Personalities

Clemens Setz, Lendplatz, Graz

Interview Literatur Inspiration Pause

Arbeits- und Lebenswelten am Puls der Zeit: In Gesprächen mit Zeitgenossen überprüfen wir Behauptungen, Klischees oder Wunschbilder, die rund um Orte der Arbeit kursieren. Diesmal sprachen wir mit Clemens Setz, der als freier Schriftsteller und Übersetzer in Graz lebt. In einer virtuellen Unterhaltung mit Angelika Molk erzählte er vom Müßiggang, von seinem Arbeitsalltag als Schriftsteller und der Wichtigkeit der externen Festplatte.

Der 1982 geborene Autor gilt als große Hoffnung der deutschsprachigen Literatur der Gegenwart. In seinen Romanen, Erzählungen und Gedichten, die bereits mehrfach ausgezeichnet wurden, spielt er oft mit Elementen des Absurden oder Rätselhaften. Neben dem Schreiben beschäftigt sich Setz, der Mathematik und Germanistik studiert hat, auch mit Obertongesang und praktiziert Zaubertricks.


In der Sommerausgabe unseres Magazins geht es um den "Müßiggang". Dieser Begriff hat eine sehr starke Umwertung erfahren – während in der Antike der Müßiggang hoch angesehen war und als "Idealzustand" galt, wurde u.a. durch die Ideen des Christentums und die fortschreitende Industrialisierung die Arbeit zur heiligen Pflicht, zum moralischen und sozialen Wert, der den Platz des Individuums in der Gesellschaft bestimmt. "Müßiggang ist aller Laster Anfang", sagt der Volksmund. Künstler bewegen sich oft etwas außerhalb dieses gesellschaftlichen Regelwerks, und man gesteht ihnen, in Erwartung eines großen Werks, gerne ein gewisses Recht zum Müßiggang (und zum Laster) zu – das Nichtstun gehört, pointiert gesagt, zur Kunst. Wie stehen Sie dazu? Tun Sie auch gerne mal nichts?
Ja. Mit "nichts" meint man ja allermeistens "nichts Produktives": Spazierengehen, Tetrisspielen, Herumliegen, Katze beobachten, usw. Mein Leben wäre bestimmt sehr trostlos, wenn ich diese Dinge nicht mehr tun dürfte.


Walter Benjamin erwähnt in seinem Passagenwerk sinngemäß, dass ein Künstler oft dann am tiefsten in sein Werk und Schaffen versunken sei, wenn es nach außen so wirkt, als würde er gar nichts tun. Unterscheiden Sie als Autor zwischen Frei- und Arbeitszeit, oder verschwimmen die Grenzen?
Ich würde sagen, die Grenzen verschwimmen. Schreiben ist das, bei dem ich mich am lebendigsten fühle, also brauche ich keine Ruhepausen danach. Allerdings ist es so, dass in den intensiveren Arbeitsphasen, etwa beim Beenden eines längeren Buches, mein Arbeitstag durchaus "klassisch" wird, das heißt, die Arbeit ist mühevoll und es fordert mir Disziplin und Geduld ab, um sie zu bewältigen, und danach brauche ich tatsächlich Erholung von der Anstrengung.


In der Literatur gibt es viele Müßiggänger – mein persönlicher Favorit ist Oblomov, der St. Petersburger Gutsbesitzer, der sich tagelang kaum aus dem Bett erhebt. Findet sich in Ihrem Werk auch ab und an ein Faulpelz?
In meinen Büchern gibt es da nur wenige. Das ist mir allerdings bislang gar nicht aufgefallen. Merkwürdig, da mich solche Figuren eigentlich sehr interessieren.

Ich vermute einmal, dass sich Ihre Tätigkeit als Schriftsteller stark von der heute vorherrschenden "Nine-to-Five" Büroarbeit unterscheidet. Haben Sie als Autor trotzdem so etwas wie einen Arbeitsalltag, eine gewisse Routine oder Regelmäßigkeit in Ihrem Tun?
Ja, sogar sehr regelmäßig, jeden Tag. Aber die meiste Zeit muss ich zu dieser Regelmäßigkeit nicht zwingen, im Gegenteil, ich werde eher traurig und unzufrieden, wenn ich nicht dazu komme.


Wie und womit schreiben Sie? Gibt es spezielle Objekte, die Ihnen für Ihre Arbeit etwas bedeuten?
Ich schreibe längere Dinge auf dem Laptop, aber die meisten Entwürfe und kürzeren Texte entstehen mit der Hand, in diese ca. A5-großen Notizbücher, immer mit sehr dünnem Fineliner. Meine Schrift ist winzig klein und ich schreibe immer Blockbuchstaben, die für andere sehr schwer zu lesen sind. Das wichtigste Objekt bei der Arbeit mit dem Laptop ist die externe Festplatte, auf die ich sofort alle Sicherungskopien lege. Ohne die hätte ich meinen letzten Roman zweimal mit Sicherheit unwiederbringlich verloren.


Wo arbeiten Sie am liebsten?
Zuhause in meinem Zimmer, bei offenem Fenster.


Gibt es Orte, von denen Sie annehmen, dass Sie ihre Kreativität fördern, an denen Sie besonders gerne schreiben? Oder umgekehrt, Orte, an denen Sie nie im Leben einen "geraden Satz" schreiben könnten, die Sie aber zur Inspiration brauchen?
Ich glaube, die meisten Orte auf der Welt fallen eher in die zweite Kategorie. Ich kann im Grunde nur zuhause wirklich gut arbeiten.


Sie sind auch als Übersetzer tätig – wie gehen Sie an Übersetzungen heran? Muss man als Schriftsteller für eine Übersetzung seine eigene Stimme nicht sehr stark zurücknehmen?
Das mit der eigenen Stimme ist nicht so dramatisch, man sollte wahrscheinlich einfach einen Ohrwurm vom Originaltext bekommen und den dann in der eigenen Sprache reproduzieren. Aber es ist durchaus Platz für eigene Ideen in einer Übersetzung, sie bewegen sich halt auf einer anderen Ebene als bei einem Roman. Ich würde gern mal wieder was übersetzen. Aber ich bin, im Unterschied zu professionellen Übersetzern, etwas langsamer, das mögen Verlage meist nicht so.


Müßiggang, Erholen und Nichtstun gehören für viele zum Sommer dazu – wie halten Sie es mit dem Urlaub?
Das Wort Urlaub kommt von einem mittelhochdeutschen Ausdruck, der so viel wie "Erlaubnis" bedeutet. Im Augenblick hab ich das Glück, niemandes Erlaubnis zu brauchen, um irgendwohin zu fahren.


Vielen Dank für das Gespräch!

Autor

Angelika Molk

Corporate Marketing Manager

Clemens Setz


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