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New Working Environments: Shared Space. Nichts ist mehr sicher. Oder doch?

New Working Environments Shared Space Open Office Bürotrends

Shared Space bezeichnet – wie der Name schon sagt – einen gemeinsam genutzten (Lebens-)Raum. Es handelt sich dabei um einen Ort der Begegnung, der Kommunikation und des sozialen Umgangs. Zunächst finden wir den Begriff in der Verkehrsplanung. Es handelt sich dabei um ein beinahe schon revolutionäres Konzept, das zwar schon in den 1980ern und 90ern entwickelt wurde, aber außerhalb der Niederlande häufig erst in den letzten fünf bis zehn Jahren größere Beachtung und Umsetzung erfahren hat.
 

Verkehr(t)?

Meist ist es ja so: Es gibt eine Fahrbahn mit Markierungen, am Rand Gehsteige und zur Regelung an Kreuzungen und Fußgängerübergängen Verkehrszeichen und Ampeln – das sind wir gewohnt. Wie wir auch gewohnt sind, dass in vielen Ortschaften Durchgangsstraßen wenig attraktiv sind, häufig mit überhöhter Geschwindigkeit befahren werden und generell das Auto schon rein flächenmäßig Vorrang vor Fußgängern und Radfahrern hat.

Die Entwicklung dorthin wurde etwa um die Mitte des 20. Jahrhunderts angestoßen, als der motorisierte Individualverkehr bereits überhand zu nehmen begann, und man versuchte, die Verkehrssituation in den Griff zu bekommen. Bis in die 1970er galt die autogerechte Stadt als erstrebenswert – der Verkehr sollte möglichst ungehindert fließen können. Fußgänger wurden auf Gehsteige verbannt.

Heute wird dieses Konzept häufig sehr kritisch betrachtet. Es hat sich gezeigt: Je "bequemer" wir es dem motorisierten Verkehr machen – d.h. in der Regel je ungehinderter und schneller er fließen kann –, desto mehr davon erzeugen wir und desto länger werden die zurückgelegten Strecken. Darunter leiden Umwelt, Ortszentren und Lebensqualität.
 

Eigenverantwortung statt Law & Order

Shared Space ist ein Konzept, das diesen Folgen entgegenwirken soll. Außerdem soll es alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigen und dazu beitragen, die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Shared Space bedeutet den weitestgehenden Verzicht auf Verkehrszeichen und Ampeln, auf Fahrbahnmarkierungen und Gehsteige.

Wer das erste Mal auf einen derartigen Bereich trifft, ist zunächst einmal überrascht und erstaunt: Fußgänger, Auto- und Radfahrer teilen sich eine Verkehrsfläche, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Bauliche Trennung zwischen Fahrbahn und Gehsteig gibt es keine. Ebenso wenig Stoppschilder oder Rotphasen. Die einzigen zwei Regeln, an die sich alle halten (müssen), sind: "der Rechtskommende hat Vorrang" und "Rücksicht nehmen". Chaos pur – würde man erwarten, doch das Konzept scheint aufzugehen. Autofahrer reduzieren ihre Geschwindigkeit in unübersichtlichen, potenziell gefährlichen Situationen, Unfälle werden vermieden. Zugleich steigt die Lebensqualität im öffentlichen Raum.
 

Je unsicherer, desto sicherer

Es scheint paradox: Erhöht man die Unsicherheit, erhält man ein höheres Maß an Sicherheit. Hans Monderman, Erfinder des Shared Space Konzeptes, begründet das damit, dass sich Verkehrsteilnehmer heute häufig komplett auf Schilder und Signale verlassen – ihre eigene Verantwortung sozusagen an diese abgeben. Eine über diese Regeln hinausgehende Rücksichtnahme scheint nicht nötig. Doch diese Regeln vermitteln eine falsche Sicherheit. Es hilft nichts, nach einem Unfall zu sagen: "Aber ich war im Recht." Ist eine (Verkehrs-)Situation aber unsicher und somit potenziell gefährlich, so muss man vorsichtiger sein. Die Eigenverantwortung greift wieder – man ist gezwungen aufeinander Rücksicht zu nehmen.
 

Ja, aber…

...das geht doch sicher nur in Ausnahmefällen gut – in kleinen Ortschaften bei wohlwollenden Menschen, oder? Nun, inzwischen sind die "Ausnahmefälle" auf über 100 Orte allein in den Niederlanden angewachsen. Weltweit werden weitere Projekte umgesetzt.
Ob das Konzept auch in größeren Städten funktioniert, wird gerade diskutiert und erprobt. Graz hat beispielsweise einen Platz entsprechend umgestaltet. London hat auf der Kensington High Street immerhin einige Aspekte des Konzeptes übernommen, wodurch sich dort die Zahl der Unfälle etwa halbiert hat. Die Londoner Exhibition Road wurde kürzlich auf 820 Metern umgestaltet und als konsequent umgesetzter Shared Space wiedereröffnet.
 

Konzept mit Übertragungsfähigkeit

Was Shares Space aber so richtig spannend macht, sind die Prozesse dahinter. Denn Shared Space ist natürlich mehr als nur ein Verkehrskonzept. Es hat nicht nur massiven Einfluss auf den öffentlichen Raum, sondern erfordert vor allem gewohnte Sichtweisen aufzugeben und einen neuen Blick auf Umgebungen zu gewinnen. Dies kann nur gelingen, wenn man möglichst vorurteilsfrei an das Konzept herangeht und bereit ist, Gewohnheiten und Verhaltensweisen zu ändern – auch wenn das bekanntlich gar nicht so einfach ist.

So abstrahiert klingt Shared Space wesentlich vertrauter – und hält beispielsweise für Officegestalter längst wichtige Inputs bereit. Nicht umsonst ist der Terminus in der Büromöbelbranche weitgehend etabliert – vor allem dort, wo das moderne Büro Ausdruck der Unternehmenskultur ist und Mitarbeitern unterschiedliche Raumangebote macht.
 

Räume für Informationsaustausch und Kooperation

Die Analogie von urbanen Räumen und Bürolandschaften als vitale Lebensräume, als Orte der Begegnung, der Kommunikation und des sozialen Umgangs steht dabei im Mittelpunkt. Denn lebendige Interaktion ist in der wissensbasierten Arbeit von heute ein zentrales Thema. Rasche und gelungene Kommunikation ist mitentscheidend für Qualität und Erfolg. Das Open Office fördert mit seinen vielfältigen Zonen und Bereichen Begegnungsqualität, Vernetzung und Austausch, sein Facettenreichtum inspiriert die Mitarbeiter und regt Kreativität an. In dieser offenen Struktur nutzen Wissensarbeiter abseits vom eigenen Schreibtisch die gesamte Office-Infrastruktur gemeinsam – shared! – und machen den Raum zum Dialogfeld. Die Vernetzung nach innen und außen ist zu einem essenziellen Bestandteil unserer Arbeitsprofile geworden.

Je nachdem, welche Aufgaben zu erfüllen sind, können Wissensarbeiter den jeweils bestgeeigneten Bereich als Arbeitsort wählen. Das können Raumangebote für konzentriertes Arbeiten, Rückzug und Privatheit sein, die sogenannten ME-Places, oder Bereiche für Kooperation und Kommunikation, die We-Places. Zu We-Places zählen Besprechungs- und Konferenzräume, Zonen für spontane Kollaboration oder Meetings im Sitzen oder Stehen, bis hin zu Lounge und Cafeteria. Vielfältig, lebendig, kommunikativ – und: gemeinsam genutzt.
 

Raum und Zeit

Knowledge Worker sind heute mobil wie nie zuvor. Sie sind häufig an unterschiedlichen Orten im Office oder auch außerhalb im Einsatz – bei Kunden, Partnern, Außenstellen, im "Home Office", an sogenannten "Third Places" wie Cafés, Flughafen-Lounge oder im öffentlichen Raum. Somit benötigen sie im Büro keinen fixen Schreibtisch, sondern Arbeitsplätze, die sie temporär nutzen können, sobald sie "im Haus" sind, und zwar möglichst unkompliziert. Ist ihre Arbeit erledigt, brechen sie wieder auf und überlassen diesen Workplace den nächsten Kollegen. Aber auch "stationäre" Back Office Worker im Open (shared) Space profitieren – etwa bei hochkonzentrierten Tätigkeiten – von einem zusätzlichen, temporär nutzbaren Arbeitsplatzangebot: gleichsam von schützenden, ruhigen Arbeitsbuchten im offenen Meer des Büros.

Zahlreiche Knowledge-Worker haben das Konzept des gemeinsam genutzten Raumes schon längst internalisiert. Selbstverständlich unterstützt von gewissen Office rules, Codes of Conduct und einem offenen, respektvollen Umgang miteinander sowie der Bereitschaft, sich auf Ungewohntes einzulassen. Denn eines ist auch im Büroalltag sicher: Mit alten Strukturen und eingerosteten Verhaltensweisen kommt man nicht mehr weit...

 

Autor

Brigitte Schedl-Richter

Texterin, freie Journalistin, www.argezeit.at

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