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Trends

Genug gearbeitet?

Arbeitswelten Automatisierung Digitalisierung

Revolutionen müssen nicht immer laut sein. Manchmal zeigen sie beinahe Understatement. Das beweist eine, die derzeit in der Arbeitswelt stattfindet. Die Technologie der Digitalisierung hat den Weg dazu geebnet, dass immer mehr Jobs durch Algorithmen und Roboter erledigt werden – immer effizienter, immer smarter, so heißt es von den Befürwortern. Doch gelernte Skeptiker fragen schon: Bedeutet das das Ende der (menschlichen) Arbeit?

Misst man aktuelle Geschehnisse mit historischen Ereignissen, ist stets Vorsicht geboten. Nicht alles, was als "historisch" in die Welt posaunt wird, stellt sich im Nachhinein als etwas heraus, das in unserer schnelllebigen Gesellschaft mehr als nur einige Jahre Bestand und Bedeutung hat.

Andererseits gibt es auch die tatsächlich großen Veränderungen, von denen man bereits zum Zeitpunkt des Geschehens weiß, dass sie Weichen stellen und unausmerzbare Spuren hinterlassen werden. Die moderne Automatisierung bzw. Digitalisierung mit all ihren Folgen ist eine solche. Einer ihrer einschneidendsten Aspekte: die Verlagerung menschlicher Arbeit zu automatisierter. Ein alter Hut, wird so mancher jetzt sagen. Die industrielle Revolution haben wir schon seit längerem hinter uns – sowohl die erste als auch die zweite. Ganz recht, aber hier sind nicht die klassischen Maschinen gemeint, sondern mathematisch generierte Algorithmen, die bekanntlich keineswegs auf physische, industrielle Fertigung beschränkt sind.
 

Kleine Helferlein für den Alltag

Wir nutzen Algorithmen in der Freizeit ganz selbstverständlich – von Navigationsgeräten und Routenplanern bis zu diesen putzigen automatischen Staubsaugern und Rasenmähern, die ohne unser Beisein nach bestimmten Regeln vor sich hin werkeln. Vielfach übernehmen die kleinen digitalen Helferlein Aufgaben, für die es früher gar keinen eigenen Job gab, häufig unterstützen sie uns bei unserer Arbeit und immer öfter ersetzen sie uns.

 

Automatisierung der Wissensarbeit

Waren es bisher traditionell die Arbeiten der blue-collar worker, die von der Automatisierung betroffen waren, rücken heute zunehmend auch die Aktivitäten der white collars ins Zentrum mathematisch abbildbarer Prozesse. Bei einer Reihe von Tätigkeiten ist das inzwischen weitgehend be- und durchwegs anerkannt. Zum Beispiel geht an der Börse der Großteil des Umsatzes auf Aktionen von Algorithmen zurück. Menschliche Bewertungen von Unternehmen sind für den Erfolg von Investoren heute oft weniger entscheidend als die Länge der Kabelverbindung zum Börsenserver (und damit die Geschwindigkeit). Im Hochfrequenzhandel des Algo-Tradings entscheiden Millisekunden. Und da kann – sorry! - kein Mensch mithalten.

Aber auch zahlreiche andere Jobs, die ehemals gut ausgebildete Experten erledigten, laufen nun automatisch ab. Hätten Sie gedacht, dass in Zukunft auch die Arbeit von Anwälten von Programmen erledigt werden, die Gesetzestexte durchforsten, Dokumente analysieren und Zusammenhänge herstellen? Sie bewerten Fälle und fassen Ergebnisse selbständig zusammen.

Oder in der Medizin: CT-Scans werden bald kaum mehr von Radiologen analysiert, um Tumore zu entdecken und zu vermessen – diese aufwändige Arbeit erledigt teilweise heute schon eine Software. Auch Vergleiche bei Nachuntersuchungen kann die Software ganz easy erstellen.

Doch auch Tätigkeiten, die aufgrund ihres Kreativitätsanspruchs als klassisch menschlich galten, werden zunehmend von Algorithmen übernommen. So verfasst bereits seit 2009 ein Programm Berichte über Baseballspiele. Die Daten bekommt es aus Tabellen, den Spielverlauf rekonstruiert es selbst und generiert Sportberichte von erstaunlicher Qualität.

 

Das Ende der Arbeit?

Kurz gesagt: Nicht nur unsere Muskelkraft, auch unsere geistigen Leistungen werden zunehmend "fremd-automatisiert". Immer differenziertere Aufgaben werden uns abgenommen, immer mehr Jobs obsolet. Kevin Kelly spricht Ende 2012 im Wired Magazin davon, dass am Ende des Jahrhunderts 70% der heutigen Tätigkeiten von Maschinen erledigt werden. Aber werden dann nicht einfach neue Jobs entstehen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können? Schließlich hat technologischer Fortschritt immer einen gewissen Wandel gebracht: Alte Jobprofile sind verschwunden, neue entstanden. Im Economist wurde (nicht als erstem Medium und sicher nicht als letztem) 2011 die These aufgestellt, dass der technologische Fortschritt heutzutage jedoch nicht mit derselben Geschwindigkeit neue Jobs schafft, wie er andere veralten lässt. Es gäbe nicht zu wenig, sondern zu viel und zu schnellen technologischen Fortschritt, um auf frühere Beschäftigungszahlen zu kommen.

Das Ziel der Vollbeschäftigung wird heute immer öfter als Illusion gesehen – auch von renommierten Wirtschaftswissenschaftern. US-Ökonom Jeremy Rifkins hat bereits 1995 in seinem Buch "Das Ende der Arbeit" eben dieses prophezeit. Langfristig werde die durch Menschen geleistete Erwerbsarbeit verschwinden. In einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung im Jahr 2005 wies er darauf hin, dass zwischen 1995 und 2002 in den 20 größten Volkswirtschaften der Erde mehr als 30 Millionen Arbeitsplätze abgebaut wurden. Zwar steige die Produktion, ebenso die Produktivität, aber die Arbeitsplätze nähmen ab. Der Mensch werde in der Erwerbsarbeit zunehmend überflüssig.

Eigentlich logisch: Eine Wirtschaftsweise, die immer mehr auf Einsparungen aus ist, wird früher oder später den hohen Kostenfaktor Mensch möglichst komplett zu eliminieren versuchen. Das Dilemma dabei: Die Politik versucht Arbeitsplätze zu erhalten bzw. zu schaffen, in einem System, das grundlegend auf deren Abbau hin getrimmt ist und das auf Technologien zugreifen kann, die eben dies ermöglichen – auf Dauer kann das wohl nicht gut gehen.

 

Widerstand leisten oder umdenken

Aberwas bedeutet das für uns? Sollen wir moderne Maschinenstürmer werden, den Fortschritt bewusst bremsen, Automatisierungen beschränken? Oder Wege finden, nicht nur notdürftig damit umzugehen, sondern diese Entwicklung für uns zu nutzen, nicht gegen Maschinen und Programme arbeiten, sondern mit ihnen – und uns ergänzend in Bereichen abseits der Erwerbsarbeit mehr engagieren?

Anders gefragt: Ist es wirklich so schlimm, wenn ein Teil der Arbeit automatisiert wird? Wen stört es, wenn einem ein Programm gewisse Arbeiten – derzeit vorwiegend Routinearbeiten, künftig eventuell auch solche, die Lernfähigkeit voraussetzen – abgenommen werden? Die eigenen Tätigkeiten werden sich gewiss verschieben, vielleicht aber interessanter, sinnerfüllter werden, vielleicht auch mehr Zeit für anderes lassen.

Und die zu erwartenden Arbeitslosen, das fehlende Einkommen – was ist damit? Rifkins sieht zwei Alternativen für die Zukunft. "Die eine ist eine Welt mit Massenarmut und Chaos. Die andere ist eine Gesellschaft, in der sich die von der Arbeit befreiten Menschen individuell entfalten können. Das Ende der Arbeit kann für die Menschheit einen großen Sprung nach vorn bedeuten. Wir müssen ihn aber auch wagen." Und genau das ist der Punkt. Wenn wir unsere Einstellung und die Rahmenbedingungen nicht auf ein Leben ohne ("genügend") Erwerbsarbeit (also bezahlte Arbeit) einstellen, wird Variante 1 eintreten, sonst haben wir die Chance auf Variante 2.

 

Utopien sind gefragt

Ideen dafür werden derzeit viele diskutiert. Beispielsweise eine Entkoppelung von Erwerbsarbeit und Einkommen, wie dies bei einem Bedingungslosen Grundeinkommen (teilweise) der Fall ist. Dieses ermöglicht ein bescheidenes Leben ohne unrealistischen Arbeitszwang, überlässt es aber jedem selbst, darüber hinaus (beispielsweise in einem Teilzeitjob) dazuzuverdienen. Denkbar wäre – um noch einmal zu Rifkin zurückzukommen – auch ein massiver Ausbau des Non-Profit-Sektors. Das Geld dafür könnte aus einer grundsätzlichen Steuerumschichtung kommen. Derzeit wird vor allem Arbeit besteuert – man könnte stattdessen zu einer Besteuerung von Ressourcen übergehen, oder auch eine Maschinensteuer einführen, so wie es heute eine Einkommensteuer gibt. Andere Möglichkeiten sind Parallelwährungen, die entweder auf Zeit oder ebenfalls Ressourcen basieren. Wobei die Zeit von jedem gleich viel Wert ist, bzw. jeder die gleichen Ressourcenanteile zugestanden bekommt.

Zum Teil mögen diese Ideen utopisch wirken, jedoch sind Utopien genau das, was man benötigt, wenn etwas Altes bald nicht mehr zu funktionieren droht – oder vielleicht jetzt schon nicht mehr funktioniert?

Ob wir für solche Ideen schon bereit sind, ob das nötige Umdenken schon stattgefunden hat, oder wir noch in alten Denkmustern verhaftet sind, könnte sich beispielsweise an der Zahl der Unterzeichner der Europäischen Bürgerinitiative zum Bedingungslosen Grundeinkommen zeigen, das voraussichtlich in der zweiten Märzhälfte 2013 starten wird.

Jedenfalls muss weniger Erwerbsarbeit keineswegs etwas Negatives sein – ganz im Gegenteil: Die Reduktion kann eine enorme Befreiung darstellen. Doch wie bei allen Revolutionen, ob leise oder laut, gilt auch hier: Veränderungen müssen ihren Ausgang in unseren Köpfen nehmen.

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