Architektur & Design

Neu in der Neutorgasse: Bene Wien, mittendrin.

Stadtlandschaft

Ein stadthistorischer Walk rund um den neuen Bene Standort in Wien.Mit dem Umzug in die Neutorgasse 4-8 hat Bene seinen größten Standort inmitten eines der seit Jahrhunderten städtebaulich interessantesten und traditionsreichsten Stadtviertel von Wien aufgeschlagen. Nach ruhigeren Jahren in den 1980ern und 1990ern setzten jüngste Unternehmensansiedelungen, Ateliers aus der Architektur- und Designbranche, der OPEC-Neubau sowie eine aufblühende junge Lokalszene im ehemals berühmten Textilviertel und seiner unmittelbaren Nachbarschaft wieder vitale Urbanität in Gang. Begleiten Sie uns auf diesem Rundgang durch spannende Wiener Stadtgeschichte, zwischen historischer Flussschifffahrt, bürgerlichem Handelszentrum und neuen architektonischen Signalen. Geführt von der Architekturhistorikerin und Stadtforscherin Christa Veigl.
 

Lebendige Geschichte 

Römische Lagervorstadt, Salzhandelszentrum, Börse- und Geschäftsviertel der Ringstraßenära, Beschlagnahmungen nach 1938, Textil en gros und en detail bis in die 1970er Jahre - das sind wichtige historische Etappenbefunde im nicht ganz dreieckigen Dreieck Franz Josefs Kai – Schottenring – Börse – Concordiaplatz – Salzgries.

Das im Straßenbild gut abzulesende Dreieck entstand eigentlich durch eine Hochwasserkatastrophe im 3. Jahrhundert v.Chr.: Eine Ecke des römischen Legionslagers Vindobona rutschte in Richtung Donau ab. Auf diesem Rechteck mit fehlender Nord-Ost-Ecke basiert Wiens Stadtumriss vom Mittelalter bis zur großen Stadterweiterung Mitte des 19. Jahrhunderts.


Der Grund der heutigen Neutorgasse 4-8 / Ecke Werdertorgasse befand sich Jahrhunderte lang vor den Toren der Stadt, bis er schließlich Teil der Stadtbefestigung wurde. Das Werder Tor wich im 16. Jahrhundert, als die Stadtmauern an dieser Stelle hinausgeschoben wurden, dem Neutor, was gleich zwei der heutigen Straßennamen erklärt.
 

Urbanität entsteht am Wasser 

Im Jahre 1547 wäre Bene noch hart am und zu zwei Dritteln im Wassergraben gesessen. Dieser Wassergraben gehörte zu dem der Stadtbefestigung vorgelagerten Grabensystem, das unterschiedlichst genutzt wurde.

Während nördlich des neuen Bene Standorts Handel, Gewerbe und Urbanität noch auf sich warten ließen, trieb man in der unmittelbaren Umgebung stadteinwärts und in Richtung Donau Holz-, Fisch- und Salzhandel. Auf Höhe der Kirche Maria am Gestade – damals am Uferabhang zum Salzgriesarm situiert – legten die Holzflößer an. Die Salzschiffe fanden sich näher an der Ruprechtskirche. Der Salzgries übrigens verlief bis Anfangs des 13. Jahrhunderts als eine Art Uferstraße vor den Stadtmauern bzw. zwischen Stadtmauer und Donauarm.

Am Gries, mittelhochdeutsch griez, was u. a. grob gemahlenes Getreide, Sand, aber auch sandiges Ufer bedeutet, standen Häuser der Salzhändler (Salzer), die ein kaiserliches Patent zum Handel mit dem weißen Gold berechtigte. Steigt man die heutige Ruprechtsstiege hinauf, ist Bischof Ruprecht mit Salzfass nicht zu übersehen. Die ihm geweihte Kirche stand unter dem Schutz der Salzer. Zwischen Verteilern und Produzenten wachte die Salzkammer, später das Salzamt, an das heute das gleichnamige Restaurant erinnert.

Abgesehen vom Salzhandel hat sich auch der Fischverkauf in der Kartographie niedergeschlagen. So z.B. in der Fischerstiege oder im Fischhof, wo sich ein Fischmarkt befand, der im ausgehenden 13. Jahrhundert auf den Hohen Markt verlegt wurde.
 

Wehrhafte Stadt 

Weitere einstige Nachbarschaften der heutigen Adresse Neutorgasse 4-8 waren die Salzgrieskaserne und das Untere Arsenal. Letzteres wurde erst im 18. Jahrhundert aufgelassen und war als Gebäude bis zur Demolierung in den 1870er Jahren weiterhin in militärischer Verwendung. Der Abriss der Kaserne folgte etwa zehn Jahre später. Beide Gebäude machten der großteils bis heute erhaltenen gründerzeitlichen Verbauung Platz.
 

Textilviertel als politisches Vermächtnis 

Der Fall der Stadtbefestigung 1858 und der gleichzeitige Start des Ringstraßenbaus als riesiges Stadterweiterungsprojekt brachten schließlich enorme städtebauliche Veränderungen.
Die Textilindustrie siedelte sich um den Kernbereich Gonzagagasse und Rudolfsplatz an und spielte von Beginn an hier eine dominante Rolle. Selbst der Nationalsozialismus konnte die Nutzungskontinuität dieses Standorts nicht zerstören. Und das, obwohl gerade das Textilviertel mit einer großen Dichte an jüdischen Firmenniederlassungen eine der traurigsten Bilanzen der Wiener Stadtgeschichte zu ziehen hat.

Bis in die 1970er Jahre handelte man hier mit Textilien aller Art, Wäsche, Sportbekleidung, Kostüme und Anzüge, Bett- und Tischwäsche, en gros und en detail.
1976 kam der ganz kurze Sommer der Anarchie (Hans Magnus Enzensberger) über Wien: Besetzung des Auslandsschlachthofes in St. Marx, und letztlich doch dessen Abriss, um einem Großhandelszentrum für Textilien Platz zu machen. Damit büßte das Textilviertel im Ersten Bezirk viel an Vitalität ein. Leer stehende Geschäftslokale zeugten davon.
 

Neuanfang im neuen Jahrtausend 

Doch die Stadt heilt sich nach solch erzwungenen Atempausen oft selbst, und das etwas müde wirkende Viertel ist inzwischen wieder sehr lebendig. Viele Restaurants und Bars siedelten sich an. Das internationale erfolgreiche Designerteam EOOS agiert seit dem Jahr 2005 von ihrem Studio in der Zelinkagasse aus. Leuchtenhersteller Artemide legte am Salzgries an.
An der Nord-West-Ecke des Dreiecks hat Theophil Hansens Börse (1877) eine neue Nachbarschaft bekommen. Im ehemaligen ÖGB-Block Schottenring 14 - Wipplingerstraße – Helfersdorferstraße – Hohenstaufengasse sind OPEC, das Haus der Europäischen Union, Luxuswohnungen und eine große Rechtsanwaltsfirma eingezogen. Die OPEC wollte sich nicht mit dem für den Schottenring einmaligen Bindeglied zwischen Historismus und Moderne (Ute Georgeacopol) an der Helfersdorferstraße arrangieren: Das 1915 bis 1917 errichtete Wohn- und Geschäftshaus von Viktor Karplus, der später auch für das Rote Wien baute, wurde 2007 abgerissen, während Schottenring 14 aus den 1870er Jahren als Geburtshaus von Stephan Zweig erhalten bleiben durfte und ein neues Büroinnenleben erhielt.

Zwischen dem massiven OPEC-Neubau (Atelier Hayde) und Schottenring 14 ein weiterer Neubau, aber "gläsern", von Tillner & Willinger und Steffel. Der ehemalige Kaipalast am Franz-Josefs-Kai 47 wurde schon 2001 abgerissen, Henke & Schreieck Architekten schufen im Nachfolgebau neue Büroräume mit modernen Arbeitsbedingungen.

Neuerungen ohne Abrisse im Weltkulturerbe stehen am Schottenring 20 bis 26 bevor. Das riesige, acht Parzellen umfassende Gebäude entstand um 1870 als Zinshaus nach dem Muster des (kriegsbeschädigten und später abgerissenen) Heinrichshofes vis-à-vis der Oper. Schottenring 20 bis 26, wie Heinrichshof, Börse, Parlament und so viele andere Ringstraßenbauten von Theophil Hansen geplant, diente bis vor kurzem als Amtshaus der Stadt Wien mit Gesundheitsamt. Nach Renovierung und Umbau soll dort erstmals Kempinski in Wien einziehen, ganz oben sind Luxuswohnungen geplant.

Bene findet sich in der Neutorgasse 4-8 so ziemlich in die Mitte all dieser Neuheiten und Zukunftsprojekte.


Photoalbum zum Textilviertel.



 

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