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Die Spezies der Ypsiloner

Employer Branding Generation Y New Working Environments

Qualifiziert, technologieaffin und globalisiert soll die „Generation Y“ sein. Wenig kompromissbereit, wenn die Arbeit keinen persönlichen Mehrwert bringt, leistungsstark, wenn sie Spaß macht. Ein starker Gemeinschaftssinn wird ihr trotz Narzissmus nachgesagt sowie liberale Ansichten. Protest ist nicht ihr Ding, die Welt will sie aber trotzdem retten. Loyal ist sie hundertprozentig, aber nur solange sie auch hundertprozentig zufrieden ist. Sonst packt sie ihren Koffer und zieht weiter. Sucht sich mit den allerorts anerkannten, in Mindestzeit abgeschlossenen Bachelor- und Masterabschlüssen neue Herausforderungen. Theoretisch zumindest.

Was jedenfalls definitiv über die „Generation Y“ gesagt werden kann, ist, dass jeder über sie schreibt. Seit 1993 schwirrt die Bezeichnung durch sämtliche Zeitungen, Magazine und natürlich das Internet: das wahre Zuhause dieser Generation. Circa 30 Jahre alt sind ihre Mitglieder heute und das ihr zugeschriebene Sammelsurium von Attributen ist so heterogen wie sie selbst.

Vielleicht ist gerade jetzt der passende Zeitpunkt, um noch einmal einen Blick auf die „Millenials“ zu werfen. Retrospektiv könnte man fast sagen, da schon die nächste Generation namens „Z“ mit den Smartphones im Anschlag in den Startlöchern steht und bald den Arbeitsmarkt erobern wird. 
 

Auf X folgt Y folgt Z

Wie es das Alphabet vorgibt, folgt Y auf X. In den 60ern bis 80ern erblickte die „Generation X“ das Licht der Welt. Der Begriff wurde vom Fotografen Robert Capa erdacht und durch Douglas Couplands gleichnamigen Roman in den allgemeinen Sprachgebrauch überführt. Geprägt von einer hohen Scheidungsrate und aufgezogen vom Fernsehen, wird die sogenannte „Gen X“ als arbeitsfaule, zynische und kapitalismusfeindliche Generation charakterisiert, die wenig auf Karriere und Prestige gibt, dabei aber immer individuell sein will. Als diese Generation erwachsen wurde, wollte sie die Fehler ihrer Eltern nicht wiederholen und kümmerte sich „helikopterhaft“ um die eigenen Kinder, die „Ypsiloner“. Diese sind zwar weniger auf Individualismus ausgerichtet als ihre Eltern, durch die auf Belohnung und Bestätigung aufbauende Erziehung in ihrer Kindheit aber selbstbewusster. Sie verlangen ihren Arbeitgebern viel ab, wollen Feedback und Lob, sind dafür aber flexibler. Weil sie in einer wirtschaftlich krisenreichen Zeit aufgewachsen sind, in der sich Technologie rasend schnell verändert und verbessert, sind auch sie immer auf dem Sprung, immer bereit für Veränderung.

Ihre Kinder, die „Zs“, werden sich als kulturell noch diverser, noch vernetzter, aber auch als noch abgeklärter herausstellen.
 

Besser oder anders als früher?

Wie alle Kategorisierungen funktioniert auch die Zusammenfassung der „Generation Y“ zu einer Gruppe nicht nur durch das Suchen gemeinsamer Nenner sondern auch – und das vielleicht viel mehr – über die Abgrenzung zu anderen Gruppen. Im engsten Sinne ist das eine zeitliche Abgrenzung zur Elterngeneration X. Und schon da beginnen die Probleme: Zwischen 1980 und 2000 kann ein „Ypsiloner“ geboren worden sein. Das ist erstens in Zeiten massiven technischen Fortschritts ein unglaublich langer Zeitraum – da braucht man noch nicht einmal auf politisch-historische Ereignisse schauen.

Zweitens sind Generationenfragen auch immer kulturelle Fragen: Amerikanische „Ypsilons“ werden sich zwingend von deutschen, spanischen oder chinesischen unterscheiden.
Drittens kommt es auf den Aspekt an, unter dem man sich so eine Generation anschaut. Geht es um die Arbeitswelt und die Anforderungen an diese, sind es die „High Potentials“, denen man seine Aufmerksamkeit schenken wird, da sie wegen ihres Führungspotenzials das Arbeitsethos prägen.

Die „High Potentials“ der Vorgängergeneration sollen konsumorientiert und hungrig nach sozialer Anerkennung gewesen sein. Das unterscheidet sich diametral von der Beschreibung der „Generation X“ als Gruppe „antikapitalistischer Punks und Hippies“.

Zeitgleich existierten also die Anhänger verschiedener Subkulturen und die karriereorientierten Workaholics, auf die der Begriff „Yuppie“ gut zutrifft, nebeneinander: in gegenseitigem Unverständnis und Misstrauen, mit wenig Kontakt zueinander.
Doch ihre Kinder sind durch das Internet – und hier ist vor allem das Web 2.0 gemeint – nolens volens miteinander verbunden. Sie sind alle User, die sich an einem Ort – oder „Unort“ – dem World Wide Web, absichtlich und unabsichtlich treffen können. Das macht sie aufgeschlossener und offener für Neues, da sie andere Gedankenkonstrukte und Weltbilder quasi in den „News Feed“ geliefert bekommen, sich das Verständnis anderer Denkkonzepte nicht erst mühsam erarbeiten müssen.

So heterogen die „Generation Y“ also auch sein mag, ihre Mitglieder sind nur einen Mausklick voneinander entfernt. Und das eint sie.
 

Aus Sicht der Arbeitgeber

Doch wie sieht es nun mit der Einstellung zu Arbeit der „Gen Y“ aus und wie unterscheidet sie sich von der Einstellung der Vorläufergenerationen? Das versuchten Soziologen und Historiker weltweit in Studien herauszufinden mit dem Ergebnis, dass die „High Potentials“ der „Generation Y“ im Gegensatz zur Vorgängergeneration weitaus mehr Wert auf Selbstverwirklichung als auf den Aufstieg auf der Karriereleiter legen.

Frau Magister Doris Sturm, die bei A1 im Bereich Human Resources/Talent Acquisition für das Thema Employer Branding zuständig ist, beschäftigt sich nicht zuletzt genau mit der Frage, wie ihre Firma junge Talenten ansprechen kann. Mit dieser Aufgabe geht selbstredend eine starke Auseinandersetzung mit den „High Potentials“ selbst, ihren Wünschen und Vorstellungen einher: „Im Laufe der Jahre fällt auf, dass wir – vor allem im Hochschulsegment – auf immer mehr BewerberInnen treffen, die Jobs suchen, mit denen sie sich stark identifizieren können. Zum anderen werden von Anfang an auch klare Grenzen des Engagements kommuniziert (Stichwort: Work-Life-Balance). Derzeit stehen die Chancen am Arbeitsmarkt gut für jene, die sich im Job besonders engagieren und Zusatzqualifikationen aufweisen. Die Herausforderung für Unternehmen ist es, spannende Jobs für die junge Generation zu bieten.“, so Sturm.

„Ob sich die ‚Generation Y’ aber längerfristig ihre Forderungen nach einer besseren Work-Life-Balance erfüllen kann, wird sich erst im Laufe der Jahre zeigen.“, gibt die Expertin zu bedenken.

Der Wunsch nach Identifikation mit der Arbeit wird also auch von Arbeitgebern wahrgenommen. Für diese Identifikation nehmen manche „Ypsiloner“ dann auch in Kauf, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen. Auch wenn im Büro zwischendurch einmal Spotify-Playlisten erstellt werden, werden im Gegenzug Arbeitsemails beim Abendessen mit Freunden vom Smartphone aus beantwortet. „Ypsilons“ wollen nicht ihr Leben lang im selben Büro an ihre Rechner gefesselt dahinvegetieren, sondern wechseln viel öfter als die Vorgängergenerationen den Arbeitsplatz, die Work-Life-Balance immer optimierend. Eine elitäre „Multioptionsgesellschaft“, die schon in der Volksschule zwischen Yoga, Französischkurs und Querflöte aus dem Vollen schöpfen konnte. Doch stimmt das so?
 

Aktion und Reaktion

Einerseits, ja: Diese Generation ist insgesamt besser ausgebildet, oft sogar überqualifiziert, technologiebeflissener und globalisierter als ihre Vorgänger. Andererseits scheinen manche erkennbare Tendenzen weniger eine gemeinsame Geisteshaltung einer Peer-Group zu sein als viel eher die erzwungene Reaktion auf die Situation am Arbeitsmarkt. So wechseln viele Leute nicht deshalb öfter den Job, weil sie in Möglichkeiten schwimmen, sondern weil Firmen oft die ohnehin schon auf kurze Zeit befristeten Verträge nicht verlängern können oder wollen. Der „Multioptionsgesellschaft“ steht die harsche Realität hoher Arbeitslosenquoten gegenüber, derer sich nur eine sehr kleine Gruppe innerhalb dieser postulierten Generation entziehen kann. Denn nicht jeder gut ausgebildete Akademiker ist gleichzeitig ein „High Potential“. Es ist nur eine Elite innerhalb der Elite, die mit der Qual der Wahl konfrontiert ist.

Auch die heißbegehrten „Digital Natives“ können ihre Vorteile gegenüber älteren Arbeitnehmern nur noch wenige Jahre lang genießen – denn was jetzt vielleicht noch als besondere „Assets“ oder zusätzliche „Skills“ betrachtet wird, wird in kurzer Zeit selbstverständliche Voraussetzung für jede Ausschreibung sein – Social Media-Kenntnisse als Alleinstellungsmerkmal werden so schnell passé sein wie ein Snapchat.

Man darf mutmaßen, dass Werte wie „Sicherheit“ und „Loyalität“, wie sie die Vorgängergeneration an ihren Arbeitsplätzen schätzte, heute genauso hoch im Kurs stehen würden, wären sie realistisch. Mit dem Einzug prekärer Arbeitsverhältnisse, in denen nach Sicherheit zu verlangen schlichtweg nicht möglich ist, geht eben ein Wertewandel einher. Übertrieben ausgedrückt nach dem Motto „Wenn ich schon kein unbefristetes Arbeitsverhältnis habe, möchte ich mich wenigstens selbst verwirklichen.“ Doch die „Generation Y“ würde diesen Satz nicht als Vorwurf formulieren. Sie ist in dem Wissen, dass sie in unsicheren, veränderungsreichen Zeiten lebt, aufgewachsen. Sie kennt ihre Optionen und sie macht das Beste daraus. So wie jede Generation vor ihr auf ihre eigene Art.

  

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