Personalities

Johannes Scherr Design, Schottenfeldgasse 73/4

Design Kreativität Design Trends

Johannes Scherr betreibt ein Designbüro in Wien und arbeitet für internationale Unternehmen im Bereich Transportation, Furniture, Product und Packaging Design. Die Suche nach einer übergeordneten Idee, die im fertigen Produkt spürbar ist, Langlebigkeit und Funktionalität stehen für Johannes Scherr im Vordergrund. Sein ausgereiftes Know-how in der Produktentwicklung begründete der diplomierte Industriedesigner bei Philips Design. Zahlreiche Auszeichnungen mit renommierten Designpreisen zeugen von der Professionalität des nachdenklichen Steirers. Seine Innovationskraft beweist er besonders bei der kreativen Recherche nach neuen Materialien und Fertigungswegen.

Nach Abschluss des Studiums Industrial Design an der Fachhochschule Graz im Jahr 2000 entwarf Johannes Scherr für Unternehmen wie Philips, Almdudler, Rauch Fruchtsäfte und Red Bull. Mit Bene verbindet ihn eine langjährige Zusammenarbeit (Sitzmöbel, Caddies und Raumgliederungssysteme). 2002 bis 2008 betrieb er gemeinsam mit Stephan Breier das Studio "Element Design" in Wien. Im Herbst 2008 gründete er sein Büro "Johannes Scherr Design", das neben eigenen Projekten die Designabteilung von Benelli Group in Pesaro, Italien leitet. Parallel dazu ist Johannes Scherr Lehrbeauftragter an der Kunstuniversität Linz sowie der FH Salzburg in Kuchl und hält Gastvorträge an der FH Industrial Design in Graz und der New Design University St. Pölten.


Herr Scherr, Sie pendeln ständig zwischen zwei Welten: Italien und Österreich. Ist das Leben und Arbeiten da und dort wirklich so unterschiedlich, wie man sich das klischeehaft vorstellt? Dort mehr Genuss, hier mehr "Muss"?
Nein, für mich eigentlich gar nicht. Ich arbeite ja für einen österreichisch geführten Produzenten, Benelli in Pesaro. Pesaro ist ein netter Ort südlich von Rimini. Die Unternehmenskultur ist österreichisch geprägt. Dennoch pflegen wir gute italienische Gewohnheiten wie einen gemeinsamen "Aperitivo" nach der Arbeit am Abend. Oder einer von uns kocht zu Mittag im Büro, das hat mich zu Beginn meiner Tätigkeit wirklich überrascht, weil ich das bisher nicht kannte. Oder jemand bringt selbstgemachten Kuchen mit. Wie man so sagt: Das gemeinsame Essen hat den Sinn, unterschiedliche Leute an einen Tisch zu bringen – das hat viel für sich. Im Team stärkt es das Gefühl, auch in schwierigen Situationen an einem Strang zu ziehen.


Welches Projekt ist derzeit akut?
Wir entwickeln einen "Jet Ski", ein rasantes Wassermotorrad. Mit hohem Designanspruch arbeiten wir an einer kompletten Neuentwicklung. Insgesamt geht es darum, dem Jet Ski eine völlig neue Identität zu verpassen. Bisher war dessen Erscheinungsbild eher "lieblich", jetzt soll der Jet Ski auch optisch vermitteln, was er kann: er ist ein extrem sportliches Fahrzeug, vergleichbar einem Motorrad. Die formalen Codes entlehnen wir deshalb diesem Bereich. Diese "Umcodierung" ist eine Herausforderung, die uns offenbar gelingt. Ein Journalist schrieb bereits von einer "neuen Ära der Jet-Skis".


Gibt es für Sie überhaupt so etwas wie einen "Hauptarbeitsplatz"?
Ich bin viel unterwegs und mag wechselnde Arbeitsplätze: auch im Zug oder Flugzeug. Im Prinzip ist aber der Hauptarbeitsplatz im "Büro" – dort steht eine Workbench, die je nach Projektstadium mehr oder weniger belegt, belebt und unterschiedlich genutzt wird. Ein anderer Hauptarbeitsplatz ist die Werkstätte.


Welche Bedeutung hat das Büro als Ort für Sie?
Das Büro ermöglicht zu fokussieren. Hier hat die Arbeit eine andere Qualität als unterwegs. Ideen können auch unterwegs entstehen, aber im Büro reifen sie. Wichtig ist mir, dass die Infrastruktur des Büros so gut ist, dass Arbeit effektiv sein kann: der Zugang zu Netz, Literatur – auch Entspannung. Die gute Tasse Kaffee.
Was ich an Büros nicht mag: Wenn die Basics nicht funktionieren: Internet, Drucker... Ein Büro soll komfortabel sein, aber es ist und bleibt ein pragmatischer Ort.


Haben Sie den Eindruck, dass Ihr Büro etwas über Sie aussagt?
Ja, mein Büro zeigt meine Haltung zum Thema Arbeiten: offen, nicht abgetrennt. Funktional, wandelbar. Nicht geschmückt, sondern eine neutrale Basis. Hauptdarsteller sind die Menschen, die darin wirken. Und die Charts und Bilder der laufenden Projekte: Zur Zeit arbeiten wir neben der Flächenmodellierung auch an der Produktgrafik.

Wichtig sind mir in meiner Büroinfrastruktur die beiden Hauptkomponenten: ein großes Regal mit Zeitschriften und Büchern, das mit dem Raum verschmilzt. Und die Workbench, deren hohe haptische Qualität ich sehr schätze. Man sitzt dort und fühlt gerne die Lederoberfläche.


Gibt es Orte oder Plätze, an denen Sie besonders gerne arbeiten?
Ja, in meinem eigenen Büro. Leider bin ich da zurzeit nicht oft anzutreffen.


Gibt es Orte, an denen Sie besonders gerne arbeiten würden?
Vielleicht in Santorin. Mit Blick auf die Caldera ; ), den wassergefüllten, tiefblauen Krater des Vulkans. Aber wahrscheinlich doch nicht länger als einen Urlaub lang.


Warum denn das?
Weil die persönliche Begegnung, die direkte Auseinandersetzung mit Kollegen und Partnern, aber auch die direkte Anbindung an die technische Entwicklung nicht nur für die konkrete Produktentwicklung, die Abstimmungsprozesse, sondern sogar für die Inspiration notwendig sind.


Das heißt, Büro ist für Sie ein Ort der Inspiration, der Kreativität?
Ja, deswegen war es mir für mein eigenes Designstudio sehr wichtig, einen Ort zu suchen – und zu finden –, an dem das auch wirklich möglich ist. Hier ist es ruhig, trotzdem bin ich mitten im siebten Wiener Bezirk, einem sehr lebendigen, zentralen und historisch interessanten Stadtteil mit anregender, kreativer Atmosphäre. Geprägt ist dieser Bezirk von ehemals vielen Kleinbetrieben und Handwerkern. Hier gibt es einen Baum vor dem Fenster, hier gibt es Platz sich auszubreiten. Hier dürfen Dinge auch mal falsch gemacht werden, bevor man zum richtigen Ergebnis kommt. Hier wird gehämmert, gebohrt – auch mal geflucht – ohne, dass die Nachbarn sich gestört fühlen. Und es wird gemeinsam an den Projekten weitergesponnen.


Welcher Gegenstand im Büro ist für Sie der Wichtigste?
Mein Laptop. Es ist die Schatulle, in der alle wichtigen, aktuellen Informationen stecken. Und die ist immer dabei.


Welcher ist der persönlichste Gegenstand in ihrem Büro?
Mein Skizzenbuch. Hier werden alle Ideen festgehalten. Tag für Tag.


Ihr wichtigstes Tool für die Arbeit?
Mein Bic-Kuli. Immer dabei. In vielfacher Ausführung. Und falls er abhanden kommt, ist ein neuer einfach zu besorgen.


Ihre liebste Tätigkeit im Zusammenhang mit dem Arbeiten?
Die erste Tasse Kaffee am Morgen – und dabei den Tag durchspielen und -planen.


Und wo schmeckt der Kaffee besser? In Pesaro oder Wien?
Da muss ich schmunzeln. Wien ist berühmt für Kaffee, Italien auch – allerdings mehr für den Espresso.


Va bene! Vielen Dank für das Interview.
 


Autor

Désirée Schellerer

Public Relations Manager

×

×
×