel vorbehalten, sondern wird Teil der praktischen und wissenschaftlichen Arbeit. Das Ordnen, Archivieren, Korrespondieren und Verwalten ist eine Begleiterscheinung des Handels ebenso wie der Produktion, der Verwaltung des Staates und der Bildung. Dies erfordert neben handwerklichen Fähigkeiten das Lesen und Schreiben, logisches Denken und Rechnen. Handelshäuser, Behörden, Fabriken, Schulen und Universitäten richten sich Büros ein, die immer noch Kontor und Kanzlei heißen, sich aber differenzierten zu Amtsstube, Geschäftszimmer und Sekretariat.

Der aufgeklärte Mensch glaubt, er könne sich bei der Einrichtung der Berufswelt von Märchen, Mythen und von der Religion freimachen und sich allein auf die Vernunft verlassen – wobei er als vernünftig das systematische und methodische Vorgehen ansieht. Zur Ausführung und Beherrschung der Büroarbeit muss der Mensch lernen, sich auf geistige Vorgänge zu konzentrieren. Eine Fähigkeit, die er in der Schule und während der Ausübung des Berufs erwirbt.
 

Arbeit als Bildung und Menschwerdung

Alles, was die Aufklärung berührt, wird erhellt, erhöht. Die Arbeit wird aufgewertet und wendet sich gegen den durch Geburt bestimmten Adel. Arbeit wird neu bewertet. Wird sie in der Antike als minderwertige Tätigkeit angesehen und im Mittelalter als Plage und Mühsal, sieht die Aufklärung in der Arbeit ein Mittel der Menschwerdung und der Emanzipation der Bürger. Im 18. Jahrhundert bringt sie dem Bürgertum den Aufstieg zu einer führenden Klasse und macht Arbeit zu einem Bildungsprinzip. Da sich Büroarbeit durch Ordnung und Archivierung als sehr produktiv erweist, geniest sie ein hohes Ansehen.

Die Erfindung des Büros: Tisch, Buch und Scriptorium

svair/aboutpixel.de

Wie kommt das Büro in die Welt? In der modernen Welt sind Büros bedeutsame Orte. Denn die moderne Arbeit ist wesentlich Büroarbeit.

Von Büros aus werden Unternehmen geführt, politische Ordnungen gelenkt, wissenschaftliche Neuerungen entwickelt und globale Prozesse vorangetrieben. Auch Arbeitsräume wie Arztpraxen und Lehrerzimmer oder Zwischenräume wie Foyers, Flugzeuge und Cafés wandeln sich zu Büros.

Das traditionelle Büro dient der Ordnung und Bilanzierung des Handels sowie der Organisation der Produktion mit den dazugehörigen Abläufen von Einkauf, Verwaltung und Vertrieb. Moderne Büros ordnen, organisieren und verwalten auch geistige Produkte wie Logistik, Arbeitsstrukturen, Design und eine Vielzahl von Projekten – ohne zwingenden Bezug auf materielle Güter.

Doch wie kommt das Büro in die Welt? Wie ist es entstanden und wie hat es sich entwickelt?
Das Büro entsteht vor 800 Jahren und ist eine Erfindung der Mönche. Aber bevor es – im 13. Jahrhundert – zu einer professionellen Institution wird, hat es bereits eine Jahrhunderte dauernde Vorgeschichte.
 

Das Kloster

Die Vorgeschichte des Büros beginnt im Kloster, als der Mönch und Heilige Hieronymus um das Jahr 400 das Alte Testament ins gesprochene Latein übersetzte. In den nachfolgenden Jahrhunderten lassen viele Klöster den Hieronymus-Text – die Vulgata – kopieren, der noch heute ein verbindlicher Bibel-Text ist.

Klöster sind Unternehmen. Religiöse, soziale und wirtschaftliche Produktionsstätten materieller und geistiger Güter. Sie sind die Stätten, in denen die antike Kultur bewahrt wird durch das Abschreiben und Übersetzen alter Papyrus- und Per¬gamentrollen – der ältesten Buchform –, und die Weitergabe ihrer Ideen.

Poesie der Möbel

Die Mitte archaischer Gemeinschaften bilden heilige Gegenstände. Ein Stein, der Zahn eines Tieres, ein Stück Holz. Das Heilige umgreift die sozialen, rätselhaften, praktischen und ästhetischen Komponenten einer Gemeinschaft und gibt den Menschen vom Ursprung des Seins ein Bild und eine Ahnung. Auf Grund dieser existentiellen Bindung geben heilige Gegenstände den Menschen eine Ordnung sowie Lebenssinn und Orientierung.
 

KOMMUNIKATION

Möbel sind ursprünglich Objekte der Kommunikation mit den Mächten des Universums. Geweihte Objekte, Tisch und Stuhl waren einst Altar und Thron, entstanden in Zusammenhängen um ein heiliges Geschehen. Möbel sind Gestelle, die als gemeinsames Merkmal haben, dass sie etwas vom Boden abheben. Der Mensch hat die vier Möbel Bett, Truhe, Stuhl und Tisch erfunden. Tisch und Truhe dienen dem Abheben und Halten von Gegenständen. Bett und Stuhl halten den Menschen. Sie sind seine persönlichsten Gegenstände. Der Stuhl drängt sich ihm so nah auf, dass er seine typische, aufrechte Haltung aufgeben muss. Das Abendland hat alle vier Möbel am weitesten entwickelt, zu unendlich vielen Unterarten ausgefaltet und dem Heiligen eine profane Form gegeben.

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