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Phone Booth: Hallo, wer spricht?

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Ein nasskalter Tag, eine beinahe menschenleere Straße, fahler Laternenschein spiegelt sich auf den Pflastersteinen, eine Telefonzelle, darin eine dunkle Gestalt: "Mister Morgan? Ich habe das, wonach Sie suchen. Kommen Sie heute um zehn zum Agerton Park. Und - Morgan: Kommen Sie allein." Der Mann im Trenchcoat hängt auf, öffnet die Tür der Telefonzelle, blickt sich kurz um und schon ist er im Abendnebel verschwunden…

Szenen wie diese kennen wir alle. Auch wenn wir sie keinem bestimmten Film zuordnen können, sind sie doch Teil unseres cinemathografischen "Gedächtnisses". Ob Geheimagent, Erpresser oder Informant – irgendwann waren sie alle auf der Suche nach einer Telefonzelle.
 

Was die Zelle alles kann

Aber natürlich hatte und hat die Telefonzelle nicht nur im Film ihren Auftritt, sondern ist recht real – und das seit gut 130 Jahren. Trotz beinhartem Handy-Verdrängungswettbewerb bevölkert sie noch so manche öffentliche Winkel und Plätze. Länderweise prunkt sie mit charakteristischem Design. Die Klassiker schlechthin sind natürlich Englands knallrote Protagonisten. Doch auch die Schweden lieben ihre pittoresk-dekorativen "Rikstelefone", in Peking spricht man unter orangefarbenen Sprechmuscheln, Paris gibt sich gerne high-tech-mäßig mit Rundumverglasung.

Aber wie immer, wenn Gegenstände zur selbstverständlichen Alltagsausstattung geworden sind, kommt irgendwann auch die Phase der Neuinterpretation – künstlerisch, funktional oder einfach nur aus Freude an der Irritation. Was also, wenn man einfach die Funktion ändert? Dann steht plötzlich mitten in der Stadt eine Telefonzelle, bis unters Dach gefüllt mit Wasser, aus dem exotische, langsam dahinschwimmende Fische einem entgegen blicken: die Telefonzelle als Aquarium. Installiert zum Lichtfestival 2007 in Lyon von den Künstlern Benoit Deseille und Bufalino Benedetto. Na wenn das kein radikales Umdenken ist.

Oder auch im Innenhof des Wiener WUK erfuhr und erfährt eine ehemalige Telefonzelle künstlerische Umgestaltung – und zwar zur Mini-Kunstzelle. Bei diesem Projekt von Christine Baumann nutzen Künstler die Zelle in wechselnden Ausstellungen zur Entwicklung raumspezifischer Arbeiten – klein, aber oho... (WUK Kunstzelle)

Und dann gibt es natürlich noch die Option der wirtschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Telekom Austria etwa ist aufgrund der stagnierenden Nutzung eben dabei, Telefonzellen zu Stromtankstellen umzubauen. Immerhin 30 sollen es heuer österreichweit bereits werden.
 

Raus aus der Ecke

Hat also die Telefonzelle mit ihrer ursprünglichen Funktion überhaupt noch Zukunft? Wer braucht schon "festgenagelten" Raum, wenn man längst über örtlich unbegrenzt flexiblen Handy-Redefreiraum verfügt?
Aber gerade dieser Umstand kommt der Telefonzelle jetzt zugute. Zwar nicht unbedingt mit Telefonverkabelung und nicht unbedingt auf der Straße - eine andere ihrer Tugenden wird eben neu entdeckt: die Geräuschabschirmung! Wer hat nicht schon – flüchtend vor Umgebungsgeräuschen und Betriebsamkeit – seinen Arbeitsplatz verlassen, um in einer "stillen" Ecke, in der Küche oder im Archiv etwas Abgeschirmtheit für ein besonderes Telefonat zu finden? Abgesehen davon sind vor allem auch die "Stehend-Telefonierer" gerne auf der Suche nach einem ruhigeren Ankerpunkt.

Warten Sie also ab, es dauert nicht mehr lange und die Phone Booth für den Indoor-Gebrauch kommt! Ideen und Designstudien dazu gibt es zahlreiche. Manchmal sehen sie aus wie Trockenhauben oder Lampenschirme, die von der Decke hängen, manchmal wie Röhren, die von oben bis zum Schulterbereich abschirmen. Oder sie nehmen die klassische Boxenform auf, als körpergroße Nische oder Quader, der in Kopfhöhe an der Wand montiert ist.

Für die Designer PearsonLloyd steht die Anwendung im Rahmen der Bene-Serie PARCS schon seit geraumer Zeit auf dem Programm. Konsequent in die PARCS-eigene Formensprache integriert, wird in Kürze ein solches Modul zur Verfügung stehen. Wandmontiert oder freistehend, beide Ansätze passen nahtlos in das PARCS-Konzept, individuellen und kommunikationsorientierten Arbeitsweisen ein flexibles und förderndes Umfeld zu bieten.
 

Sidestep: Von Lebensrettern und Todesfallen – die Telefonzelle im Film

Ihren ersten heroischen Auftritt hat die Telefonzelle 1963 in Alfred Hitchcocks "Die Vögel". Als selbige auf das Küstenstädtchen Bodega Bay und die Protagonistin Melanie Daniels herabstürzen, um ihr die Augen auszuhacken, gibt’s in einer der berühmtesten Szenen des Films nur einen Zufluchtsort für sie: eine Telefonzelle. Während rundum Chaos ausbricht...

Ebenfalls lebensrettend "betätigt" sich die Telefonzelle in einem ganz anderen filmischen Umfeld. Was sagt Ihnen "rote oder blaue Pille"? Richtig, es geht um "Die Matrix": Die Welt wie wir sie kennen, ist nur eine komplexe Computersimulation, während wir Menschen in riesigen Zuchtanlagen von intelligenten Maschinen als lebende Energiequellen genutzt werden. Nur wenige Personen wissen davon und versuchen die Menschen aus der Matrix zu befreien. Dazu müssen sie sich manchmal in diese einkoppeln – und natürlich auch wieder ausklinken. Letzteres geht per Telefon. Wow, Trinity, das war knapp!

Fast schon zum Nebendarsteller wird die Telefonzelle in "Dirty Harry". Wenn Clint Eastwood, gejagt von einem wahnsinnigen Killer, von Telefonzelle zu Telefonzelle durch halb San Francisco hetzt, stirbt jedes Mal ein junges Mädchen, sollte er sie nicht rechtzeitig erreichen...

DER Telefonzellen-Thriller jüngster Zeit schlechthin ist aber wohl "Phone Booth" (deutscher Titel "Nicht auflegen!"). Stu Shepard (Colin Farrell) kommt nicht mehr aus, sobald er den Hörer in der schmuddeligen Zelle abgenommen hat.

Und: Ziemlich gruselig ist der Auftritt der Telefonzelle im spanischen Kurzfilm "La Cabina" von 1972. Hier betritt ein Mann eine Telefonzelle, kann sie aber nicht mehr verlassen. Auch Passanten können ihm nicht helfen. Schließlich kommen zwei Leute von der Telefongesellschaft, laden die Zelle auf ihr Fahrzeug und bringen sie in eine Halle außerhalb der Stadt. Er erhofft sich seine Befreiung, doch zu seinem Entsetzen sieht er: Dort stehen schon unzählige Telefonzellen, in denen sich Tote in unterschiedlichen Stadien des Verfalls befinden. Igitt … da freuen wir uns nun doch wieder über unser Handy.


  

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