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Das weltweite Web

Digital Digitalisierung Social Media Kommunikation

Als der Medienwissenschafter Marshall McLuhan in den 1960ern seine Idee vom Global Village entwickelte, hatte er eigentlich ganz anderes – nämlich die modernen Massenmedien - im Sinn. Heute steht der Terminus als Metapher für das WorldWideWeb und seine millionenfachen User. Apropos User: Wer sind die überhaupt?

Unlängst in der Bahn: "Schau, Herbert, da steht wieder nur eine Internet-Adresse." Die Sprecherin: eine ältere Dame, die gerade in einer Zeitschrift blättert. Herbert – auch schon im fortgeschrittenen Alter: "Mhm, dann schick ihnen eben eine Email."

Zwei typical user? Wohl eher nicht. Bei den Über-60-Jährigen haben sich viele noch nicht so recht mit dem Internet angefreundet – kein Wunder, sind sie doch nicht mit dieser Technologie aufgewachsen. Und sich da erst einmal reinzufinden scheint oftmals ein schwieriges Unterfangen zu sein. Allein die vielen Fachbegriffe bauen Schwellen auf, die nicht so leicht zu überwinden sind: Was sind Tags, Shouts, Sharepoints...?

Aber gibt’s nicht auch bei älteren Semestern einen Trend, das Internet zu nutzen? Ja, zweifellos. Sonst hätten sie nicht ihren Spitznamen bekommen: Silver Surfer. Schon rund 64 Prozent der 50- bis 59-Jährigen nutzen das Internet, bei den Über-60-Jährigen sind es immerhin 26 Prozent - so die aktuellen Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Online Forschung (AGOF) in Deutschland. Silver Surfer sind übrigens für Internet-Marketer eine hoch interessante Zielgruppe, da sie als Best Ager hohe Kaufkraft besitzen und erfahrungsgemäß überproportional an den Umsätzen im Online-shopping beteiligt sind – Zahlung per Nachnahme allerdings ;-).

Ganz allgemein liegen die Interessen vieler Silver Surfer vermehrt in Bereichen wie Gesundheit, Lebensführung und Reisen. Dennoch sind ältere User mit den Web-Inhalten nicht immer zufrieden. Während in den USA rund drei Viertel der 18- bis 24-Jährigen den Content gut auf ihr Alter abgestimmt finden, ist es jenseits der 55er-Altersgrenze nur noch ein Fünftel. Auch bei Usability-Themen wie Navigation und Design besteht Nachholbedarf, wenngleich sich auch hier vieles wandelt. Mal abwarten, wie lange das Net durchhält, was generell auch – noch – in der Werbung gilt: young is beautiful.
 

Das Leben im Net

Klar - das Net wird weiterentwickelt, und zwar von seinen Usern selbst. Web 2.0 ist angesagt – jeder wird zum Web-Autor. Weg von statischem Content, hin zu mehr Dynamik. So sind die oft zitierten Social-Networks voll im Trend – gestern MySpace, heute Facebook, morgen flickr oder digg. Daneben sind Blogs, Foren und Chatrooms ohnehin schon lange "in use". Natürlich geht es dabei nicht immer ganz höflich zu – wie außerhalb des Nets auch.

 Etwas verstärkt wird die "Problematik" vielleicht durch die Anonymität, die dazu verleitet, Ausdrücke zu verwenden, die man eher nicht benutzen würde, säße der Gesprächspartner einem gegenüber. Aber es haben sich auch hier gewisse Umgangsformen herausgebildet: die Netiquette bzw. Chatiquette. Es gibt sie in unterschiedlichen Ausprägungen, und sie variieren von Forum zu Forum und von Chat zu Chat. In ihren Grundzügen beruhen sie jedoch alle auf dem Prinzip, dass man niemals vergessen soll, dass auf der anderen Seite auch ein Mensch sitzt…

Insofern ist das "Leben im Net" gar nicht so anders als das in der "realen Welt", wie hartnäckige Outsider es bezeichnen. Da liegt übrigens oft eines der Missverständnisse zwischen jenen, die mit dem Internet aufgewachsen (Digital Natives) und jenen, die erst später online gegangen sind (Digital Immigrants): Für die einen ist das Net ein selbstverständlicher Teil des Lebens, für die anderen eine Welt, die erobert werden muss. Dass es dadurch zuweilen zu Kommunikationsproblemen kommt, gehört zu den bewältigbaren Problemen von heute.
 

Nicht nur eine Altersfrage

Aber woran sind User im Net noch interessiert – und gibt es Unterschiede zwischen Usern und Userinnen? Werfen wir nochmals einen Blick auf die Analysen unserer deutschen Nachbarn: Wie in anderen Ländern ist auch dort die Mehrheit der Internet-User männlich – rund 54 Prozent. Allerdings ist es da ähnlich wie im Altersschnitt der Bevölkerungspopulation: Der Abstand wird geringer.

Und die Themengebiete, für die sich Herr und Frau Onliner interessieren? Fast schon klischeehaft: Männer nutzen Angebote und Themen rund um Sport und diverse Testergebnisse wesentlich eher als Frauen, die sich im Vergleich zu den Männern wiederum etwas mehr für Stars und Prominente interessieren.

Müssen wir jetzt damit rechnen, dass jeder Mann, dem man einen PC mit Internetanschluss hinstellt, sofort auf eine Sportseite surft, um dort Ergebnisse zu checken? Und dass jede Frau nur auf Seiten "blättert", die Klatsch und Tratsch beinhalten? Gottlob nicht, denn keiner dieser Bereiche liegt im Spitzenfeld der thematischen Schwerpunkte. Aber was ist dann top? Die Antwort: private E-Mails, danach Recherche in Suchmaschinen und Webkatalogen, Nachrichten zum Weltgeschehen und Online-Einkaufen. Gesurft wird übrigens vor allem von zuhause aus.
 

WorldWideWeb – word wide usage?

Wir gehen zuweilen etwas unbedacht mit dem Wort "weltweit" um. Nicht nur Visionäre bedienen sich dessen gern. Doch von einer echten weltweiten Vernetzung sind wir in der Praxis noch ein ziemliches Stück entfernt, auch wenn wir das im Alltag gar nicht so deutlich wahrnehmen.

Sie zweifeln daran? – Dann eine Frage: Wie schätzen Sie den Anteil der Internet-User in Prozent der Bevölkerung in folgenden Staaten ein: Albanien, Österreich, Grönland, Paraguay, Chile, Ghana, Tansania, Ägypten, Iran, Georgien, Indien, China, Neuseeland?
Gar nicht so leicht, oder?

Hier die aktuellen Antworten laut Internet World Stats: Albanien 16%, Österreich 68,3%, Grönland 90,3%, Paraguay 7,8%, Chile 50,9%, Ghana 3,8%, Tansania 1%, Ägypten 12,9%, Iran 34,9%, Georgien 7,8%, Indien 7,1%, China 22,4%, Neuseeland 80,5%.

Schon bei dieser kleinen Auswahl zeigen sich enorme Unterschiede. Und bei Kontinenten? Die Extreme zeigen sich an Nordamerika mit 74,4 Prozent und Afrika mit 5,6 Prozent. Dort, wo das Internet noch relativ wenige User hat, sind dafür naturgemäß große Steigerungsraten zu beobachten. Am schwarzen Kontinent etwa hat sich die Zahl der User in den Jahren 2000 bis 2008 verzwölffacht, im Mittleren Osten ist die Steigerung noch rasanter.

In absoluten Zahlen gibt es die meisten User – nicht sehr überraschend – in Asien. Dort ist übrigens auch das Nutzungsverhalten deutlich anders als bei uns: Wer über einen Internetanschluss verfügt, verbringt im Schnitt wesentlich mehr Zeit im Net als ein europäischer User.
 

Developing Countries

Und wie sieht’s mit dem Internet in den Entwicklungsländern aus? Logischerweise ist es dort weniger verbreitet – nicht zuletzt aus finanziellen Gründen. Abgesehen davon, dass schon die Hardware, also der Computer, für viele Menschen unerschwinglich ist, fehlt es auch an der notwendigen Infrastruktur. Eine Elektrifizierung und (Glasfaser)Verkabelung, wie in den 1.- und 2.-Welt-Ländern üblich, existiert vielerorts einfach nicht. Doch es werden Lösungen gesucht: Das Projekt "O3b Networks" (Other three Billion – die anderen 3 Milliarden), vornehmlich durch Google Inc., Liberty Global, Inc. und HSBC Principal Investments finanziert, soll rund drei Milliarden Menschen aus Dritte-Welt-Ländern einen kostengünstigen Internetzugang ermöglichen – via Satellit. Der Weg zum End-User verläuft über WiMAX- und 3G-Mobilfunkmasken: Daten können kabellos über bis zu 60 Kilometer Entfernung gesendet werden.

Mit einem Wort – die Welt des Web wird gerade noch ein bisschen welt-weiter.

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