Architektur & Design

Farben!

Farbe Licht Design Spectrum

Wenn man es unprosaisch betrachtet, dann setzt sich alles aus nur neun Hauptfarben zusammen, die die Zäpfchen und Stäbchen auf unserer Netzhaut empfangen können: nämlich aus Weiß (als "Gesamtmischung" des Farbspektrums), Schwarz (als "kein Lichtreiz"), Magenta, Gelb, Cyanblau, Indigo, Violett, Grün und Orange.

Die eigentliche Leistung vollbringt im Anschluss wie immer das menschliche Gehirn, indem es diesen schmalen Bereich elektromagnetischer Wellen in 350.000 unterschiedliche Fabempfingungen auffächert.
Und um die Theorie noch ein wenig abzurunden: Vergessen wir nicht auf die Unterscheidung von Licht- und Körperfarben. Die Farben der Gegenstände in der natürlichen Umwelt sind in der Regel Körperfarben. Der Farbeindruck, den der Betrachter von einem Gegenstand erhält, entsteht dadurch, dass ein Teil des Lichts, das auf die Oberfläche des Gegenstands trifft, von dieser reflektiert wird, während der andere Teil absorbiert wird.

Dabei bestimmt das übrigbleibende reflektierte Licht die Farbe des Gegenstandes. Lichtfarben stellen im Gegensatz zu Körperfarben selbst das Licht dar. Man geht von Teilchen aus, die als Teil der Lichtquelle selbst Licht abstrahlen.

Bilder auf dem Computermonitor oder Fernseher entstehen durch Lichtfarben. Die Anzeige erfolgt hier durch laufendes Aussenden von Elektronen, die auf die Bildschirmoberfläche treffen und dort ein farbiges Aufleuchten des Phosphors bewirken.
 

Mehr komplex als einfach

Damit sind natürlich noch lange nicht jene Phänomene erklärt, die Farben zugeschrieben werden. Allerdings - wer an dieser Stelle bereits von den eindeutigen Stimmungen reden will, die Farben angeblich so zielsicher beeinflussen können, sollte sich erst einmal anhören, was Antropologen zum Thema zu sagen haben: Zweifellos haben nämlich unterschiedliche Kulturkreise ihre eigenen Farbigkeiten! Ein paar Beispiele gefällig?

+ In China etwa wird die Farbe Gelb mit dem Männlichen gleichgesetzt, dem als weiblicher Gegenpol Schwarz gegenüber steht. Im europäischen Kulturkreis ist es genau umgekehrt. Schwarz entspricht dem männlichen Prinzip und Gelb eher dem Weiblichen.
+ Rot gilt am europäischen Kontinent und auch in Japan als klassische Signalfarbe, meist assoziiert mit Gefahr und Aggression. Chinesen hingegen drücken Freude und hochfestliche Stimmung mit Rot aus.
+ Weiß – bei uns die Farbe der Reinheit und der Tugend, im asiatischen Raum Symbol für Tod und Trauer.
+ Blau war bei den Japanern in früheren Zeiten überhaupt nicht existent, während in der "restlichen" Welt Blau eine ganz besondere Anziehung ausstrahlte - als Symbol für Macht, Wahrheit und Göttlichkeit.
 

Mehr realistisch als mysthisch

Natürlich haben solche Anwendungen bzw. Symboliken zum Teil mit ganz simplen wirtschaftlichen und soziografischen Rahmenbedingungen zu tun.
Rote Farbe war zu historischen Zeiten eben nur aus Purpur zu gewinnen und 120.000 Purpurschnecken produzierten gerade mal 1,4 Gramm Farbstoff! Das konnten sich nur die Allerreichsten leisten und auch nur für ihre Festkleidung.
Die Indikatoren sind oft ganz simpel: In welcher Gegend lebten die Menschen, im Norden oder im Süden? Welche natürlichen Farben waren vorhanden? Felder, Berge, Wasser etc. Dass Grün etwa als Farbe der Hoffnung gilt, könnte damit zusammenhängen, dass mit dem neu aufkeimenden Grün im Frühjahr nach der Zeit der winterlichen Entbehrung wieder optimistische Gefühle entstehen.

Für Wüstenvölker ist Grün noch viel mehr, nämlich die Farbe des Paradieses (die heilige Farbe des Islam), welcher der höchste Wert zugeordnet wird. In Europa besitzt es diesen Status nicht, da es hier die "normale" Farbe unserer Landschaft ist.
Übrigens gilt auch hier das patriarchalische Konzept: An erster Stelle stehen in fast allen Kulturkreisen die teuren, wertvollen Farben für das männliche Prinzip, an zweiter Stelle folgen die weniger wichtigen Farben für das weibliche...
 

Mehr sinnlich als intellektuell

Trotzdem – und auch das sind bereits seit dem Mittelalter belegte Fakten – Farben können mehr! Der arabische Arzt, Philosoph und Alchimist Avicenna (980-1037) entdeckte die überraschende Möglichkeit, seine Patienten mit Farbbestrahlung zu heilen. In seinem "Buch der Genesung" schlägt er vor, mit Farben die verschiedenen Temperamente zu umschreiben: cholerisch, melancholisch, sanguinisch und phlegmatisch.

Er ordnet diese den Elementen Feuer, Luft, Erde und Wasser zu, die den Farben rot, gelb, grün und blau entsprechen. Avicenna glaubte, dass die Gefühle eines Menschen am vorteilhaftesten vom Sonnenlicht, das durch gefärbte Glasscheiben in einen Raum fällt, stimuliert werden.

Heute hat die Farbtherapie trotz ausführlicher Forschungsergebnisse noch immer eine gewisse Außenseiterrolle in der Schulmedizin. Die Forschungsergebnisse allerdings können sich sehen lassen: Blau beschleunigt die Wundheilung und lindert zugleich Schmerzen. Rot törnt alle Lebewesen an. Pflanzen wachsen besser, Hühner legen mehr Eier, bei Menschen erhöht sich die Pulsfrequenz.

In gelb getünchten Kantinen lässt es sich entspannter essen, zartes Grün an den Wänden beflügelt den Einfallsreichtum. Ein Lichtmix aus Rot plus Grün hilft gegen Depressionen.
Manche Augenärzte bedienen sich des Farbspektrums, um Augenmuskeln zu therapieren. Farben, so die These der Wissenschafter, gleichen Energieschwankungen zum Mittelwert hin aus – egal, ob sie mit der Nahrung aufgenommen oder angezogen werden, ob man sie anfasst oder nur ansieht.

Da ist es nicht verwunderlich, dass im aktuellen Zeitalter ausgiebiger Körperkultur auch die neuesten "Wohlfühlmethoden" auf Multicolor setzen, um Körper und Seele in Gleichklang zu bringen. Schneller Energie-Push, tolle Ausstrahlung, bessere Immunabwehr: Alles ist möglich. Sie haben es schon hundertfach gelesen und spätestens im letzten Feng-Shui Seminar gehört. Umgangssprachlich schlägt sich das so nieder: Wer gelb vor Neid ist, kann schnell rot sehen. Höchste Zeit, wieder in den grünen Bereich zu kommen, vielleicht mit einer Fahrt ins Blaue? Danach sieht man das Leben durch die rosarote Brille.
 

Mehr Raum als Farbe

Wer hätte somit mehr Anrecht auf farbliche Gestaltung als die Lebensräume, die uns umgeben? Als die Gegenstände, mit denen wir hantieren? Architekten und Designer scheinen in unserer Zeit des Überflusses an Möglichkeiten jedoch beinah reflexartig in die andere Richtung zu tendieren (Ausnahmen bestätigen regelmäßig die Regel!). Reduzierte Sachlicheit und Formensprache finden ihre Parallelen in einem bewussten Verzicht auf Buntheit.

"Der Einsatz oder der Verzicht von Farbe ist ein klares Statement des Gestalters. Umso wichtiger ist ein gut begründeter Entscheidungsprozess im Vorfeld", so Kai Stania, Architekt und Designer bei Bene, der sich mit dem Thema Farbe intensiv auseinandergesetzt hat. "Farben sind ein unerschöpfliches Werkzeug der Akzentuierung und der Strukturierung." Sie können im Raum Funktionen übernehmen und dem Raum Funktionen geben. Man muss nur wissen wie...


  

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