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Creative Office – oder: Auch Räume besitzen Intelligenz

Arbeitswelten Bürotrends Räume der Arbeit

Wer kennt sie nicht aus älteren Filmen oder Erzählungen: die Schreibstube. Sie stand am Anfang der Büroentwicklung. Dann kam der Taylorismus mit seinem mechanistischen Menschenbild und mit zerteilten Arbeitsaufgaben. Gesamtzusammenhänge waren für den Arbeitenden kaum erkennbar, da die einzelnen Arbeitsschritte hermetisch voneinander getrennt waren. Dafür waren die Schnittstellen genau definiert. Erst die Wissensökonomie durchbrach dieses Schachteldenken und initiierte gleichzeitig eine Reihe von unterschiedlichen Bürokonzepten.
 

Das gesamte Büro als Arbeitsplatz

Nach Zellenbüro, Teambüro, Großraumbüro und anderen geht die Reise nun Richtung Creative Office. Was das bedeutet? Ein Gesamtkonzept mit hoher Differenzierung. Denn Büros von morgen müssen ganzheitlich betrachtet und vielfältig gestaltet werden. Ganz wie es Nutzer, Arbeitsabläufe und Kommunikationsprozesse verlangen. So ist entscheidend, dass neben dem klassischen Arbeitsplatz abwechslungsreiche Zonen wie Business-Lounge,

Meetingräume, Thinktanks Präsentationsbereiche, Coffice bzw. Begegnungsräume unterschiedlicher Qualität und Größenordnungen angeboten werden. Mit einem Wort: Das Büro der Zukunft ist eindeutig kein monotoner, gleichförmiger Ort, sondern eine bunte Landschaft – ähnlich einem urbanen Lebensraum mit variantenreichen, inspirierenden Plätzen.

Die Struktur moderner Büros engt Mitarbeiter im Idealfall nicht ein – sondern ganz im Gegenteil: Sie eröffnet ein spannendes und motivierendes Umfeld, das frei nutzbar ist. Damit erhält auch der Arbeitsplatz eine neue Definition: Denn das gesamte Büro wird zum Arbeitsplatz – in Ergänzung zum klassischen "Fokus" Schreibtisch. So können Wissensarbeiter den komplexen und unterschiedlichen Anforderungen, die an sie gestellt werden, besser begegnen. Denn Ortswechsel schaffen auch Überblick und in jedem Fall Freiraum, für mehr Kreativität und effiziente Teamarbeit.

Apropos "unterschiedliche Anforderungen": Aus einer Untersuchung von Gensler aus dem Jahre 2008 gehen vier Arbeitsweisen hervor, die die Büros der Zukunft unterstützen sollen: Focus, Learn, Collaborate, Socializing. Damit sind wir schon ganz nah am Thema "Creative Office". Denn natürlich braucht es Zonen für Konzentration, in denen man ungestört ist, privaten Raum hat und sich ohne Ablenkung auf die Arbeit einlassen, recherchieren, skizzieren, nachdenken kann.

Andere Bereiche dienen gezielt dem Austausch. Formale oder zwanglose Gespräche werden hier geführt – geplant oder spontan. Denn im Miteinander entstehen die besten Ideen, wie man weiß. Inspiration findet hier nicht nur statt, sondern auch Raum. Plaudern, notieren, schreiben, konferieren, präsentieren, lernen – die Vielfalt des Ortes fördert die Vielfalt der Betrachtungsweisen. Flexibilität und Offenheit aller Beteiligten vorausgesetzt.
 

Was Räume erzählen

Ein standardisiertes Konzept, welche Zusammenstellung an Zonen und Bereichen ideal für Unternehmen ist, gibt es nicht. Denn die Anforderungen und Lösungsmöglichkeiten sind so individuell wie die Handelnden selbst. Die Konzeption von modernen Büros startet somit immer mit einem Prozess der Selbstanalyse. Mit dem Ziel, dass letztlich nicht einfach "Möbel angeordnet" werden, sondern "Unternehmensidentität sichtbar wird".

Es gibt bereits eine ganze Reihe interessanter Unternehmen, die dieses Thema mit aller Konsequenz umgesetzt haben. Besuchen Sie etwa die Unternehmensberater-Gruppe Deloitte in Wien, so wird die Botschaft sofort deutlich: An den smart designten Empfang schließen sich für jeden Besucher sichtbar Seminar- und Besprechungsräume an, sowie eine Bibliothek. Als Besucher fühlt man sich sogleich in eine Atmosphäre von Know-how und Wissen integriert – das macht nicht nur Eindruck, sondern bleibt auch in Erinnerung. Angewandte Raumpsychologie sozusagen.

Ein anderes Beispiel: Betritt man die Santander Consumer Bank in Mönchengladbach, findet man sich unvermittelt inmitten eines Cafés. Hier wird man willkommen geheißen und umsorgt. Man fühlt sich unweigerlich heimisch und wohl. Der emotionale Einstieg erleichtert die Bildung einer Vertrauensbasis. Bankenimage einmal nicht distanziert, sondern barrierefrei und sehr menschlich.
 

Wohlfühlen kein bloßer Luxus

Der Emotionalität kommt in der Bürogestaltung generell große Bedeutung zu – nicht nur in Hinsicht auf Kunden, sondern auch auf Mitarbeiter. Roman Muschiol, Verfasser des Buches "Begegnungsqualitäten in Bürogebäuden", formuliert es so: "Es bedarf einer Förderung der emotionalen Faktoren, um die Produktivität im Wissenssektor nachhaltig zu fördern. Die Wohlfühlqualität im Büro dient damit keinem Selbstzweck." Salopp könnte man auch sagen: "Wer sich gut fühlt, leistet mehr."
 

Lokale Identität in einer global vernetzten Welt

Auch der kulturelle Raum, in dem sich ein Büro befindet, kann relevant für dessen Gestaltung sein. So orten wir seit geraumer Zeit als Gegentrend zur globalen Vernetzung die Wiederentdeckung der Region. Lokale Wirtschaftskreisläufe und örtliche Identität werden aufgewertet. Man besinnt sich auch bei weltweiter Vernetzung wieder stark auf die eigenen Wurzeln, was oftmals Ausdruck in der Bürogestaltung findet. Ein Büro in Stockholm wird anders aussehen als eines in Wien oder Florenz. Das liegt natürlich auch an kulturell unterschiedlichen Arbeitsweisen: In den skandinavischen Ländern hat sich ein mobiler Arbeitsstil längst etabliert, während dieser im deutschsprachigen Kulturkreis erst langsam zunimmt. In Holland hat die kommunikative Offenheit der Menschen bereits in den 1990er Jahren dazu geführt, dass Lounges und informelle Kommunikationsbereiche in die Bürogrundrisse integriert wurden. Für Frankreich und Italien haben mobile Arbeitsweisen noch immer verschwindende Bedeutung. Diese Vielfalt trägt durchaus etwas Logisches in sich – denn warum sollten Bürolandschaften nicht ähnlich unterschiedliche Identitäten transportieren wie Stadtlandschaften? Bei dieser Erkenntnis waren wir doch schon.


  

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