Apple Store New York

Trends

Lebensräume: Markenwelten & Flagship-Stores

Marken Design Trends Design Inspiration

Glitzer, Glanz und Gloria: In unserer aktuellen Office.Info Serie suchen wir Räume mit besonderer Identität auf und fragen nach dem Wie ihrer Gestaltungs- und Wirkungsweisen. Diesmal begeben wir uns in die Image-Stores angesagter Brands: inszenierte Markenwelten mit Erlebnischarakter.

Es heißt nicht umsonst: Räume haben Charakter. Ganz gleich ob wir darin arbeiten, lernen, lehren, kommunizieren, uns unterhalten oder entspannen möchten – der dafür "erschaffene" Raum nimmt auf die Besonderheiten von Nutzern und Tätigkeiten in der Regel eindeutig Bezug. Ob er allerdings "funktioniert", ist eine andere Frage und hängt ganz davon ab, ob er uns auch emotional erreicht. Wirkung ist letztlich doch mehr als die Quadratwurzel aus Raumhöhe + Wandfarbe + Stellfläche.

Wer solche Sixpacks, solche Körper hat, will sie zeigen. Wer sie kleidet, will es auch. Die "EinkaufsberaterInnen" beim Kult-Modelabel aus NYC, Abercrombie & Fitch, allesamt young beautiful people, wie man´s am liebsten selbst gern wäre, sind Teil eines Shopkonzeptes, das vor allem eines will – Erlebnis für die Sinne sein. Und das in der umfassendsten Bedeutung des Wortes: Zur aufwendigen Innenarchitektur der A&B Flagshipstores auf mehreren Ebenen kommen ein perfekt inszeniertes Lichtkonzept, opulente Farben, eine dominante Musikkulisse und ein omnipräsenter Duft, der den Besucher noch lange nach seiner Einkaufstour begleitet. Dem Zielpublikum von A&F gefällt die schöne, teure Luxuswelt. Und wo immer der nächste Store eröffnet, wie etwa zuletzt 2009 in Mailand, warten hunderte Markenbegeisterte bereits Stunden vor der Eröffnung vor den Türen des neuen Shoppingtempels.

Der Trend ist ganz klar und einfach erklärt. Zum einen begünstigt die weltweite Globalisierung die Verfügbarkeit von Waren immer und überall, zum anderen haben Internet und Online Shops neue, für Konsumenten komfortable Vertriebswege eröffnet. Umso mehr musste also in den letzten Jahren die physische Präsentation von Marken eines oben drauf setzen, um urbane, anspruchsvolle und vielfach umworbene Kunden in ihren Shops zu halten.

Das wirkungsvolle Erfolgskonzept heißt dreidimensionale Markeninszenierung, bei dem das angegraute Schlagwort vom Erlebnismarketing zum hippen Markenerlebnis mutiert. Stores mit großer Inszenierung, mit Corporate Architecture, mit klugem Eventcharakter und purer Emotion – das sind die maßgeschneiderten Verlockungen für eine moderne, kaufwillige Klientel.
 

Eintauchen in den Mikrokosmos

Natürliches muss es nicht immer Mode sein, auch wenn es derzeit vor allem junge US-Labels wie Hollister oder forever21 so richtig vormachen. Wer schon mal die Flagship-Stores von Swarovski besucht hat, weiß, wie es auch in anderen Sparten funktionieren kann. Über zehn Jahre nach den Kristallwelten in Wattens wurde der erste Flagship-Store im Bezirk Ginza in Tokyo in Zusammenarbeit mit dem japanischen Designer Tokujin Yashioka geschaffen. Schon die Fassade mit den unzähligen Silber glänzenden Prismen will den Eingang in eine andere Welt eröffnen, die in weißer Pracht erstrahlt. In den Boden "eingestreute" Kristalle heißen den Besucher willkommen. Der Store trägt seinen Namen "Crystal Forest" nicht zufällig. Kristallene Zweige, Stufen, ein Stamm, ein an einen Wasserfall erinnernder Vorhang – mit den Produkten wird nicht gegeizt. Und all dies, ohne den Besucher zu erdrücken. Die Wände sind mit reflektierenden Steinen ausgekleidet, die dem Raum visuelle Tiefe verleihen. Die Coolness aus Weiß und Silber ist die perfekte Bühne für trendige Schmuckstücke und Accessoires.
 

Symbiotisch: Architektur & Marke

Keine Frage: Top-Marken setzen für ihre Stores zu Recht gerne auf Top-Architekten mit dem Ziel, einzigartige Umgebungen für ihre Produkte zu erschaffen. Beeindruckende Beispiele für die atemberaubende Verschmelzung von Architektur, Design, Produkt und Raumempfinden stellen etwa die Flagship-Stores von Bisazza, weltbekannter Hersteller für Glasmosaike im Innen- und Außenbereich, in Mailand, Berlin und New York dar. Designed von Fabio Novembre ist jeder Standort individuell gestaltet und präsentiert das Produkt als integrierten und zugleich raumprägenden Bestandteil des Stores.

Der Mailänder Stararchitekt entwarf übrigens auch die Stores von Stuart Weitzman, dem Schweizer Schuhdesigner der Reichen und Schönen mit über 70 Stores weltweit. In allen Shops wird das gleiche Designkonzept in leichten Variationen umgesetzt. Die Idee: das Geschäft als wertvolle Geschenkbox. Prägendes Element ist eine Art endlose Schleife, die sich an Decken und Wänden auf verschlungene Art und Weise mehrfach durch den gesamten Store zieht und die Präsentationsfläche für die Designerschuhe und -taschen für die Frau von Welt bildet. Für einen unverwechselbaren Auftritt.

Auch Automarken zelebrieren ihren individuellen Lifestyle gerne in inszenierten Räumen. Ob von der Oberklasse wie BMW, Mercedes, Lamborghini bis zu den bürgernäheren Marktteilnehmern wie Hyundai oder Opel – sie alle setzen auf eine reale Präsentationsoptik zum Angreifen und Staunen. Die Polarität zwischen dem mobilen Produkt und einer aufwendigen, ortsgebundenen Architektur macht die Lösungen oft spannend und überraschend zugleich. Erst im Juli dieses Jahres wurde nach sechs Monaten Umbau das L´Atelier Renault auf den Pariser Champs Élysées neu eröffnet. Architekt Franck Hammoutène hat daraus einen aufregenden, modularen Raum gemacht, der sich unterschiedlichsten Veranstaltungen, Ausstellungen und Nutzungsvarianten anpasst. Restaurant und Bar mit eingeschlossen – als echte und ernst zu nehmende Highlights der Pariser Gastronomie. Übrigens: in den letzten elf Jahren seit Eröffnung des Ateliers sind an der Renault-Adresse 25 Millionen Besucher ein- und ausgegangen!
 

Verwandte Seelen

Möglicherweise ist ihr Verhältnis ein ganz besonderes: Mode und Architektur standen als kreative Disziplinen immer schon relativ nahe beieinander, hatten sich immer schon viel zu erzählen. Das eine als schützende und repräsentative Hülle des anderen. Und beide mit dem absoluten Fokus auf Kreativität, Ästhetik und Design. Renzo Piano etwa entwarf für Hermès in Tokyo einen Turm aus 13.000 Glasbausteinen, Massimiliano Fuksas für Armani einen Tower mit Plexiglasfassade und – wohl bekannt - Rem Kohlhaas für Prada in New York eine wandlungsfähige Markenwelt. Auch hier wird gerne das "echte Leben" zelebriert, wenn auch das Leben unter dem Regenbogen, mit VIP-Bereichen, Cafés, Luxusrestaurants, Laufstegen, Eventebenen, Ausstellungsräumen, sogar Wellnesszonen oder Spas neben den eigentlichen Verkaufsflächen.

Als einer der ersten komplett durchkomponierten Lifestyle-Stores gilt übrigens Ralph Laurens Flagship Store in 867 Madison Avenue, NY. Die 1890 entworfene "Rhinelander Mansion" empfängt Besucher in einer anderen Welt, mit Holzvertäfelungen, Kamin, Gemälden, gediegenen Möbeln, handgefertigter Holztreppe, Cashmere-verkleideten Wänden und Gentlemen’s Club Atmosphäre.

Eine absolut coole, designkomponierte und dennoch Besuchermassen anziehende Variante eines Flagshipstores eröffnete im November 2010 Nike mit einem Store im Harajuku District von Tokyo. Die Architektur stammt von Masamichi Katayama und seiner Wonderwall Inc. Über drei Geschoße erstreckt sich die athletische Erlebniswelt, gestaltet bis ins letzte Detail wie eine "kuratierte Ausstellung", mit von den Decken hängenden "Schuhinstallationen" und Lustern aus 300 weißen Schuhmodeln. Reduktion als Übertreibung – und umgekehrt. Ein visuelle Optik, die selbst in den Reiz-intensiven Großstädten Japans manch anderem die Schau stiehlt.
 

Der gläserne Apfel

Manchmal schaffen es Flagship-Stores sogar, zu echten Landmarks im urbanen Raum zu werden. Wie der Apple Store in der New Yorker Fifth Avenue. An der Südost-Ecke des Central Parks direkt vor dem GM-Gebäude steht ein Glaskubus (derzeit im Umbau), in dessen Mitte das Apple-Logo zu schweben scheint. Mehr ist nicht zu sehen. Denn der eigentliche Store befindet sich im Untergeschoß – der auffällige, ebenso auf Simplifizierung wie Überhöhung ausgerichtete Kubus ist lediglich der Eingang. Die gläserne Treppe windet sich um einen zylindrischen Aufzug hinab in den Beratungs- und Verkaufsraum.

Auch dort gibt es keinerlei Schnörkel oder Ablenkungen, Reduktion auf das Wesentliche ist das Motto. Klar, griffig, pur – das zeichnet den Store aus. Holztische, Steinboden und Licht sind zurückhaltend und überlassen den Produkten das Feld der Aufmerksamkeit.

Dass Flagshipstores somit durchaus auch städtebauliche Dimensionen haben, zeigt das jüngste Weltstadthaus von Peek & Cloppenburg in Wien. Die Kritik scheint noch uneins, wie dem englischen Stararchitekten David Chipperfield das Vorhaben gelungen ist, inmitten der Wiener City – die Teil des UNESCO Weltkulturerbes ist – ein verbindendes Statement zwischen Tradition und Moderne zu setzen. Entstanden ist jedenfalls ein tektonisch kraftvolles, schnörkelloses Gebäude, das einen Kontrapunkt setzt. Und ein Statement einer beliebten Marke.
 

Pop-ups nicht nur am Computer

PS: Sollten Sie doch weniger zu den Event-Shoppern zählen, sondern eher zur Spezies der Spontan-Jäger, die sich in kleineren Einheiten besser aufgehoben fühlen, haben wir an dieser Stelle noch eine interessante Nachricht: Schauen Sie doch aus nach sogenannten Pop-up-Stores. Immer häufiger tauchen irgendwo in der Stadt temporäre (Designer-)Shops auf, bleiben ein paar Tage, Wochen oder Monate, um danach in eine andere Stadt weiterzuziehen. Die Standorte können so ziemlich überall sein, ein Geschäftslokal mit Top-Lage in der Innenstadt, eine Galerie, ein Loft, ein ehemaliger Waschsalon oder eine Privatwohnung. Als Pionier dieses Konzepts in den USA hat sich Vacant einen Namen gemacht. Mittlerweile steigt die Zahl der engagierten, kleinen, feinen Showrooms mit Anspruch aber auch andernorts. In Wien lohnt sich z.B. What about the future auf www.whatatf.com unter Beobachtung zu halten. Auch hier: ganz im Sinne erlebnisorientierter Begegnungskommunikation.

×

×
×