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Die Erfindung des Büros: Die Aufklärung in Leben und Arbeit

Arbeitswelten Geschichte des Büros Unternehmenskultur

Aus Kontoren, Skriptorien und Kanzleien sind im 18. Jahrhundert, der Epoche der Aufklärung, Ideen zu einem einheitlichen Raumtypus entwickelt worden, der erst mit Beginn der Industrialisierung realisiert wird. Denn die Räume werden zwar nach bürotechnischen Funktionen eingerichtet, sind jedoch noch nicht speziell für die Büroarbeit errichtet worden. Das Büro wird aber bereits ein wichtiger Ort der Kreativität und dient der Rationalisierung, dem Entwerfen, der Planung und Entwicklung unterschiedlicher Arten von Arbeit.

Die Epoche der Aufklärung ist ein Höhepunkt der Wissenschaften und der Manufakturen. Erreicht ist eine Stufe zwischen Handwerk und Industrie, in der die organisierende und verwaltende Tätigkeit zunimmt. Die Bürotätigkeit bleibt nicht länger dem Handel vorbehalten, sondern wird Teil der praktischen und wissenschaftlichen Arbeit. Das Ordnen, Archivieren, Korrespondieren und Verwalten ist eine Begleiterscheinung des Handels ebenso wie der Produktion, der Verwaltung des Staates und der Bildung. Dies erfordert neben handwerklichen Fähigkeiten das Lesen und Schreiben, logisches Denken und Rechnen. Handelshäuser, Behörden, Fabriken, Schulen und Universitäten richten sich Büros ein, die immer noch Kontor und Kanzlei heißen, sich aber differenzierten zu Amtsstube, Geschäftszimmer und Sekretariat.

Der aufgeklärte Mensch glaubt, er könne sich bei der Einrichtung der Berufswelt von Märchen, Mythen und von der Religion freimachen und sich allein auf die Vernunft verlassen – wobei er als vernünftig das systematische und methodische Vorgehen ansieht. Zur Ausführung und Beherrschung der Büroarbeit muss der Mensch lernen, sich auf geistige Vorgänge zu konzentrieren. Eine Fähigkeit, die er in der Schule und während der Ausübung des Berufs erwirbt.
 

Arbeit als Bildung und Menschwerdung

Alles, was die Aufklärung berührt, wird erhellt, erhöht. Die Arbeit wird aufgewertet und wendet sich gegen den durch Geburt bestimmten Adel. Arbeit wird neu bewertet. Wird sie in der Antike als minderwertige Tätigkeit angesehen und im Mittelalter als Plage und Mühsal, sieht die Aufklärung in der Arbeit ein Mittel der Menschwerdung und der Emanzipation der Bürger. Im 18. Jahrhundert bringt sie dem Bürgertum den Aufstieg zu einer führenden Klasse und macht Arbeit zu einem Bildungsprinzip. Da sich Büroarbeit durch Ordnung und Archivierung als sehr produktiv erweist, geniest sie ein hohes Ansehen.

Aufklärung ist eine Vorbereitung auf die Schulpflicht, die in einigen Teilen Europas bereits zum Ende des 18. Jahrhunderts eingeführt wird. In der Schulpflicht geht es um die Vermittlung eines allgemein verbindlichen Bildungsprogramms und um Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten. Die Bürgerkinder werden ausgebildet, um für das geistige Arbeiten ebenso wie für kaufmännische, handwerkliche und verwaltende Berufe das nötige Wissen zu erwerben.
 

Das Büro wird eigenständig

Das aufgeklärte Büro bedeutet das Arbeiten nach Methoden. Nach Logik und Systematik – die eine Abstraktionsfähigkeit erfordern. In der Abstraktion liegt ihre hohe Produktivität.

Im aufgeklärten Büro hat sich die Tätigkeit des Menschen grundlegend gewandelt – von der Arbeit auf dem Hof und dem Acker zum Arbeiten in der Werkstatt, im provisorischen Büro, und zum Arbeiten im aufgeklärten Büro. Es ist der Wandel von der Arbeit unter freiem Himmel zum gelegentlichen Aufenthalt in Räumen hin zum ständigen Arbeiten in geschlossenen Räumen. In der Epoche der Aufklärung wird das Büro eigenständig, da es sich allmählich von den privaten Räumen trennt.

Alles wird aufgeklärt



Aufklärung ist kein Vorrecht der Philosophie, wie sie programmatisch im Satz von René Descartes (1596-1650) "Ich denke, also bin ich", in der Schrift von John Locke (1632-1704) "Versuch über den menschlichen Verstand" und in dem Werk von Immanuel Kant (1724-1804) "Kritik der reinen Vernunft" vorkommt. Aufklärung als Denken, Verstand und Vernunft durchwebt die ganze Gesellschaft und zeigt sich in der Politik der europäischen Staaten als aufgeklärter Absolutismus: Ludwig der XIV. (1638-1715) führt das Merkantilsystem ein und fördert das Bürgertum zuungunsten des Adels. Maria Theresia (1717-1780) begrenzt den Einfluss der Kirche auf den Staat und schafft Leibeigenschaft und Folter ab. Und Friedrich der Große (1712-1786) unterhält ein straff organisiertes Beamtentum zur Wohlfahrt der Bürger.

Um im aufgeklärten Büro arbeiten zu können, mussten Beamte, mathematisch versierte Kaufleute und Versicherungsexperten, Geistesarbeiter und Kanzleiarbeiter erst zu Büromenschen erzogen werden. Denn nicht nur der Mensch ordnet das Büro, sondern das Büro zwingt den Menschen in eine neue Ordnung des Denkens, Fühlens und Verhaltens.

Eine Begleiterscheinung der Aufklärung ist eine gewisse Verdunkelung und Begrenzung des Menschen, denn Büroarbeit ist Verlust an Licht und an Beweglichkeit. Im Büro ist das Tageslicht vermindert, die frische Luft reduziert, ein strenges Einhalten von Zeit erforderlich und vielfach Bewegung und Beweglichkeit eingeschränkt.
 

Auf Leben und Tod

Die Schwierigkeit der Anpassung an das Büro zeigt sich bereits im 16. Jahrhundert. Der Fall eines jungen Adligen in der Hofkanzlei Maximilians I. offenbart das Drama der disziplinierenden Büroarbeit und zeigt den erbitterten Widerstand des Menschen gegen das strikte Einhalten ungewohnter Zeit- und Körperordnungen. Der Adlige hatte Kopien eines Textes anzufertigen, die er nur teilweise erledigte, weil er immer wieder spazieren ging. Die Ermahnung an seine Pflicht brachte ihn in Rage, die sich in der Kanzlei zum Kampf auf Leben und Tod steigerte. Die Kanzleimitarbeiter mussten sich verbarrikadieren, denn der junge Adlige lief aufgeregt mit gezücktem Schwert von Tür zu Tür und suchte seine Lebensweise gewaltsam zu behaupten. Den bürgerlichen Kanzleiarbeitern erschien er arbeitsscheu, da sie nicht begriffen, dass seine fremde Lebensart aus der veränderten Welt resultierte, in die er sich noch nicht einfügen konnte. Zwar schrieben Verordnungen vor, dass niemand vom Kontortisch aufsteht und umhergeht, doch dem Adligen schien nicht möglich, an einem Ort zu bleiben, da er gewohnt war, sich frei zu bewegen und er bewegt war von Stolz und Leidenschaft.
 

Disziplinierung – das Wesen des Büros

Die Disziplinierung des Körpers und die Eingewöhnung zum Bleiben an einem begrenzten Ort, aber auch die Widerstände dagegen durchziehen die moderne Welt bis heute. In Kontoren, Kanzleien und Büros ebenso wie in Manufakturen, an Fließbändern und in Universitäten und Schulen. Ein Ansporn zur Disziplin und zum Bleiben an einem Ort ist, dass Büroarbeit in der Epoche der Aufklärung aufgewertet wird und ihre Ausübung sich mit dem Stolz verbindet: der Fähigkeit der Selbstbezähmung, so dass nicht Herkunft und Abstammung, sondern Körperbeherrschung, Bildung und geistige Arbeit den Büroangestellten adeln. Wem es gelingt, für längere Zeit auf seinem Platz zu bleiben, hat die Zeichen der Zeit erkannt. Je mehr sich Planung, Archivierung und Korrespondenz ausweiten, umso mehr kann sich der Kontorist nur noch mit Dingen beschäftigen, für die er als Unterlage einen Tisch benötigt.
 

Büromöbel

Die disziplinierte Büroarbeit erfordert eine neue Ordnung der Dinge, die ein neues Mobiliar nach sich zieht. Hauptmöbel seit der Aufklärung sind Stehpult, Stuhl und Bureau – der Schreibtisch mit aufgelegtem Filztuch. Ihnen kam die Aufgabe zu, den notorischen Spaziergänger aufzufangen und festzuhalten und ihm die Fähigkeit zu geben, sich dauerhaft an einen Ort zu binden. Stehpult und Tisch bestehen bis ins 19. Jahrhundert gleichrangig nebeneinander. Das Stehpult ist im Kloster entstanden und bleibt bis heute ein gebräuchliches Möbel. An ihm steht der Büroarbeiter. Aus dem Stehpult hat sich das Bureau entwickelt.

Das Bureau ist ein Schreibtisch – ein kompaktes Büro auf engstem Raum. Ausgestattet mit Schreibflächen, Schubladen und Ablagen. Es leitet sich vom Schreibschrank oder dem Sekretär ab und ist ein komplettes Büro, wie ein Home-Office. Das Bureau gibt es seit Beginn des 18. Jahrhunderts. Sein Name wird auf den Raum übertragen, in dem es steht und macht den Raum mit Bureau zum Büro.

In dieser Zeit entsteht die Redensart, eine Entscheidung vom grünen Tisch aus zu treffen. Darunter wird verstanden, dass eine Sache theoretisch zwar begründet ist, für die Praxis jedoch nicht taugt. Oder nur unter erheblichem Aufwand durchführbar ist. Es handelt sich um Entscheidungen ohne Praxisnähe. Die meisten Amtstische waren mit grünem Filz überzogen. Jedoch nicht nur, um, wie im Kloster, Bücher und andere Utensilien zu schützen, sondern weil auf den Tischen Münzen geworfen wurden, um den Edelmetallgehalt zu ermitteln.

Mit dem Schreibtisch etabliert sich der Stuhl. Die Stühle der Zeit ähneln nicht modernen Bürostühlen, sondern Stühlen, die sich an klassischen Formen orientieren wie dem ägyptischen Pharaonenthron, dem griechischen Klismos oder dem römischen Kaiserthron. Die Stuhlgestalt ändert sich erst mit dem ersten in Massen herstellbaren Stuhl – dem Wiener Kaffeehaus-Stuhl von 1859. Doch trotz Etablierung des Stuhls wandelt sich die Bezeichnung des Vorstehers erst im 20. Jahrhundert in jene des Vorsitzenden, die Präsidenten.
 

Kameralistik – die Wissenschaft von der Verwaltung

Im 18. Jahrhundert hatte sich das Verwalten, Ordnen, Finanzieren und Archivieren so weit entwickelt, dass sich daraus eine Wissenschaft etablierte. Kameralistik – erdacht vom österreichischen Hofrat Johann Mathias Puechberg – ist die Wissenschaft für Kammerbeamten, eine Lehre über die innere Ordnung eines Gemeinwesens. So wie Büroarbeit die innere Ordnung von Unternehmen und Institutionen regelt.

Kameralistik ist die Lehre von der Ökonomie und vom Haushalten. Einerseits die Lehre von Handel und Gewerbe, andererseits die Lehre von der Verwaltung, Ordnung und Finanzierung des Staates. Es sind diese Ideen, aus denen die räumliche Struktur des Industriebüros entwickelt wurde.

 


 

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