London Docklands, Foto: arge|zeit|media

Architektur & Design

Docklands – neuer, alter Space

Kreativität Inspiration

Inspiriert von den DOCKLANDS, einer von PearsonLloyd für Bene entworfenen Möbelfamilie für das Open Office, kommen wir einem interessanten Begriff auf die Spur.

"Mitten in den Docklands" - wie cool klingt das denn! Blitzschnell sind sie da, die Assoziationen von raffinierter Architektur, vielversprechenden Start-ups und vernetztem Business, von zukunftsorientierten Investitionen und urbanen Visionen. Wo intellektuelle Communities und kreative Subkulturen zeigen, was modernes urban living zu bieten hat.

Keine Frage - reanimierte und revitalisierte Waterfronts haben meist abwechslungsreiche Geschichten hinter sich. Bis weit ins 19. Jahrhundert wurden in den großen See- und Flusshäfen Schiffe entlang befestigter Kais entladen, die sich mitten in der Stadt befanden. Wohlhabende Bürger lebten so häufig direkt über den Speicherhallen.

Mit der zunehmenden Bedeutung der Eisenbahnen wanderten Hafenanlagen an die Peripherien. Dort konnte man Eisenbahntrassen leichter errichten. Außerdem gab es mehr Platz für Lagerhallen und besseren Schutz vor Diebstahl.

Der Hype währte allerdings selten lange. Der technische Fortschritt des 20. Jahrhunderts brachte nicht nur den Rückgang der internationalen Personenschifffahrt zugunsten des Flugverkehrs, auch die Errichtung hoch automatisierter Containerhafen in noch weiterer Entfernung zu den Stadtzentren bedeutete für die alten Piers meist den wirtschaftlichen Ruin. In den USA begab man sich deshalb bereits in den 1960er Jahren auf die Suche nach neuen Nutzungsmöglichkeiten der brachliegenden und schnell verwahrlosten Viertel. So entstanden in Boston, Baltimore und San Francisco erste Bemühungen zur Revitalisierung mit der Errichtung hochwertiger Wohn- und Büroobjekte, deren Immobilienwerte anstiegen, je näher sie den attraktiven Boardwalks waren.


Reise ans East End

Europas berühmteste Docklands befinden sich zweifelsohne in London - und das nicht nur, weil hier Jack the Ripper sein Unwesen trieb. Im Osten der Millionenstadt gelegen, streifen sie gleich 5 Londoner Stadteile. Ob Römer, mittelalterliche Seefahrt oder Industrialisierung - der Londoner Hafen war seit Gründung der Stadt für deren wirtschaftliche Entwicklung wesentlich mitverantwortlich. Im 18. und 19. Jahrhundert war er sogar der Größte der Welt, in dem rund 60.000 Schiffe pro Jahr be- und entladen wurden.

Für die Docks war eine riesige Anzahl von Arbeitern nötig, von denen nur wenige hoch spezialisiert waren, die meisten jedoch keine Schulbildung hatten. Noch bis 1965 mussten sich Interessierte jeden Morgen in bestimmten Pubs einfinden, wo sie von den Vorarbeitern auf gut Glück rekrutiert wurden.

Der Zweite Weltkrieg war auch für Londons Seehandel eine einschneidende Zäsur im 20. Jahrhundert. Nach kurzem, heftigen Aufschwung in den Wirtschaftswunderjahren kam das Ende plötzlich - zwischen 1960 und 1970, als Containerschiffe das Geschäft zu dominieren begannen. Die Londoner Docks waren auf einmal viel zu klein geworden, um die neuartigen Kolosse überhaupt abfertigen zu können. Die gesamte Hafenindustrie zog weiter flussabwärts zu den Hochseehäfen in Tilbury und Felixstowe. Zwischen 1960 und 1980 wurden sämtliche Docks in London geschlossen. Die Arbeitslosenquote war enorm, die Gegend verarmte, die Gebäude verfielen.

Ideen, die Docks für neue Zwecke zu nutzen, gab es beinah sofort nach deren Schließung. Es dauerte jedoch rund zwei Jahrzehnte, bis die ersten Maßnahmen in die Tat umgesetzt wurden. Verkompliziert wurde die Situation durch die große Anzahl an Landbesitzern, die alle ihre eigenen Interessen durchsetzen wollten.

Mit Hilfe der regierungsunterstützten London Docklands Development Corporation (LDDC) als zentrale Planungsinstanz und dem Aussetzen der Grundstückssteuer konnte der Plan dann doch realisiert werden. Plötzlich wurden Investitionen in den Docklands äußerst attraktiv, ein Immobilienboom war die Folge. Canary Wharf entstand, wo heute die drei höchsten Gebäude Großbritanniens stehen und sich die internationale Finanzindustrie niederließ.
 

The Future is our business

Die Einwohnerzahl hat sich in den zwanzig Jahren nach Beginn der Neuerschließung mehr als verdoppelt. Die Docklands haben sich zu einem Geschäftszentrum und zu einer exklusiven Wohnlage entwickelt. Nicht alle alten Lagerhäuser und Werften wurden abgerissen, einige verwandelte man in Appartementhäuser und Einkaufszentren.

Allerdings hatte die Umwandlung der Docklands nicht nur positive Aspekte. Der steile Anstieg der Preise während des Immobilienbooms führte zu Konflikten zwischen den Neuankömmlingen und der alteingesessenen Bevölkerung, die sich immer mehr verdrängt fühlte. Man muss nur zu Fuß gehen, um die Auswirkungen nach wie vor zu sehen –Hochpreisappartements und Sozialbauten stehen hier nebeneinander.
 

Neues Leben braucht die Stadt

Die Entwicklung der Londoner Docks ist für viele Hafenstädte symptomatisch. Vom klassischen Handelsplatz innerhalb historischer Cities führt sie über die allmähliche Industrialisierung mit der langsamen Segregation von Hafen und Stadt, bis sich schließlich an der Peripherie ein moderner Industriehafen entwickelt. Daraufhin folgt die völlige Deindustrialisierung, bis letztlich die veralteten Objekte oftmals zuerst von kreativen Subkulturen, schlussendlich aber von betriebswirtschaftlich bestimmten Stadtentwicklern wiederentdeckt werden.

Das Spencer Dock etwa in Dublin, eines von drei Docks am Fluß Liffey, stellt heute eines der größten und ehrgeizigsten Ausbauprojekte Irlands dar, mit Apartmenthäusern, Büroobjekten sowie einem großzügigen Freizeitareal und eigener Railwaystation. Das Gebiet mit über 200.000 m2 beherbergt bereits das Dublin Convention Center, die Bank of Ireland oder PricewaterhouseCoopers. So ganz "nebenbei" hat sich in unmittelbarer Umgebung auch eine rege Musik- und Festivalszene etabliert, die mit Veranstaltungen über das ganze Jahr versucht, vor allem neue soziale Netzwerke zu schaffen.

Auch Hamburg, der zweitgrößte Hafen Europas, ist ein ganz klassischer Kandidat und ein spannender Fall urbaner Entwicklung. Nach Schließung der Großwerften entstanden in den 1980er Jahren im ehemaligen Herzen des Hamburger Hafens ausgedehnte brache Flächen. Angepackt wurde die städtebauliche Herausforderung unter dem Namen "HafenCity". Auf einer Fläche von 155 ha (inklusive Wasserflächen) entsteht derzeit ein neuer Stadtteil mit den Schwerpunkten Gewerbe, Büro und Wohnen, der nach seiner Fertigstellung 2030 rund 48.000 Arbeitsplätze und Wohnraum für etwa 12.000 Personen bieten soll. Das vermutlich prominenteste Einzelbauwerk der HafenCity ist die Elbphilharmonie, die allerdings wegen mehrfacher Bauverzögerungen und Kostensteigerungen immer wieder heftig durch die Presse geistert.

Für die mittlerweile im neuen Hafengebiet angesiedelten kleineren und größeren Unternehmen (angeblich bereits an die 270), für Kreative, Freiberufler und Individualisten einer eher gut gestellten Mittelschicht bietet das Leben und Arbeiten am Wasser jedenfalls viel urbane Qualität mit der speziellen Atmosphäre eines neu entstehenden Stadtteils.
 

The times, they are a changing

Einen ganz ähnlichen Schub urbaner "Resurrection" nahe dem Wasser erlebt Paris soeben in Les Docks, einem jungen Zentrum für Mode und Design. Lebhaft und unkonventionell präsentieren sich die ehemaligen Lagerhallen am linken Seine Ufer zwischen Gare d’Austerlitz und der Nationalbibliothek. Architektur mit fluoreszierenden grünen Röhren an der Fassade, im Inneren hat sich seit 2008 das Institut Français de la Mode angesiedelt, samt Boutiquen und Showrooms von ambitionierten Modemachern und Designern auf insgesamt 14 000 m². Die passende Musik- und Clubszene steht ebenfalls schon in den Startlöchern.

Apropos Aufbruch: Auch in den Docks von Melbourne verfolgt man seit dem Jahr 2000 ein ähnliches Konzept, nachdem die riesigen Hafenanlagen bis in die 1990er Jahre völlig verlassenes, städtebauliches Brachland darstellten. Anfangs siedelte sich hier eine intensive Rave Szene an, die mit der Zeit das Interesse von Start-ups sowie einer unabhängigen, privat organisierten Kulturszene hier her lenkte. Das bauliche und strukturpolitische Engagement der Stadt folgte prompt. Die Vision der derzeitigen Vermarkter richtet sich auf ein mit Infrastruktur komplex ausgestattetes, von internationalen Banken und Konzernen besiedeltes Viertel mit ausgewogenem Kulturangebot, in dem bis zu 20.000 Einwohner ein neues Zuhause finden und 20 Millionen Touristen jährlich Einnahmen garantieren.
 

Leben und Leben lassen

Was die einen freut, ist nicht immer, was sich die anderen wünschen. Und Projekte wie diese sind Paradestücke zum Thema Gentrifizierung. Selten findet man eine Lösung, urbane "Upgrade"-Prozesse umzusetzen und Neuem die Chance zu geben, sich zu entwickeln, ohne angestammten Bevölkerungsgruppen ihren bisherigen Lebensmittelpunkt wegzunehmen. Wenngleich vor allem Wasserfronten, Docklands und Piers wie geschaffen dafür scheinen, Umbruch und Neuerungen anzuziehen. Schließlich sind Entdecker immer schon von hier aus aufgebrochen, um neue Horizonte zu eröffnen…
 

Autor

Brigitte Schedl-Richter

Texterin, freie Journalistin, www.argezeit.at

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