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Coworking auf russische Art – ein Besuch in Moskau

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Coworking Spaces gibt es längst nicht nur in New York, Berlin oder London – auch in Asien, Brasilien und sogar Addis Abeba schießen die non-territorialen, gemeinschaftlich genutzten Büros wie Pilze aus dem Boden. Wir haben uns nach Moskau begeben, und uns dort drei sehr unterschiedliche Coworking Spaces etwas genauer angesehen.
 

Repräsentatives Arbeiten in der "Cabinet Lounge"

Seit 2011 bietet mitten im Zentrum von Moskau die elitäre Cabinet Lounge ihre Dienste an. Dieser "private members business club" ist kein Coworking im strengen Sinne – hier kann man sich nicht spontan für wenige Stunden einmieten. Zutritt zu den elegant ausgestatteten Räumlichkeiten erhalten nur Mitglieder, wobei eine Mitgliedschaft monatlich mit etwa 1000 Dollar zu Buche schlägt. Das Klientel der Cabinet Lounge ist daher auch dementsprechend wohlsituiert – hierher kommen Manager und leitende Angestellte kleinerer Firmen, die ein repräsentatives Office im Zentrum suchen. Ebenso zählen Politiker und Geschäftsreisende, die auch in der russischen Hauptstadt nicht auf Komfort verzichten wollen, zu den Gästen. Die Vorteile einer Mitgliedschaft liegen auf der Hand: für Moskauer ist eine Klubmitgliedschaft immer noch viel günstiger, als es das Mieten einer vergleichbaren Immobilie in ähnlich guter Lage wäre. Zudem eignet sich die Cabinet Lounge ausgezeichnet für Geschäftstreffen, sei es in speziellen Meetingräumen, sei es in etwas entspannterer Atmosphäre im hauseigenen Restaurant.

Das Konzept komme, so Anna Karabash, Pressesprecherin des Unternehmens, in Moskau sehr gut an, auch wenn sich das Format des "Open Space" Büros nur langsam durchsetze: "In unseren Büroräumen hat niemand einen eigenen Arbeitsplatz, genauso wie im Fitnesscenter ja auch niemand sein persönliches Laufband hat. Da wir ein Klub sind, lernen sich die Leute aber schnell kennen, und die Atmosphäre ist schon fast familiär. Nach einer Weile wissen alle, dass der Platz am Fenster dem älteren Bruder gehört, darum setzen sich die anderen Familienmitglieder nicht dahin, um ihn nicht zu verärgern." Da durchaus Nachfrage bestehe plane man, so Karabash, bereits eine zweite Cabinet Lounge an der Rubljevka, der "goldenen Meile" der Superreichen an der Peripherie Moskaus. Keine schlechte Idee, nimmt doch auf Grund der vielen Staus die Anreise von der Rubljevka in das Stadtzentrum der Millionenstadt oft mehr Zeit in Anspruch, als etwa ein Flug von Moskau nach London. Durchaus sinnvolle Zeitersparnis also, sich das Büro vor die Haustür zu holen.
 

"Cowork Station" – Raum für Hipster, Freelancer und Start-Ups

Ein Coworking Space ganz nach europäischem Vorbild ist die "Cowork Station" im Gorky Park. Hier arbeitet man nicht nur nebeneinander, sondern legt auch sehr viel Wert auf Austausch – neben vielfältigen Seminaren stehen daher auch regelmäßig Filmvorführungen und Events auf dem Programm. Das Konzept der "Cowork Station" erklärt Inhaber Michail Komarov: "Wir wollten in unserem Coworking vor allem die Kommunikation fördern, daher haben wir den Raum eigentlich gar nicht in verschiedene Zonen unterteilt, nur der Meetingraum wurde abgetrennt. Wir haben etwa zwei Meter lange Tische aufgestellt, für jeweils vier Personen. Die Fenster sind sehr groß, dahinter Wald, eine schöne Aussicht, natürliches Licht. Alle Möbel sind aus Holz, die Stühle haben wir selbst gemacht. Wir wollten vermeiden, dass die ‚Cowork Station‘ einem typischen Büro gleicht, daher haben wir zum Beispiel auch keine klassischen Drehstühle, sondern Korbsessel, wie im Garten."

Welchen Kategorien die Nutzer der " Cowork Station" zuzurechnen sind, lässt sich leicht anhand der Preisliste erfahren – teilt sich diese doch in Tarife namens "Hipster", "Freelancer" und "Start-Up". Ab 650 Rubel pro Tag (etwa 12 Euro) kann man sich hier einen Arbeitsplatz mieten, für umgerechnet 400 Euro pro Monat bekommt man außerdem Zugang zu einem Meetingraum, erhält einen Container für persönliche Unterlagen und darf sich auch seinen Lieblingsarbeitsplatz reservieren lassen.
 

"Third Places" und Anticafés - Arbeitsplätze der anderen Art

In den späten Achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts prägte der Soziologe Roy Oldenburg den Begriff des "Third Place" – gemeint sind damit Orte wie Kaffeehäuser, Bibliotheken oder auch andere soziale Räume, die als neutrales Territorium zum Austausch dienen und sich zwischen Zuhause und Arbeitsplatz positionieren. Viele dieser so genannten dritten Orte können auch als (temporäre) Arbeitsplätze dienen. In Moskau ist die Liste dieser Third Places lang: Viele von ihnen ermöglichen nicht nur ein angenehmes Arbeiten in freundlicher Atmosphäre, sondern bieten auch die Möglichkeit, sich mit ähnlich Denkenden auszutauschen. Die starke Nachfrage nach dieser Art von Räumen hängt auch mit der prekären Wohnsituation in der russischen Metropole zusammen: Da die Immobilienpreise extrem hoch sind, hat sich bisher noch kaum eine WG-Kultur etabliert, und die meisten jungen Leute leben noch bei ihren Eltern. Vielen talentierten Köpfen fehlt außerdem das Geld, um zur Geschäftsidee auch gleich das dazu passende Office zu mieten. "Third Places" bieten einen willkommenen Ausweg aus dieser Situation.

Zu einem sehr beliebten Format ganz im Sinne der "Third Places" haben sich in den letzten Jahren die so genannten "Anticafés" entwickelt – hier wird das von Benjamin Franklin postulierte "Zeit ist Geld" sehr wörtlich genommen: Der Besucher bezahlt nicht für konsumierte Getränke, sondern lediglich für die Zeit, die er in so einem Café verbringt.

Eines der bekanntesten Anticafés nennt sich "Ciferblat". Neben den üblichen Besuchern, die hier lesen, Schach spielen oder Freunde treffen, wird dieses Anticafé vor allem von Studenten, Selbständigen und jungen Müttern gerne als temporärer Arbeitsplatz genutzt. Hier kann man unkompliziert und in netter Atmosphäre an Projekten arbeiten, ohne allzu viel Geld auszugeben. Die Preise im "Ciferblat" sind nämlich äußerst demokratisch: Während in der ersten Stunde eine Minute auf zwei Rubel kommt (etwa 5 Cent), bezahlt man ab der zweiten Stunde nur mehr 1 Rubel pro Minute. Gemessen wird die Zeit mit alten Weckern, die von den Flohmärkten und aus den Antiquariaten der Stadt stammen. Kaffee, Tee, Gebäck und Wifi sind im Preis inkludiert, Essen kann man gerne selbst mitbringen. Zur Unterhaltung und Weiterbildung finden außerdem regelmäßig Spieleabende, Lesungen und nächtliche Kinovorführungen statt.

Alles in allem also ein "Third Place", wie er im Buche steht. Und auch, wenn es im "Ciferblat" für konzentriertes Arbeiten auf Dauer vermutlich zu laut und lebhaft ist – für ein Brainstorming mit Gleichgesinnten oder etwas Online-Recherche lässt sich kaum ein gemütlicherer Ort denken.

Autor

Angelika Molk

Corporate Marketing Manager

Cabinet Lounge Moscow


Cabinet Lounge Moscow


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Cowork Station

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Ciferblat

Ciferblat


Ciferblat

Ciferblat


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