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The Hub Vienna - Ein Ökosystem der Arbeit

Coworking Open Space Bürotrends

Man stelle sich ein Büro vor, in das man geht, um überrascht zu werden; in dem man neue Leute kennenlernen oder aber sich zurückziehen kann, je nach Lust und Projekt; in dem man Gleichgesinnte statt Konkurrenten findet, am Nachbartisch oder digital am anderen Ende der Welt; in dem man an Aufgaben arbeiten kann und sogar soll, die vom Staat und anderen großen Organisationen (noch) nicht wahrgenommen werden.

Das ist The Hub, und es ist offenbar kein gewöhnliches Büro. Vielmehr versteht es sich, wie sein Mitgründer und Geschäftsführer Matthias Reisinger es ausdrückt, als "Ökosystem für Peer-to-peer-Netzwerke und eine neue, spannende Form des Arbeitens". Die gewinnt auch in Wien an Boden und zunehmend Anhänger vor allem unter jungen Menschen, die nicht mehr in "normalen" Organisationen arbeiten wollen, es nie wollten – oder konnten.
 

Drehscheibe im Kreativbezirk

The Hub ist ein gutes Beispiel, wie das gehen kann: eine Drehscheibe – so eine der Bedeutungen des englischen Begriffs – in Richtung Zukunft der Arbeit.

Sie dreht sich, wenig überraschend, in Wiens Kreativbezirk Neubau. Aus dem zweiten Stock eines typischen Gewerbebaus in einem großen Hinterhof wurde ein 400m²großer Loft. Die Planer verwandelten ihn in ein klug strukturiertes Nebeneinander von freien und genau definierten Zonen.

Das sieht beim Näherkommen so aus: Der Blick fällt zunächst auf eine Kaffeemaschine, dann auf eine Tafel, auf der an diesem Tag mit Kreide steht: "Welcome! Your hosts a.m.: Ina, p.m.: Andrea". Daneben ein offener Küchenraum, ein Tischfußballgerät steht in der Mitte des angrenzenden Raums, neben kuriosen Lustern baumelt eine Schaukel von der Decke. Kaffeehaustische und –sessel auf einer Seite, auf der anderen längliche Arbeitstische; getrennt sind sie durch eine Regalwand voll mit Literatur, Ordnern, Schubern, Magazine sind mit Kluppen an Wäscheleinen aufgehängt; im Hintergrund mehrere Besprechungstische. Auf der gegenüberliegenden Seite erhebt sich eine Art Tribüne im Loft: ein "Amphitheater", eine geniale Konstruktion von großen Stufen, die auch als Sitzreihen für Versammlungen fungieren und die zu einer eingezogenen zweiten Ebene führen, unter der wiederum Küche, Garderobe und kleine separate Besprechungs- und Nachdenkräume ihren Platz gefunden haben.
 

Der Mut zu träumen

Eine Girlande heißt Besucher willkommen: "Here’s to the people who want to make a difference, to those who work for a better world, to the ones who have the courage to dream, believe and act."

Denn all die klug ausgedachten, mit zum Teil sehr einfachen Mitteln realisierten Details haben nur Sinn, wenn sie mit Leben gefüllt sind. Reisinger präzisiert: "Man kann den Hub zwar auch einfach als inspirierenden Arbeitsplatz betrachten, in dem man sich gegen eine Monatsgebühr einmieten kann." Spannender aber sei es, den 2010 gegründeten Großraum intensiver zu nutzen: sich auszutauschen; Veranstaltungen zu besuchen – oder zu organisieren – mit Themen wie Finanzierung von Start-ups, neue Bildungswege, Integration oder nachhaltige Produktion, aber auch Einführung in Fotografie. "Und schließlich gibt es den Kontakt zur erweiterten community", so Reisinger.

Der Wiener Hub mit seinen zurzeit ca. 300 Mitgliedern ist Teil eines globalen Netzwerks. Seit der Gründung der ersten Drehscheibe in London gibt es mittlerweile 37, wobei Wien vor zwei Jahren zur Zentrale wurde. Was sie gemeinsam haben: "Wir bieten den knowledge workers drei Elemente: Infrastruktur, Community und Content." (Man merkt bald, dass hier Englisch auch im Deutschen zur offiziellen Sprache gerät.)

Die Infrastruktur ist physisch und unsichtbar vorhanden. Die Geräte, die Büroarbeiter brauchen, das lokale digitale Netzwerk für die Kreation und der Kaffee für die Rekreation: alles da. Die Community schafft sich einerseits immer wieder neu, je nach dem wer gerade die Räume in Anspruch nimmt und auf auf wen er oder sie trifft. Andererseits können solche Zufallsbegegnungen in eine längerfristige Zusammenarbeit münden. Der Content schließlich ergibt sich, wenn die anderen Elemente "stimmen".
 

Verspielt und seriös

Die Nutzer werden dazu ermuntert, mit Gleichgesinnten in anderen Hubs, auf anderen Kontinenten Kontakt aufzunehmen, Informationen einzuholen, Probleme zu besprechen, gemeinsam weiterzuarbeiten. "Positiver Wandel" steht dabei im Zentrum.

Das sieht beispielsweise so aus: Anna Mostetschnig hat früher bei einem Kindermöbelhersteller gearbeitet. Jetzt leitet sie die Forschung und Entwicklung von Three Coins, einem Unternehmen, das Menschen im Umgang mit Geld schult, etwa mithilfe eines Computerspiels für Jugendliche. "Der Hub ist die optimale Umgebung für Start-ups im sozialen Bereich", so erklärt sie, warum sie hier und nicht isoliert zuhause oder in einem "normalen" Büro arbeitet. "Das Offene und Interaktive trägt dazu bei. Das Design ist zugleich verspielt und seriös – insgesamt eine hohe usability."

Mina Nacheva wollte ursprünglich direkt beim Hub anheuern, fand aber hier schnell Anschluss zu Inventures, "your source for the startup scene in Austria and Central & Eastern Europe". Sie ist Online-Redakteurin und Teil eines Fünfer-Teams, das den Hub als Basis nutzt. "Es gibt ausreichend Platz für Teamwork", sagt sie. "Dazu haben wir Extraräume für größere Konferenzen zur Verfügung. Und zum Chillen gibt’s das Oberdeck."

 

Gewinn für beide Seiten

Auch größere Unternehmen nutzen die Möglichkeit, sich im Hub einzumieten und zusätzliche Ideen auf dem Weg zur nachhaltigen Produktion zu gewinnen. Die Melker Druckerei Gugler etwa, in Österreich ein Pionier der Corporate Social Responsibility.
Reinhard Herok, bei Gugler zuständig für Nachhaltigkeitsmanagement und Kommunikation, kannte Matthias Reisinger schon vor der Gründung des Hub. "Da wir viel mit social entrepreneurs zu tun hatten, gab es eine natürliche Nähe. Einerseits unterstützten wir die Initiative durch Drucksorten, andererseits bekamen wir dadurch interessante Kontakte, zum Beispiel auf einer internationalen Hub-Konferenz in Venedig." Herok ist Mitglied der ersten Stunde. Er sieht das Büro in Neubau als "besonderen Ort für Inspiration und Veränderung. Man trifft auf großartige Leute, auf Mutmacher, die Dinge durchziehen."

Im vergangenen Jahr hatten Gugler und The Hub eine gemeinsame Sternstunde: Die Druckerei führte ein europaweit einzigartiges "Cradle to cradle"-Druckverfahren ein, bei dem keine Schadstoffe entstehen ("Man kann das Gedruckte fast essen"). Zur Einführung konnte und wollte das Unternehmen nicht viel klassische Werbung machen. "Dafür", so Herok, "hatten wir dank dem Hub eine große community. Wir luden die Mitglieder ein, von uns gratis Drucksorten zu beziehen, einzige Auflage: ein "printthechange.com"-Aufdruck."

Fast fünfzig Initiativen erfuhren dadurch einen Schub an Bekanntheit, das neue Druckverfahren desgleichen. Es war ein Gewinn für beide Seiten. Und eine Chance, wie man es bei Gugler sieht, für sozial orientierte Start-ups gerade angesichts der großen Jugendarbeitslosigkeit.

The Hub ist naturgemäß im Fluss. Es gibt noch einiges zu tun. So sind die Café-Stühle einladend, aber für längeres Arbeiten ungeeignet, und professionelle ergonomische Bürostühle sind rar, wie Mostetschnig und Nacheva feststellen. Und teuer, wie Reisinger ergänzt. Sponsoren sind gefragt. Doch auch wenn man nicht optimal sitzen kann: Dies zu tun, tagein tagaus, nine to five, das ist sowieso nicht der Sinn dieser Einrichtung. Sie will, dass ihre Nutzer in Bewegung bleiben, in jedem Sinn des Wortes.

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