Marino Formenti credit Los Angeles Times

Personalities

Marino Formenti, Dirigent und Pianist, Wien

Pause Musik Kreativität

Arbeits- und Lebenswelten am Puls der Zeit. In Gesprächen mit Zeitgenossen überprüfen wir Behauptungen, Klischees oder Wunschbilder, die rund um Orte der Arbeit kursieren. Diesmal telefonierten wir mit Marino Formenti. Der in Wien lebende italienische Pianist und Dirigent (geboren 1965) sprach mit Désirée Schellerer und Angelika Molk über die Bedeutung der Pause in der Musik, rastloses Schaffen und Zuckerbrot und Peitsche.

Marino Formenti zählt mit seiner außergewöhnlichen Kombination von Intellekt und Emotionalität zu den interessantesten Musikerpersönlichkeiten unserer Zeit. Von der Los Angeles Times als „Glenn Gould for the 21st Century“ gepriesen, hat sich Formenti im Bereich der zeitgenössischen Musik einen Namen gemacht, ebenso wie mit seiner Suche nach einer Verbindung von Alt und Neu. Formentis Vorliebe für neue, unerwartete Zusammenhänge schlägt sich auch in unterschiedlichen Projekten nieder, die häufig mit der Konzertform experimentieren (Missa, Piano Trips, Nothing is Real, The Party, Piano Integral, Kurtág’s Ghosts, Sieben Letzte Worte). Demnächst erscheint der Dokumentarfilm „Schubert und ICH“, in dem Formenti mit fünf musikalischen Laien in privatem Rahmen Lieder von Franz Schubert einstudiert.


Herr Formenti, die Sommerausgabe unseres Magazins hat die „Pause“ zum Thema. In der Musik bekommt die Pause mitunter große Bedeutung, man denke nur an John Cage. Welchen Stellenwert hat die Pause in Ihrem Schaffen?
Die Pause ist vielleicht das Allerwichtigste in der Musik. Die Stille wohnt der Musik inne, ähnlich wie sie dem Leben innewohnt: Man braucht Momente, in denen man zu sich kommt. Das ist allerdings im heutigen Berufsleben manchmal schwierig, weil es hektischer geworden ist.


Ist das Leben auch für Künstler hektischer geworden?
Auch ein klassischer Künstler ist heute viel mehr auf Reisen als noch vor zwei, drei Generationen. Man kann das eigentlich nur mit Routine meistern – doch Routine ist völlig uninteressant, als würde man ständig das Gleiche spielen. Schöner ist es, immer neue Wege zu suchen. Das kann sehr ermüdend sein. Ich will mich aber nicht beklagen, es ist ein wunderschönes Leben.


Künstlern und Kreativen gesteht man auch längere Schaffenspausen zu – im Unterschied zu den Angestellten: Immer noch gilt die Vorstellung, dass diese Zeit der Muße für Inspirationen und neue Schaffenskraft notwendig ist. Können Sie dem zustimmen? Wie halten Sie es mit Pausen – kurz, lang oder gar keine?
Ich weiß nicht, ob man Kreativen wirklich mehr Pausen zugesteht. Es gibt solche und solche Künstler. Manche müssen sich ständig mit neuen Herausforderungen und Überraschungen beschäftigen, pausenlos schaffen und ihr ganzes Leben in Musik verwandeln – zu denen gehöre ich, mit dem dreifachen Bypass, den ich gerade bekommen habe. Und das in meinem Alter. Womöglich hängt das schon damit zusammen, dass ich ein Pausenloser bin. Also gerade jetzt bin ich auf der sehnsüchtigen Suche nach einer Pause.


Wie darf man sich einen typischen Arbeitstag in Ihrem Leben vorstellen? Gibt es den überhaupt?
Den gibt es nicht. Auf keinen Fall, weil ich eben zwischen Spielen, Konzipieren, Dirigieren wechsle. Jetzt habe ich den Film „Schubert und ICH“ gemacht oder eine Kunstperformance bei der Art Basel. Meine Projekte sind so unterschiedlich. Es kann sein, dass ich in einer Bibliothek sitze und Recherche mache, oder stundenlang mit einem Kameramann Einstellungen ausprobiere.


Der Platz am Klavier – würden Sie den als Ihren Hauptarbeitsplatz bezeichnen? Welche Orte gehören zu Ihrem Arbeitsleben dazu, sind wichtig für Sie bzw. für Ihre Inspiration?
Orte meines Arbeitslebens, das sind wohl meine Wohnung, mein Klavier, der Computertisch, oder auch die Küche, wenn ich dort Marillen verschlinge und gleichzeitig Programme mache.
Ich arbeite seit zwanzig Jahren in derselben Wohnung in Wien, einer sehr schönen, hellen Wohnung, aber ich bin in achtzehn Jahren gerade zwei Stunden auf dem Sofa gesessen. Einerseits, weil ich viel unterwegs bin, andererseits aber auch, weil ich ein Getriebener bin Ich war fast stolz darauf, früher, aber ich glaube schon, dass es wichtig ist, einen Platz zu haben, wo man einfach „ist“ und genießt – aber ich komme erst jetzt langsam dazu.


Welche Orte inspirieren Sie?
Das können genauso die Berge im Lungau wie die U-Bahn in New York sein. Die Musik selbst kennt keine Grenzen: Sie besteht darin, sowohl die Alm als auch den Times Square, das ganze Leben sozusagen, zu umarmen, und sich von allen Aspekten des Lebens inspirieren zu lassen.


Wo arbeiten Sie am liebsten?
Naja, das ist von den Projekten abhängig. Das Klavier war immer der schönste und auch der schrecklichste Platz meines Lebens, bis ich mich langsam damit abgefunden habe. Es gibt vielleicht Musiker, die unter der Beziehung zum Instrument weniger als ich gelitten haben. Bei mir gab es immer viel Freud und Leid.


Liegt das am qualvollen Üben?
Die Musik ist ein utopisches Ding, es gibt nie eine endgültige Lösung. Man muss es sich wie die Arbeit eines Architekten oder Designers vorstellen, der bis zum Abend ein schönes Sofa gestaltet hat, und am nächsten Morgen ist fast alles verschwunden. Oder vielleicht will er in der Zwischenzeit sowieso alles ganz anders machen. Musik ist ein wenig wie Zuckerbrot und Peitsche. Je näher man an das Zuckerbrot kommt, desto weiter entfernt es sich.


Sie machen ambitionierte Projekte, wie etwa für das Festival „Wellenklänge“ in Lunz am See oder neuerdings den Film „Schubert und ICH“. Da ist Teamarbeit gefragt, ein ganz anderes „Setting“ als jenes des „einsamen Künstlers“. Bedeutet dieses Switchen eine Herausforderung für Sie?
Es ist ein Luxus, die Möglichkeit zu haben, sowohl ganz allein als auch mit anderen Menschen zu arbeiten. Die meisten sind ja entweder allein, oder arbeiten zumindest in einer stabilen Struktur. Ich genieße die kollektive Arbeit, sonst wäre ich noch einsamer. Klavierspielen ist ja eine abgeschiedene Arbeit: Man muss das Alleinsein auch genießen, was ich schon tue. Und dann freue ich mich, wenn ich wieder mit anderen gemeinsam etwas realisieren darf.


Ist es schwierig für Sie, Verantwortung abzugeben? Sind Sie es nicht gewöhnt, Entscheidungen selbst zu treffen?
Ich denke, eine gemeinsame Arbeit funktioniert dann, wenn die Kompetenzen klar definiert sind. Das gilt für die Musik, und es würde mich wundern, wenn es nicht auch für die restlichen Tätigkeiten gelten würde. Ich kann sehr stur sein, wenn es um meine Projekte geht und mache ungern Kompromisse. Aber Feedback ist wichtig: es gibt Bereiche, wo das üblicher ist als in der Musik, wie im Sport oder am Theater und Film zum Beispiel, wo Dramaturgen dem Regisseur helfen. Ein Tennisspieler, der bereits Weltmeister ist, geht immer noch brav zu seinem Trainer. Dazu braucht man auch Demut und Größe. Das wäre so, als würde ein Pianist weiterhin zu seinem Lehrer gehen oder zu einem anderen Pianisten, um sich etwas sagen zu lassen. Das gibt es in der Musik nicht oder selten.


Sie suchen ungewöhnliche Aufführungsorte wie etwa eine Kirche, in der für die Zuhörerinnen und Zuhörer Matratzen bereit liegen. Was reizt Sie daran?
Die musikalische Erfahrung kann sehr unterschiedlich sein. Deshalb ist es auch sinnlos, Musik immer im gleichen Set-Up wahrzunehmen, immer brav sitzend, oder immer stehend wie bei einem Rockkonzert zum Beispiel. Es ist wirklich eine völlig andere Erfahrung, ob man Musik am Sofa sitzend bei einem Glas Wein hört, oder zum Beispiel auf Matratzen liegend. Ich möchte bestimmen, in welcher Situation der Zuhörer sich befindet, damit er die Musik auf eine bestimmte Art erleben kann. Auf der Art Basel habe ich mit dem amerikanischen Künstler Stephen Prina eine Performance gemacht – dafür musste ich mich auch sehr viel mit Möbelstücken beschäftigen, das gehört dazu. Wir haben ein Set-Up ausgewählt, wo ich in dem Fall zuerst Tee serviert, mit dem Besucher gesprochen, und danach gespielt habe.


Gibt es bestimmte Rituale, die für Sie wichtig sind?
Rituale und Routine fangen nicht von ungefähr mit demselben Buchstaben an. Ob es gut oder schlecht ist: Ich habe keine Rituale. Ich versuche, jeden Tag anders zu gestalten und zu leben.


Ihr wichtigstes Tool für die Arbeit?
Das gibt’s auch nicht. Es kann die Klaviertaste sein bzw. der Kaffeefilter mit dem ich die Klaviersaiten reibe, oder YouTube.


Nicht das Klavier?
Wenn es so wäre, hätte ich nicht damit begonnen, das Klavier zu zertrümmern, es zu zerkratzen, Häuser damit zu bauen. Die Musik braucht Erneuerung. Auch wenn ich Klavier spiele, hat mich das nie nur aus der Perspektive des Klaviers interessiert. Der „Urpianist“ Glenn Gould hat mal gesagt: „Ich spiele dieses Stück nicht, das ist ein Stück für Pianisten!“. Das Klavier ist an sich wie ein schwarz-weißes Bild, man spielt den Ton an, was danach passiert, ist eigentlich nicht mehr beeinflussbar, man kann den Ton nicht mehr modulieren. Aber: Weil es so schwarz-weiß ist, kann das Klavier als einziges Instrument einen Chor, ein Orchester, eine Oboe suggerieren, es kann rockig, jazzig, klassisch klingen! Aber nur wenn man vermag, darüber hinauszuschauen, sonst ist es fad.


Noch eine letzte Frage: Sommer – für viele Zeit für Müßiggang, Erholung und Nichtstun. Sommerpause. Auch für Sie?
Normalerweise mache ich keine große Pause, dieses Jahr schon. Ich bin für einen Monat in Südfrankreich.


Und was werden Sie da tun?
Gar nichts. Sollte es mir gelingen….


Vielen Dank für das Gespräch!

Autor

Désirée Schellerer

Public Relations Manager

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