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Die Erfindung des Büros: Das emsige Büro

Geschichte des Büros Unternehmenskultur Arbeitswelten

Die Entwicklung von Handel, Handwerk und Bildung im Zeitalter der Renaissance erreicht in der Epoche der Aufklärung eine erste Blüte, deren Basis die Technik ist. In der Epoche der Industrialisierung gewinnt sie ihre entfaltete Gestalt, die sich in Fabriken, Großstädten und einem mechanistischen Weltbild ausdrückt. Als Antrieb dieses Fortschritts gelten Vernunft, Rationalität und der Freiheitsdrang des Menschen.
 

Geburtsstunde des modernen Büros: in der Manufaktur

Manufakturen sind erweiterte Handwerksbetriebe, gekennzeichnet durch Spezialisierung, Arbeitsteilung und Serienfertigung. Manufakturarbeit ist charakterisiert durch den Einsatz einfacher Maschinen. Diese neue Produktionsform differenziert auch die Büroarbeit, da die unterschiedlichen Tätigkeitsbereiche wie Planung, Korrespondenz und Vertrieb eng zusammengeführt sind. Da die raschen Produktionsabläufe einen hohen Grad an technischer und organisatorischer Raffinesse erfordern, werden erstmals Anforderungen an die Größe und die Raumstruktur eines Büros gestellt. Genügt bis dahin die Werkbank als Ort für Planung und Entwicklung, werden von da an die unterschiedlichen Bürotätigkeiten in einem eigenen Raum ausgeführt. Dieser Ort ist das Manufakturbüro, das die eigentliche Geburtsstunde des modernen Büros ist.
 

Von der Manufaktur zur Industrie

Von der Manufakturarbeit zur Fabrikfertigung erfährt das Büro eine rasche Entwicklung, denn mit der Mechanisierung und Verfeinerung der Arbeitsprozesse wird auch die Bürotätigkeit immer arbeitsteiliger.

Die Industrie beginnt mit der Einführung der Dampfmaschine, die den Produktionsprozess mechanisiert. Industrieverfahren sind rationalisierte Fertigungsweisen der Massenfertigung, die den Handel internationalisiert und neuartige Berufe, ungekannte Bedürfnisse und neue Klassen von Gütern hervorbringen. Unzählige Unternehmen werden gegründet – Unternehmen für Planung und Über­setzung, Bildungseinrichtungen, Verkehrsbetriebe, kommunale und staatliche Verwaltungen, Unternehmen für Müllbeseitigung und Institutionen zur Bewahrung und Archivierung von Kultur- und Naturgütern wie Museen und zoologische Gärten.


Industrie als Emsigkeit

Industrie bedeutet eifrig und emsig – lateinisch industrius – und unterwirft die gesamte Gesellschaft einer unablässigen Emsigkeit. Es sind die Emsigkeit und die Rhythmen der Maschine, denen sich Industriearbeiter zu unterwerfen haben. Industrialisierung geht mit einer immensen Beschleunigung und Rationalisierung einher und führt zu typischen Formen der Herrschaft (kratos): in der Produktion zur Technokratie, in der Organisation von Unternehmen und politischen Einrichtungen zur Bürokratie und im Alltag zur Ratiokratie, der Herrschaft des Verstandes.

Industrie meint jedoch keine blinde Emsigkeit, sondern es geht um ein geordnetes, methodisches und diszipliniertes Arbeiten nach präzisen Vorgaben. Maschinen und Fließbänder werden zum Mittelpunkt der Fabrikation.

Für die Bürotätigkeit und ihre Organisation wird die Arbeit an der Maschine als ein geeignetes Modell angesehen, so dass nach und nach auch Büroarbeiter der Mechanisierung der Arbeit durch die Maschine unterworfen werden.
 

Das Industriebüro und die Angestellten

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts sind Kontor- oder Büroarbeiter Teil einer Familie, einer Hauswirtschaft. Sie sind gegenüber den Familienmitgliedern Arbeitskollegen, Hausgenossen, Mitbewohner des Hauses und unterstehen einem Hausherrn, dem Patriarchen, an den sie mit der ganzen Person gebunden sind. Die Industrialisierung setzt Büroarbeiter frei, so dass sie zu einem Kaufmann lediglich in einer Lohnabhängigkeit stehen. Mit der allmählichen Auflösung der Hausgemeinschaften verschwindet das Familienbüro, und Kontoristen werden Angestellte.

Im Mittelalter begrenzten die Zünfte die Konkurrenz, indem sie die Anzahl der Gesellen und die Menge der Produkte limitierten. Dagegen setzt die Massenproduktion Arbeitsteilung voraus, die zur Differenzierung der organisatorischen Aufgaben und zur Arbeitsteilung im Büro führt. Indem das Familiäre und Öffentliche, das Lagern von Waren und das Improvisatorische, das ein Merkmal von Skriptorien, Kanzleien und Kontoren war, aus dem Büro ausgeschlossen werden, bietet sich die Möglichkeit, größere Räume und Säle zu Büros einzurichten und ihre Struktur den spezifischen Aufgaben anzupassen. In der Zeit der Industrialisierung werden Büros in Fabriken und in Mietshäusern eingerichtet.
 

Hierarchie der Räume

Ließ sich die Manufaktur von einem Raum aus leiten, benötigen Industriebetriebe mehrere Büros, die sie unter dem Dach einer Verwaltung zusammenfassen. Die unterschiedlichen Büroaufgaben drücken sich gemäß der erweiterten Funktionen durch die Massenproduktion in verschiedenen Berufen aus – Schreiber und Buchhalter, Lohnbuchhalter und Kassierer, Liquidator und Prokurist, Korrespondent, Kopist, Bürodiener und Lehrbursche. Eine strenge Hierarchie, die in der Größe und Ordnung der Räume ihren Ausdruck findet – zentrale, unruhige Bereiche für mittlere Angestellte, dunkle, unattraktive Raumabschnitte für Bürogehilfen und Lehrlinge. Wer in der Hierarchie höher steht, hat Anspruch auf einen gesonderten Bereich. Oder ihm steht ein eigenes, komfortables Büro zur Verfügung.

Verwaltung ist Ausdruck der Ausweitung der Produktion und der Differenzierung der Bürotätigkeiten und erfordert die Koordination der Tätigkeiten sowohl innerhalb eines Büros als auch zwischen den unterschiedlichen Büros.

Hier vollendet sich die Entwicklung von Name und Sache des Büros. Erst gibt es die Burra als Filzstoff der Mönchskutte, die Bücher schützt, dann das Bureau als Name für den Tisch, auf dem der Stoff liegt, bis Büro Name wird für den Raum, in dem der filzbedeckte Tisch steht. Am Ende heißt jeder Raum Büro, in dem organisiert und verwaltet wird – auch ohne filzbedeckte Tische.
 

Frau an der Schreibmaschine

Da der Ehrgeiz im Zeitalter der Industrialisierung darin besteht, jede Tätigkeit mechanisch ausführen zu lassen, kommen Geräte wie Rechen- und Schreibmaschinen ins Büro – die Schreibmaschinen im Jahr 1886.

Mit der Schreibmaschine gelangt die Frau ins Büro. Eine Empörung und Verstörung geht durch die Gesellschaft, durch Gewerkschaften, kirchliche Institutionen und Frauenvereine. Verstörung auch bei Männern, denn Arbeit – auch Büroarbeit – ist Männersache. Die Frau tritt offenbar ins öffentliche Berufsleben als Maschinenschreiberin ein, weil nicht genug Männer zu dieser Art von Arbeit bereit sind. Viele Frauen sahen darin eine Chance, ein Stück Eigenständigkeit zu gewinnen und sich aus den abhängigen Hausgemeinschaften zu lösen. Um den neuen Beruf attraktiv zu machen, werden Maschinenschreibkurse angeboten und lukrative Wettbewerbe im Schnellschreiben veranstaltet. Da der Hersteller Remington mit jeder verkauften Schreibmaschine zugleich eine gelernte Schreibkraft vermitteln kann, wird die Schreibmaschine rasch zum Verkaufserfolg. Die Frau wird Angestellte.

Die maschineschreibende Frau revolutioniert Büroarbeit und Büroleben. In Verbindung mit der Stenographie und der einheitlichen Schrift führt das Maschineschreiben zu einer Beschleunigung der Büroarbeit, und mit dem Erscheinen der Frau wandelt sich das soziale Gefüge im Büro. Eine neue Kleiderordnung entsteht, neue Verhaltensregeln und feinere Umgangsformen werden ausgebildet. Die Frau bewirkt eine Erotisierung der Büroatmosphäre, so dass die Art, im Büro zu sein, für Männer etwas völlig Neues wird – das Büroleben wird bunter, ausgewogener, abwechslungsreicher und schneller. Wird der Eintritt der Frau ins Büro zu Beginn diskriminiert, sogar als Pornographie angesehen, die ehrbare Bürgerstöchter zerrüttet, lässt sich einige Jahrzehnte später der Status von Unternehmen dadurch anheben, dass sie sich eine Sekretärin leisten.
 

Die Rationalisierung des Büros – Ursprung des Rückenschmerzes

Nicht nur Arbeitsprozesse und Büroräume werden rational strukturiert, sondern auch einzelne Elemente des Büros diesem Prinzip unterworfen, wobei dem Schreibtisch und Stuhl besondere Bedeutung zukommen.

Der Ingenieur Frederick Winslow Taylor und der Arbeitspsychologe Frank Bunker Gilbreth entwickeln Methoden zur Bewegungseinsparung am Arbeitsplatz. Sie gehen davon aus, dass der Mensch wie eine Maschine funktioniert. Sie gliedern die Schreibtischauflage in Felder, die die Orte von Arbeitsmaterialien markieren und für sitzende Büroarbeiter einen systematischen Greifraum darstellen sollen. Um das Aufstehen überflüssig zu machen, werden Rohr- und Seilpost, Tabellen, durchdachte Durchschreibevorrichtungen und Rotoren zur Bearbeitung von Karteikarten entwickelt. Als gute Buchhalter gelten diejenigen, die nicht stört, dass ihre kreativen Impulse auf den Greifraum begrenzt bleiben.
 

Sitzende Tätigkeit

Mit der Frau an der Schreibmaschine etabliert sich endgültig das Sitzen im Büro. Den Körper in zwei rechte Winkel geknickt, unterstützt das Sitzen die Büroabläufe, denn in der Begrenzung der Physis bilden sich Disziplin und die Möglichkeit aus, sich auf innere, ordnende und denkende Abläufe zu konzentrieren. Darin liegt das enorme Vermögen des Sitzens. Allerdings hat es auch eine Kehrseite: Der Mensch baut bei langem Sitzen – der physischen Unbeweglichkeit und der Konzentration auf das begrenzte Tätigkeitsfeld der Tischoberfläche – physisch ab, wird geistig und emotional spröde, kann Rückenschmerzen, sogar Bandscheibenvorfälle erleiden und könnte das aufrechte Gehen und Stehen verlernen. Selbst Tätigkeiten, die sich besser im Stehen und Gehen ausüben lassen, sollen sitzend verrichtet werden – ein Beispiel: Da Bilanzbücher mehrere Meter breit sein konnten, wurden rollende Stühle entworfen, auf denen Büroarbeiter sitzend am Buch entlang fahren konnten.
 

Bewegung muss sein

Schon bald zeigt sich, dass langes Arbeiten an der Schreibmaschine in der Sitzhaltung und die Systematik und Statik des Taylorsystems die Menschen krank machen. Frauen können auf Grund von Sehnenscheidenentzündungen und Muskelverhärtungen in Händen, Armen und Schultern nur wenige Jahre an der Schreibmaschine arbeiten. Dennoch berücksichtigen Arbeitswissenschaftler und Orthopäden erst ein halbes Jahrhundert später physische Belastungen durch die scheinbare Unkörperlichkeit der sitzenden Bürotätigkeit. Erst da wird offenbar, dass langes Sitzen in weitgehender Bewegungslosigkeit eine Disziplin ist, zu der der Mensch nur bedingt taugt.

Bewegungseinsparung erhöht nicht nur nicht die Leistung, sondern macht den Menschen krank. Nicht die Einsparung von Bewegung, sondern Bewegung und ihre angemessene Ausführung erhöhen die Leistung und halten den Menschen gesund.
 

Büroarbeit – eine gute Position

Mit der Industrie gewinnt das Büro Einfluss auf das Denken, Fühlen und Verhalten des Menschen. Das moderne Büro löst erst den Mann, später die Frau aus der patriarchalen Hausgemeinschaft und eröffnet Frauen eine Berufsperspektive jenseits von haushälterischer Tätigkeit. Die Arbeit beider Geschlechter an gemeinsamen Projekten macht Büroarbeit zum Ende des 19. Jahrhunderts zu einer attraktiven Tätigkeit – zu einer Position.
 

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