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Die Erfindung des Büros: Leidenschaften der Büroarbeit - Büroformen des 20. Jahrhunderts

Speicherleidenschaft: Von Beginn an bedeutet Büroarbeit Vervielfältigen, Ordnen, Ablegen und Wiedererkennen. Genau in dieser Reihenfolge. Die Arbeitsvorgänge von Unternehmen werden dokumentiert und bewahrt, um auf die vergangene Arbeit für unterschiedliche Belange zurückgreifen zu können. Im Verlauf der Geschichte haben sich nicht so sehr diese Aufgaben gewandelt, sondern Werkzeuge und Medien.

Büroarbeit ist die Verdinglichung des menschlichen Gedächtnisses. Was Angestellte nicht im Gedächtnis behalten können, muss in Speichermedien aufbewahrt werden. Daher die Leidenschaft der Vervielfältigung und Bewahrung. Sie dient dem Ordnen und Einordnen, dem Begründen und Wiederfinden vergangenen Tuns. Kurz – es handelt sich bei der Leidenschaft um das Dranbleiben und Dabeibleiben. Aufträge, Belege und Korrespondenzen, Einstellungen, Entlassungen und Umsätze, Gewinne und Bankvorgänge, Jahresbilanzen und Perspektiven müssen zugänglich bleiben und fordern systematische und umfangreiche Speichersysteme. Dazu hat die Büroarbeit im frühen 20. Jahrhundert Aktenordner, Karteikarten und Lochkartensysteme erfunden – danach folgen Disketten, Festplatten, Kompakt-Disks und Flash-Speicher, die Höhepunkte der Speicherleidenschaft.
 

Ordnungsleidenschaft

Wo Räume bewusst gestaltet werden, ist ihre Ordnung von den Aufgaben und Funktionen abhängig, für die sie vorgesehen sind. Daher sind die vielen kleinen Büros der Industrieverwaltung Ausdruck der Arbeitsteilung der produktiven Fabrikationsarbeit und der daraus folgenden Differenzierung der Speicherarbeit.

Diese Büroräume mit ihrem Arsenal unterschiedlicher Werkzeuge, Maschinen und Medien wie Aktenordner, Lochkarte und Telefon, wie Diktiergerät und Schreibmaschine, wie Tisch und Stuhl bilden die Büroordnung der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Sie geben der Verwaltung eine klare Gliederung und erlauben ein intensives Arbeiten in engen Räumen.

Doch mit dem Versuch, die Büroarbeit effizienter zu gestalten und der Fabrikarbeit anzugleichen, verschwinden die kleinräumigen Büros und es entstehen Bürosäle. Das sind großflächige, wie Fabrikhallen geordnete Räume, die aus zusammenhängenden, gleichgestalteten Raumelementen bestehen. Zu einer Einheit verbunden sind sie durch Fließbänder, die Informationen, Anweisungen und Akten zu den Arbeitsplätzen geleiten.

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind nur etwa drei Prozent aller Beschäftigten von Produktionsunternehmen Büroangestellte, denn ihre Arbeit gilt als unproduktives Anhängsel der Fertigung. Dennoch hat sich diese Art der Arbeit durch die nutzbringende Rückwirkung auf die Fertigungsprozesse und durch den Eintritt der Frau in die Bürowelt zu einer begehrten Tätigkeit entwickelt. Allerdings haben sich Produktion und Verwaltung noch nicht gefunden.
 

Leidenschaft des Rechten Winkels – der Staffel-Stuhl

Die Büroarbeit ist eine jener Tätigkeiten, in der der Mensch das Sitzen leidenschaftlich kultiviert und unter Schmerzen erträgt. Eine Leidenschaft, die gern verspottet wird.

Das Standardmöbel des Büros ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts ein Stuhl des Orthopäden F. Staffel – ein Sitz mit einer kleinen, ebenen, unterschenkelhohen Sitzfläche und einer federnden Lendenrücklehne, befestigt an einer breiten Blattfeder. Die federnde Lehne soll den Sitzenden in jeder beliebigen Haltung stützen und nach Möglichkeit im Rechten Winkel halten, was beides jedoch nicht gelingt. Dennoch wird der Staffel-Stuhl bei der Büroarbeit verwendet und, wo möglich, auch bei der Fabrikarbeit. Er gilt das Jahrhundert hindurch auch als Vorbild für den Automobilsitz.

Mitte des Jahrhunderts nimmt das Interesse an der Ergonomie des arbeitenden Menschen zu. Seine Maße und die Angemessenheit seiner Haltungs- und Bewegungsformen werden von Ergonomen und Orthopäden wissenschaftlich untersucht, um Auswege aus der starren rechtwinkligen Haltung und der Unbeweglichkeit der sitzenden Tätigkeit zu finden. Daraus sind neue Haltungskonzepte entstanden, aus denen Stehsitze, Sitzbälle, Kniestühle und andere alternative Haltegeräte hervorgegangen sind. Behauptet hat sich bisher allein der drehbare, auf fünf Rollen gelagerte und in alle Positionen verstellbare Sitz – der moderne Bürostuhl – als Norm und Standard für das Büro.
 

Leidenschaft der Versammlung – das Büro als Tisch

Das Büro zeigt seine versammelnde Kraft. Es versammelt die unterschiedlichen Leidenschaften und ihre Medien. Allerdings werden sie nicht durch das Büro als Raum, sondern durch das Büro als Tisch – als Burra, Bureau und Büro – versammelt. Dabei ist der Tisch immer den Haltegeräten wie Stuhl, Bank, Sessel oder Kniestuhl angepasst. Der Tisch ist die kommunizierende Fläche, die alles ordnet und zentriert. Tisch und Sitz bilden eine hocheffiziente Arbeitsbasis, die den Tisch zum Zentrum der speichernden und verwaltenden Tätigkeit macht und zur Mitte des Unternehmens – der Welt. Der Tisch ist eine fruchtbare Ebene und der moderne Acker des Menschen.
 

Leidenschaft der Kommunikation – das Großraumbüro

Infolge der Differenzierung der produktiven Arbeit und der Zunahme der Dienstleistungsunternehmen wie Banken und Beratungsunternehmen, Anwaltsagenturen, Versicherungen und Krankenkassen sowie durch die Verwissenschaftlichung der Betriebswirtschaft entsteht in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts der Gedanke, dass die unterschiedlichen Ordnungs- und Speicheraufgaben in einem Großraumbüro am besten durchgeführt werden können. Die unpersönlich, streng hierarchisch und vertikal geordneten Bürosäle und die starre Ordnung der kleinen Verwaltungsbüros, die für Angestellte wenig motivierend sind und dem modernen Verständnis von Arbeit widersprechen, werden verdrängt: Die neuen Leitideen folgen aus der Notwendigkeit der Zusammenarbeit an einem Projekt – der Teamarbeit.

Teams sind horizontal gegliedert. Das kommt in der Weite und Offenheit großer Räume zum Ausdruck. Sie erzeugen eine gute Atmosphäre und stellen eine Transparenz der Arbeit her. Großraumbüros haben den Vorteil, dass die Angestellten sich sehen und sich schnell austauschen können. Zum einen sollen Großraumbüros Kooperation, Diplomatie und Kommunikationsfähig fördern, zum anderen müssen die Angestellten dazu auch ihre Bereitschaft mitbringen.
Kooperation, Horizontalität und Teamarbeit kommen im Großraumbüro auch durch die Anordnung der Tisch zum Ausdruck. Denn nicht ein einzelner Tisch bildet das Zentrum des Raumes, sondern den vielen Tischen entsprechen gleich viele Zentren, indem die Raumstruktur durch die verstreut angeordneten und gleichberechtigten Arbeitsplätze gebildet wird.

Doch schon nach wenigen Jahren wird offenbar, dass Großraumbüros Nachteile für das Arbeiten mit sich bringen. Die anfängliche Euphorie weicht der Realität, dass Großraumformen die Konzentration durch unablässige Bewegungen und Passagen von Mitarbeitern und Kunden durch den Raum behindern, dass sie einen hohen Geräuschpegel haben, wenig Möglichkeiten zur individuellen Anpassung von Licht, Raumklima und Arbeitsplatzgestaltung bieten und nur wenig Rückzugsmöglichkeit gestatten.
 

Innovationsleidenschaft

Neben dem Großraumbüro entstehen deshalb wieder kleine Büroräume sowie kleine, geschützte Raumabschnitte innerhalb von Großraumbüros. Doch die Idee von Kommunikation und Teamarbeit hat sich etabliert. Neben der bloßen Organisation der Arbeit erhält sich die durch das Großraumbüro entwickelte Idee des Sozialen, die die Raumgestalt und die Ordnung der Einrichtung mitbestimmt. Durch die Ausweitung von Dienstleistungen, die Zunahme von Verwaltungstätigkeiten und die Vermehrung von Speicheraufgaben ist mittlerweile an jedes Tun – auch an das private – eine Bürotätigkeit geknüpft. Deshalb hat das 20. Jahrhundert vielfältige Büroformen hervorgebracht, wie Gruppenbüros, Zellenbüros, Großraumbüros, Zwei- und Mehr-Personenbüros, Home-Offices und Mini-Büros. Das Mini-Büro Cubical, das Robert Probst 1968 entwickelt hat, ist ein gleichseitiger, komplett eingerichteter vier Quadratmeter großer Raum. In diesem Bürotypus arbeitet heute ein großer Teil der Angestellten in den USA.

Die Vielfalt der Büroraumformen schafft die Möglichkeit, die für ein Unternehmen charakteristischen und für die Art seiner Arbeit notwendigen Büroformen und Büroeinrichtungen auszuwählen. Das ist für die Arbeit, die einen wichtigen Bereich des Lebens darstellt, sehr wichtig, denn Teamarbeit, ein angenehmes Ambiente, der gute Umgang der Mitarbeiter miteinander und dem Menschen angemessene Werkzeuge und Medien erhöhen die Motivation, erhalten den Menschen gesund und fördern den Erfolg von Unternehmen. Diesen Weg fortzuführen bleibt eine Aufgabe für das Büro das 21. Jahrhundert.

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