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Lebensräume: Das Kaffeehaus

Lebensraum Lifestyle Inspiration

Es heißt nicht umsonst: Räume haben Charakter. Ganz gleich ob wir darin arbeiten, lernen, lehren, kommunizieren, uns unterhalten oder entspannen möchten – der dafür "erschaffene" Raum nimmt auf die Besonderheiten von Nutzern und Tätigkeiten in der Regel eindeutig Bezug. Ob er allerdings "funktioniert", ist eine andere Frage und hängt ganz davon ab, ob er uns auch emotional erreicht. Wirkung ist letztlich doch mehr als die Quadratwurzel aus Raumhöhe + Wandfarbe + Stellfläche.

Zwischen Wien und Prag mochte man es bekanntlich immer schon gern klassisch weich gepolstert, während Italiener ihren schnellen kleinen Espresso lieber im Stehen oder im Freien vor dem Lokal bevorzugen. In Frankreich gehört "Le café" nach wie vor zum Savoir-vivre im intellektuellen Sinn des Wortes. Und über den großen Teich kamen in den letzten zehn Jahren insbesondere auf ein junges Publikum abzielende Statements zum Thema Kaffeehaus auch zu uns – wohl besser aufgehoben unter dem Gattungsbegriff "Coffeeshop" oder: "Coffee to go" meets mobile workstation.
 

Aller Anfang ist historisch....

Dennoch scheint das Kaffeehaus mit seinem besonderen Ambiente in erster Linie ein europäisches Phänomen zu sein. Vor allem am alten Kontinent hat es sich als fixe Größe des sozialen Lebens etabliert oder dort, wo europäische Auswanderer sich einst niedergelassen hatten.

Dass sich das Kaffeehaus ausgerechnet von Österreich aus verbreitete, war allerdings mehr historischer Zufall (Türkenbelagerung!) als evolutionäre Entwicklung. Fakt in jedem Fall aber ist, dass es in den Jahren um 1900 an die 600 Kaffeehäuser in Wien gab, besucht von zumeist männlichem Publikum, denn für Frauen war der Besuch eines Kaffeehauses nur mit männlicher Begleitung schicklich. Schon damals war das Kaffeehaus mit seinen oftmals integrierten Spiel- und Rauchsalons zentraler Treffpunkt des sozialen Lebens.

Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich das Kaffeehaus zu dem entwickelt, als das es heute noch im kollektiven Bewusstsein rangiert: als Kristallisationspunkt für Gedankenaustausch, kreativen Diskurs und künstlerische Auseinandersetzung; als Heimat der Kaffeehausliteraten, politischer Aktivisten, Freischaffender oder einfach nur Informationsbedürftiger.
 

Ursprünglich klassisch

Berühmte Beispiele europäischer Kaffeehauskultur gab und gibt es zahlreiche. In Wien schrieben zweifellos das Café Central, das Griensteidl oder das Havelka Geschichte. In Berlin ging man ins Größenwahn, in Prag traf man sich im Continental, im Arco oder im Savoy. Budapest war berühmt für sein Abbazia, Paris für das Café du Dôme. In Zürich stand das Sprüngli hoch im Kurs und in Venedig natürlich das Florian.

Architektonisch präsentierten sich diese Kaffeehäuser zumeist im Stil ihrer Epoche. Art Deco, Jugendstil oder klassizistisch, oft dekorverliebt, mit einem Hang entweder zu üppigem Wohnzimmercharakter oder aber zur nüchternen Zweckgebundenheit der beginnenden Bauhaus-Optik – so entwickelte sich eine Typologie, die das Erscheinungsbild "Kaffeehaus" weit über den Zeitgeist der jeweiligen Entstehungsepoche hinaus dominiert. Ein Beispiel der späteren Generation, kultig und atmosphärisch dicht erhalten: das von Oswald Haerdtl in den 1950er Jahren umgestaltete Café Prückel in Wien.
 

Social Coffeesphere

Was das Kaffeehaus – bis hin zu seinen Espresso- und Coffee Lounge-Nachkommen – aber so besonders macht, ist seine Entwicklung als gewachsener, funktioneller Raum. Hier wurde immer schon konsumiert, kommuniziert, gewartet, beobachtet, verabredet, gearbeitet, entspannt. Kaum ein anderer öffentlicher Ort, der eine solch komplexe Nutzung in sich trägt. Vom Bassena-Tratsch bis zur politischen oder intellektuellen Auseinandersetzung, alles kann hier stattfinden. Vielleicht liegt es an dem spannungsreichen Zwittertum zwischen Wohnzimmerambiente und InfoLAB. Zwischen dem Sehen und Gesehenwerden. Hier kann man genauso gut einsam sein wie im Mittelpunkt des Geschehens stehen. Kann "sozialem Separatismus" frönen oder aber netzwerken, was das Zeug hält. Das Kaffeehaus bietet eine sehr reale Plattform für eben alle Spielarten der Selbstpräsentation. Fast könnte man glauben, Mark Zuckerberg hätte nichts anderes gemacht, als das Kaffeehaus-Konzept auf eine virtuelle Ebene gehoben.
Auf eine andere, analoge verschoben, ist "Coffeesphere" inzwischen nicht mehr wegzudenken aus einem ganz anderen "Lebensraum": dem Büro. Zonen und Bereiche wie Cafeteria oder Coffice bringen eine neue Lebens- und Begegnungsqualität in die Arbeitswelt.
 

The next generation

Dennoch scheint sich etwas verändert zu haben. Die "soziale Biosphäre" Kaffeehaus hat an formeller Anerkennung gewonnen. Geschäftsverabredungen am Bistro-Tisch sind Alltag. Die Arbeit am Laptop lässt sich auch hier erledigen, soferne nur eine Steckdose in der Nähe ist. Und erst einmal eingeloggt, ist der aktuelle Ort ohnehin nur noch Start- und Endpunkt für virtuelle Kommunikationswege. Ein Telefonat aus dem Kaffeehaus? Gar nicht verschämt, sondern hochoffiziell. Wenn die Grenzen zwischen Beruf und Privatheit verschwimmen, mixen sich auch die Orte, an denen beides stattfindet. Nichts desto trotz bleibt der Innovationsfaktor hoch – oder vielleicht gerade deshalb. Denn auch in unserer digital bestimmt Gegenwart beweist sich das Kaffeehaus als fruchtbarer Boden für Neues. Bei Ritual Coffee Roasters in San Francisco, so heißt es, wurde unter anderem die Internet-Plattform "Flickr" erdacht. Dort hatte die Web-2.0-Szene den passenden Ort gefunden, unsere Welt um eine Reihe interaktiver Möglichkeiten des virtuellen Miteinander zu bereichern.

Apropos USA – über den großen Teich ist in den letzten Jahren durchaus ernst zu nehmende Konkurrenz nach Europa gekommen. Hoch professionelle Coffeeshop-Konzepte mit offensiven Vertriebswegen und Filialstrukturen bemühen sich erfolgreich um ein junges Publikum und machen vor allem die "Erlebnisdimension" ihrer Produkte zum Mittelpunkt eines marketingunterstützten Lifestyle. Kaffeehaus marktgerecht interpretiert, mit allen technischen Standards, die die Facebook-Generation erwartet.
 

Flexibler Frei-Raum

"Für mich ist es ganz normal, zwischen Terminen einfach ins Kaffeehaus zu gehen und meine Tagesarbeit zu tun", so Dani Terbu, Kommunikationsmanagerin mit Sinn fürs Crossmediale. "Und genau genommen will ich im Moment auch gar kein fixes Büro, in das ich mich zurückziehe. Ich kann mittlerweile auch in öffentlichen Räumen störende Nebengeräusche gut ausblenden und konzentriert arbeiten. Außerdem empfinde ich das Arbeiten in wechselnden Umgebungen nicht nur als praktisch, sondern auch als inspirierend." Ortsveränderungen halten flexibel, und das auf allen Ebenen.

Seit 14 Jahren sowohl beruflich als auch privat im Web unterwegs und immer bestrebt, neue Kommunikationswege aufzuspüren, hat sich die Web2.0-Fachfrau vor knapp einem Jahr selbstständig gemacht. Social Media & Kommunikation ist ihr Thema.
Dass parallel zur beruflichen Veränderung noch eine andere Idee entstanden ist, ergab sich konsequent aus der aktuellen Arbeitssituation. "Mangels eines Büros haben meine Kollegin Barbara Haider und ich einander immer zum Frühstück getroffen. Immer in einem anderen Lokal. Da war dann die Idee nicht weit, einen Frühstücksblog zu beginnen."
Und die Online-Community nimmt die morgendlichen Empfehlungen für die subjektiv besten Frühstücksgelegenheiten in Wien gerne an: Gut 70.000 Klicks verzeichnen diefrühstückerinnen.at mittlerweile regelmäßig. Gerade eben hat sich daraus auch eine Kooperation mit dem Wiener entwickelt – dort haben Terbu & Haider 5 x Frühstück für Männer für jeden Anlass zusammengestellt: vom Katerfrühstück bis zum Aufrissfrühstück – alles da.
 

Das großes Kaffeehaus-Experiment

Auf Spurensuche und entlang Zukunftsfragen zum Thema Kaffeehaus bewegt sich derzeit das Große Wiener Kaffeehaus-Experiment im Design-Space des Wiener MAK. Unter der Regie von Architekt Gregor Eichinger – selbst Café-affin durch seine Arbeiten wie das Café Stein, das Restaurant Wrenkh, das Kunsthallencafé oder das Café Halle in Wien –, unter der Projektleitung von Thomas Geißler, MAK-Kustode Design, und mit MAK Designer-in-Residence 2011 Julia Landsiedl stellt man die Frage, wie das Wiener Kaffeehaus des 21. Jahrhunderts aussehen sollte. Höhepunkt und Abschluss des Design-Experiments wird im Oktober eine modellhafte Umsetzung der besten Entwürfe für einen Testbetrieb im MAK sein. Was auf spannende Ergebnisse hoffen lässt und möglicherweise die Frage beantwortet, ob morgen noch gilt, was Alfred Polgar vor 80 Jahren als Qualitätsmerkmal benannte: "Seit 10 Jahren saß ein Paar jeden Tag stundenlang im Kaffeehaus. Das ist eine gute Ehe! Nein, ein gutes Kaffeehaus."

Photos: Alexander Ullrich I Kunstdirektion Wien, arge|zeit|media, Julia Landsiedl © kramar/MAK, 2011

Autor

Brigitte Schedl-Richter

Texterin, freie Journalistin, www.argezeit.at

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