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Die Erfindung des Büros: Tisch, Buch und Scriptorium

Kultur Unternehmenskultur Geschichte des Büros

Wie kommt das Büro in die Welt? In der modernen Welt sind Büros bedeutsame Orte. Denn die moderne Arbeit ist wesentlich Büroarbeit.

Von Büros aus werden Unternehmen geführt, politische Ordnungen gelenkt, wissenschaftliche Neuerungen entwickelt und globale Prozesse vorangetrieben. Auch Arbeitsräume wie Arztpraxen und Lehrerzimmer oder Zwischenräume wie Foyers, Flugzeuge und Cafés wandeln sich zu Büros.

Das traditionelle Büro dient der Ordnung und Bilanzierung des Handels sowie der Organisation der Produktion mit den dazugehörigen Abläufen von Einkauf, Verwaltung und Vertrieb. Moderne Büros ordnen, organisieren und verwalten auch geistige Produkte wie Logistik, Arbeitsstrukturen, Design und eine Vielzahl von Projekten – ohne zwingenden Bezug auf materielle Güter.

Doch wie kommt das Büro in die Welt? Wie ist es entstanden und wie hat es sich entwickelt?
Das Büro entsteht vor 800 Jahren und ist eine Erfindung der Mönche. Aber bevor es – im 13. Jahrhundert – zu einer professionellen Institution wird, hat es bereits eine Jahrhunderte dauernde Vorgeschichte.
 

Das Kloster

Die Vorgeschichte des Büros beginnt im Kloster, als der Mönch und Heilige Hieronymus um das Jahr 400 das Alte Testament ins gesprochene Latein übersetzte. In den nachfolgenden Jahrhunderten lassen viele Klöster den Hieronymus-Text – die Vulgata – kopieren, der noch heute ein verbindlicher Bibel-Text ist.

Klöster sind Unternehmen. Religiöse, soziale und wirtschaftliche Produktionsstätten materieller und geistiger Güter. Sie sind die Stätten, in denen die antike Kultur bewahrt wird durch das Abschreiben und Übersetzen alter Papyrus- und Per¬gamentrollen – der ältesten Buchform –, und die Weitergabe ihrer Ideen.

Das Klosterleben ist meist durch Ordensregeln bestimmt. Sie machen das Kloster zu einer einheitlichen Institution und sorgen für Verbindlichkeit, die ein Gemeinschaftsleben, die Vita communis anregt – eine Art Teamarbeit.

Da Klosterinsassen angehalten sind, asketisch zu leben, moralisch zu denken und planvoll zu arbeiten, sind die meisten Klöster neben Kulturzentren auch wohlhabende Einrichtungen. Ihre Vorsteher genießen oft mehr Ansehen und haben mehr Einfluss als Könige, Fürsten und Bischöfe.
 

Die drei Elemente des Büros

Von Anbeginn an charakterisieren drei Elemente das Büro: Buch, Tisch und Raum. Sie bauen aufeinander auf und sind bis heute mit den dazugehörigen Büroutensilien wie Papier, Tinte, Radiergummi, Leder, Gefäß, Farbe und Federkiel, die im Verlauf der Geschichte ihre Form wandeln, Werkzeuge der Büroarbeit. Wenn auch der PC das wichtigste Werkzeug geworden ist.
 

Das Buch

Die Basis für das Büro ist das Buch. Für dieses Buch werden eine Unterlage und ein Raum erforderlich. Bücher bilden eine wesentliche Grundlage in der Kulturentwicklung des Abendlandes. Sie sind Kulturspeicher, die das kulturelle Wissen und Können bewahren, pflegen und entwickeln. Die den Buchrollen nachfolgende Buchform ist der römische Codex, der sich im dritten nachchristlichen Jahrhundert durchsetzt. Er besteht aus gefalteten, übereinander gelegten und lose zusammengehefteten Pergamentblättern. Gebundene Bücher können Mönche erst mit der Entwicklung von Papier im 13. Jahrhundert herstellen. Der Text wird mit der Hand geschrieben und der erste Buchstabe einer Seiten reichhaltig ausgemalt. Die Buchdeckel bestehen aus Holz und sind mit Leder oder Pergament bespannt, die kunstvoll verziert sind.
 

Der Tisch

Die Erfindung des Büros ist eigentlich die Erfindung des Tisches mit aufgelegtem Tuch. Der Tisch – das sind zwei Böcke mit aufgelegten Brettern. Um den kostbaren Buchumschlag nicht zu beschädigen, kennen die Mönche zwei Methoden: Sie legen zwischen Tisch und Buch ein Stück Tuch – die Burra –, aus dem sich das Wort Büro herleitet. Oder sie hämmern fünf Nägel in die Buchdeckel, um den Kontakt des Umschlags mit den groben Tischbrettern zu vermeiden. Die Nägel sind Teil der Ästhetik des Umschlags.
Erst im 13. Jahrhundert erhalten Tische eine schräge Auflage. An einem solchen Katheder auf einem Stuhl sitzend wird Hieronymus im Zeitalter der Renaissance dargestellt. Jedoch gab es zu seiner Lebenszeit weder Stühle noch Kathedertische, noch gebundene Bücher.
 

Der Raum

Das dritte Element ist der Raum. Er heißt zunächst Schreibstube, lateinisch Scriptorium, dem scribere für schreiben zugrunde liegt. Am Ende erhält der Raum, in dem Bücher produziert werden, den Namen des Tuches, das zwischen Tisch und Buch gelegt wird. Es handelt sich um das Tuch der Mönchskutte – der Burra. Zuerst wird im 17. Jahrhundert der Tisch, den die Burra bedeckt, Büro genannt, und im 19. Jahrhundert wird der Raum, in dem der mit Filztuch bedeckte Tisch steht, zum Büro. In der Bezeichnung verschmelzen Arbeitsraum und Tisch.
 

Das Büro

Im 13. Jahrhundert wandelt sich die mittelalterliche Standesgesellschaft. Durch Handel und Handwerk gewinnt das Bürgertum an politischem Einfluss, und Mönche entdecken die Natur und die Welt der sinnlichen Dinge. Es ist die Zeit der Scholastik – die Gedankenwelt des Spätmittelalters. In den neu errichteten Städten entstehen Dom- und Klosterschulen und Universitäten, die die Wissenschaft vom christlichen Glauben lösen. Die Wissenschaft, die bis dahin die Glaubensinhalte der Heiligen Schriften begründet, entdeckt nun die erfahrbare Welt und wendet sich dem Studium der Natur und der Moral, der Biologie und der sinnlichen Erfahrung des Menschen zu. Sie trennt Glaube und Philosophie strikt voneinander, ordnet sie neu und entwickelt Methoden und Wissen, das der modernen Welt ein Jahrhundert später zum Durchbruch verhilft.

Die Ausweitung der Buchproduktion aufgrund dieser Bildungsstätten lässt den neuen Berufsstand des Schreibers entstehen. Auch Studieren bedeutet in dieser Zeit das Herstellen von Büchern. Wer in Vorlesungen drei oder vier Bücher geschrieben hatte, konnte sich zur Prüfung anmelden. Aufgrund ihrer Bürokenntnisse arbeiten Mönche später in der Verwaltung der Höfe und bürgerlicher Unternehmen. Seit dem 13. Jahrhundert bilden Buch und Tisch ein festes Paar, das als Instrument des Lernens, Wissens und Organisierens eine gewaltige Wirkung auf die abendländische Kultur ausübt. Mit dem Berufsschreiber ist das Büro als eigenständiger Raum erfunden – wenn es auch noch nicht den Namen trägt.

Mit dem Interesse des 13. Jahrhunderts an Schule und Wissenschaft entstehen Kommentare zu den heiligen Texten und immer häufiger auch individuelle Texte, womit sich eine neue Zeit, die Renaissance ankündigt. Jetzt gilt es als modern, sich mit der Kultur der Antike zu beschäftigen. Das Büro wird dabei von seiner religiösen Bestimmung gelöst – und der modernen Welt der Weg geebnet.
 

Was wir vom Kloster lernen

Das große Verdienst der Klöster liegt in ihrem Engagement für Kultur und Gesellschaft. Nonnen und Mönche betrieben Seelsorge und bewahrten die Kulturgüter der Antike. So erweist sich die Büroarbeit von Anbeginn an als Kulturarbeit. Interessanterweise waren Klöster immer dann erfolgreich und entwickelten sich zu wohlhabenden Unternehmen, wenn sie sich eine Ordensregel gaben. Denn so unterstand das Klosterleben einer einheitlichen Idee, die ein Gemeinschaftsleben anregte, die Vita communis – die zur Teamarbeit führte. In der Teamarbeit, der rationalen Lebensweise, der disziplinierten Büroarbeit und der moralischen Gesinnung durch das Engagement für Gesellschaft, Natur und Mensch übernahmen die Klöster eine gesellschaftliche Verantwortung. Darin waren sie erfolgreich und Vorbild für die moderne, bürgerliche Welt.

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