Trends

Sind Sie speziell?

Spezialisierung Work in Progress Wissensarbeit

Also mal so ganz unspezifisch ins Blaue gefragt: Sind Sie speziell? Ist das, was Sie machen, speziell? Vermutlich werden Sie dazu tendieren, diese Fragen mit einem deutlichen Ja zu beantworten. Natürlich, denn Spezialisierung liegt voll im Trend. Wer etwas auf sich hält, spezialisiert sich – egal ob beruflich, wissenschaftlich oder in was für einem Bereich auch immer.

Zum Start unserer neuen Bene Office.Info Serie „Work in Progress“, in der wir uns mit speziellen Berufsbildern beschäftigen wollen, gehen wir es mal ganz grundsätzlich an...
 

Die Spezialisierung der Spezialisierung

Spezialisierung ist ein zivilisatorischer Motor, der den Fortschritt, der das Wissen vorantreibt. Spezialisierung ist ein, wenn nicht DER Schlüssel, sowohl die Informationsfluten, die tagtäglich über uns hereinbrechen, als auch die Anforderungen des Alltags zu bewältigen. Spezialisierung scheint vor allem im 21. Jahrhundert der Garant schlechthin für Erfolg zu sein. Spezialisierung ist … Aber mal langsam! Das sollten wir uns doch mal genauer ansehen.

Schließlich wollen wir bei einer Betrachtung des Speziellen bzw. der Spezialisierung eines auf gar keinen Fall: zu allgemein bleiben! 
 

Das Besondere der Spezialisierung

Sprechen wir von Spezialisierung, so meinen wir damit meistens eine Ausrichtung auf ein bestimmtes Fachgebiet, ein Thema oder eine Tätigkeit. Spezialisierung stellt dabei per Definition eine bewusste Beschränkung dar: Man wendet sich vom übergeordneten Zusammenhang ab und widmet seine Aufmerksamkeit ausschließlich einem bestimmten Teil der Sache. In diesem Sinne stellt der Moment der Spezialisierung eine bewusste Grenzsetzung dar und entspricht einer Bewegung vom Allgemeinen hin zum Besonderen. Nicht umsonst leitet sich der Begriff Spezialisierung vom lateinischen Begriff specialis ab, der am ehesten mit „besonders“ übersetzt werden kann. Insofern beschäftigt sich die Spezialisierung grundsätzlich mit dem Besonderen und verfolgt eine Mechanik des In-die-Tiefe-gehens. Das Zuhause der Spezialisierung ist die Nische. 
 

Das Paradoxe der Spezialisierung

Das Bezeichnende dabei ist, dass dieser Prozess der Spezialisierung niemals abgeschlossen werden kann. Und das aus einem ganz einfachen Grund: Jede Spezialisierung lässt sich nämlich weiter spezialisieren, nur um in einem nächsten Schritt eine zusätzliche Spezialisierung zu erfahren. Dieses Entwicklungsschema entspricht am ehesten einem fraktalen Muster – einer immer kleiner werdenden Verästelung, die sich beim Heranzoomen stets weiter verästelt – bis in die Unendlichkeit. Letztlich impliziert dies, dass kein Wissensbereich je zu Ende gedacht werden kann. Dies vor allem deshalb, weil jeder Teilbereich stets wieder eine weitere Spezialisierung zulässt. Und so weiter und so weiter … Darin offenbart sich das der Spezialisierung inhärente Paradoxon: Eine bewusste Begrenzung eröffnet gerade durch die Beschränkung ganz neue, vorher nicht vorstellbare Denkräume. Das, liebe Leser, genau das ist Spezialisierung.
 

Die Geburt der Spezialisierung

Spezialisierung als solche gab es, rein historisch betrachtet, schon immer: Von jeher wurde der Alltag des Menschen durch Arbeitsteilung – sprich: Spezialisierung – bestimmt. Ganz nach dem Motto: Jeder spezialisiert sich auf das, was er am besten kann. Von daher ist Spezialisierung schlicht und einfach ein Effekt, eine Konsequenz, man könnte sogar sagen, eine Notwendigkeit des gemeinschaftlichen Zusammenlebens.

Bereits Adam Smith bemerkte hierzu, dass die Beschränkung der Ausführenden auf Tätigkeiten, die von ihnen am besten erfüllt werden, zu einer erhöhten Produktivität führt. Klingt logisch. Und kennt man zur Genüge aus dem Alltag. Aber nicht nur das: Spezialisierung stellt nicht nur hinsichtlich Effizienz einen klaren Vorteil dar, sondern entspricht auch am ehesten der Vorstellung des Menschen als Individuum. Denn schließlich sollte jeder nicht nur das machen, was er kann, sondern vor allem auch das, was seinen Vorstellungen, Wünschen oder Zielen am meisten entspricht. Und da Vorstellungen bekanntermaßen durchaus recht spezifisch sein können, erfordert dies auch die Möglichkeit, sich in einem so spezifisch wie möglichen Bereich zu betätigen. 

Sollte Spezialisierung demnach nicht nur eine bloße Notwendigkeit darstellen, sondern gar eine Verwirklichung sozial-utopischer Ansätze versprechen? Moment, wollen wir mal nicht blauäugig werden. Denn schließlich hat jede Medaille zwei Seiten.
 

Die Entwicklung der Spezialisierung

Milan Kundera hat einmal über Goethe behauptet, dass dieser wohl der letzte Mensch gewesen sei, der den Alltag noch in all seinen Aspekten verstanden hat. Was er damit sagen wollte, ist, dass Goethe zu einer Zeit lebte, als es noch möglich war, ohne große Ausbildung, ohne eine jahrelange Spezialausbildung vor allem geistige Pionierarbeit zu leisten. Man denke nur daran, dass Goethe sich ebenso in einem Bereich wie der Naturwissenschaft auf einem Niveau betätigte, das für damalige Verhältnisse durchaus mit den Großen der Zeit mithalten konnte. Wenn Goethe mit einem Teleskop die Sterne beobachtete, so wusste er, wie das Teleskop funktioniert. Wenn er eines seiner Bücher drucken ließ, war ihm klar, wie der Buchdruck funktioniert. Wenn er sich dazu entschlossen hätte, einen Teppich zu knüpfen, so hätte er sich – Sie werden es erraten! – den Webstuhl wohl selbst gebaut.

Kundera wollte wohl zum Ausdruck bringen, dass der wissenschaftliche Fortschritt vor allem eines mit sich gebracht hat: eine für den Einzelnen nicht mehr überblickbare Fülle an Wissen und eine Notwendigkeit der Spezialisierung. Anders formuliert: In der Wissensentwicklung der Menschheit gab es einen markanten Turn, der nichts anderes mit sich brachte, als dass die Zeit der Universalgenies endgültig vorbei ist. Was folgt? Eine Zeit des Expertentums. Eine Zeit der Spezialisierung. Willkommen in unserer Welt!
 

Der Kern des Problems

An und für sich könnte man sich ja nun eigentlich darauf einigen, dass dem Aspekt der Spezialisierung etwas ungemein Beruhigendes inhärent ist. In dem Sinne, dass es für jedes Problem, dass Ihnen einmal begegnen wird, einen Spezialisten gibt. Denn überlegen Sie selbst. Was machen Sie, wenn Sie ein Problem haben? Sei es technischer oder aber medizinischer Natur. Klar, dann rufen Sie einen Experten. Einen Spezialisten!

Bleibt bei allen Vorteilen allerdings zu hoffen, dass die immer weiter greifende Spezialisierung keine absurd unübersichtlichen Ausmaße annimmt. Spezifischer ausgedrückt: Dass durch die zunehmende Spezialisierung aller Bereiche eines nicht verloren geht: der Blick fürs Allgemeine. Das Gefühl für das Ganze.
 

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