Personalities

Verena Formanek, Saadiyat Island, Abu Dhabi

Interview Kunst Inspiration

Verena Formanek, geboren in Innsbruck, studierte an der Universität für angewandte Kunst in Wien, war als freischaffende Künstlerin tätig und ist Mitbegründerin der Galerie V&V in Wien (mit Veronika Schwarzinger). 1989 wechselte sie ins MAK, Wien, war dort Kuratorin für Kommunikation, Design und Ausstellungen, verantwortlich für die Neuaufstellung der permanenten Schausammlung mit internationalen Künstlern (Donald Judd, Jenny Holzer u.a.), ab 1993 stellvertretende Direktorin von Peter Noever. Nächste Station ihrer Laufbahn war die renommierte Kunstsammlung Fondation Beyeler in Basel, Schweiz (1997 Eröffnung des Museumsneubaus von Renzo Piano), wo sie 1996-2004 die stellvertretende künstlerische Leitung innehatte. Internationale Kooperationen mit den weltweit bedeutendsten Museen wie MoMA oder Guggenheim, New York, Centre Pompidou und Musée Picasso, Paris, Tate Modern, London oder KHM, Wien. Danach ging Verena Formanek nach Zürich und übernahm am Museum für Gestaltung die Leitung der Sammlungen (2006-2009). Wissenschaftliche, Forschungs- und Lehrtätigkeit in Basel, Zürich und Linz. Zahlreiche Publikationen, zuletzt Every Thing Design (Hatje Cantz Verlag). In Vorbereitung: Werkdokumentation des Schweizer Designers Hannes Wettstein (Lars Müller Verlag). Seit 2010 ist Verena Formanek Senior Project Manager für die Museumsneugründung Guggenheim Abu Dhabi, geplante Eröffnung: 2014, Architekt: Frank Gehry. Verena Formanek lebt in Zürich, Wien und Abu Dhabi.


Wenn man ständig pendelt, nicht nur zwischen Städten, sondern sogar Kontinenten: Gibt es dann so etwas wie einen "Hauptarbeitsplatz" – und wenn ja, wo?
Eigentlich effektiv ist mein Hauptarbeitsplatz im Kopf oder ganz präzise im Computer. Ich bin ständig unterwegs, aber fast immer online. Irgendwie ist das fast eine Manie oder Sucht. Aus Designsicht gesprochen, bin ich eher der flexible Arbeitsplatz-Typ. Nun habe ich mir endlich abgewöhnt, in der Früh mit dem Black Berry aufzuwachen und in der Nacht ständig auf die Mails meiner amerikanischen Kollegen zu antworten. Das hat mit der Zeitverschiebung zu tun und irgendwie mit dem Tempo, das heute herrscht... Herrrrrscht ist ein gutes Wort dafür! Am liebsten habe ich mein Büro zuhause, es ist überall – ob in Wien, Basel, Zürich, Paris – mein Rückzugsort und mein Ruhepool. Wo auch immer ich bin, im Grunde richte ich es ähnlich ein. Sehr einfach mit vielen Büchern.


Arbeiten Sie im Büro gerne kontinuierlich an ein und demselben Ort oder wechseln sie lieber die "Szenerie"?
Ich arbeite sehr konzentriert an einem Ort: Das ist der Schreibtisch, natürlich mit dem Computer auf meinem Schreibtisch. Und das nach einem genauen Zeitplan. Ich komme gerne früher und gehe aber auch (wirklich gerne) später.
Wenn ich mich sehr konzentrieren muss – seit mehren Jahren gibt es ja kaum mehr Einzelbüros – gehe ich in eines der Besprechungszimmer. Oft habe ich hier in Abu Dhabi so genannte conference calls, wo alle Teilnehmer – aus LA, NY und wo auch immer – eingeschaltet sind. Das erfolgt regelmäßig und ist bedingt durch die vielen verschiedenen Orte, an denen wir arbeiten. Dazu kommen die Videokonferenzen. Ist mir bis jetzt gar nicht aufgefallen, dass ich im Büro doch ziemlich viel den "Ort" wechsle.


Welche Bedeutung messen Sie Ihrem Büro bei? Welche Funktion geben Sie ihm hauptsächlich?
Es ist der "andere" Raum. Ich möchte mich im Büro konzentrieren. Ich habe dort ein vorgefasstes Ziel. Im privaten Bereich lasse ich mich manchmal gehen und bin nicht so diszipliniert. Das Büro muss ruhig sein, hell und oben gelegen. Viele Bücher müssen darin untergebracht werden können, und es muss ein wireless haben. Unbedingt zeitgenössische Einrichtung, aber nicht immer diese gleichen langweiligen Büromöbel. Ich benötige flexible Arbeitsplatzflächen. Ich hatte in Zürich Tische von Häberli/Marchand (Anm.: Alfredo Häberli und Christophe Marchand, Designer mit Studio in Zürich), die waren genial. Die konnte ich immer dem jeweiligen Projekt zuordnen. Besprechungen, Print-Pläne auslegen, Ordnungen mit analogem Papiermaterial konstruieren etc. An den Wänden muss ich auch veränderbare Flächen haben, wo ich meine Ziele aufschreibe und als erledigt wieder löschen kann.


Was mögen Sie an Büros, was nicht?
Ich hasse diese angebauten Besprechungsmodule als Tische. Zu enge und nicht veränderbare Kojen und eigentlich alle diese Großraumbüros. Zu laut, zu irritierend, zu geschwätzig... Ich habe gerne Raum, Licht und eine angenehme Atmosphäre. Aber wer nicht?


Meinen Sie, dass Ihr Büro etwas über Sie aussagt?
Ich denke schon. Es drückt Kreativität aus. Es ist immer sehr "atmosphärisch". Wenn ich traurig bin oder das Büro zu dunkel ist, kaufe ich einen großen Strauß Blumen. Ich habe auch – um mich wirklich zu outen – einen Hang zur Deko. Viele kleine Erinnerungen stelle ich oft auf, oder klebe sie irgendwo hin. Sehr Spezielles, ein Eintrittsticket, einen Plastikbecher, etwas, das mich von der Form oder Funktion her fasziniert. Aber all das werfe ich auch wieder ganz schnell weg.


Gibt es Orte oder Plätze, an denen Sie besonders gerne arbeiten?
Ich habe besonders gerne im Studio Hannes Wettstein gearbeitet (Anm.: H. Wettstein, Designer in Zürich, 2008 verstorben, sein Studio wird weitergeführt). Das war so kreativ im Umraum. Überall Prototypen und Pläne. Ich liebe sehr Archive/Sammlungen, wie im Museum für Gestaltung Zürich. Dort konnte ich durchwandern und die Objekte genau ansehen.
Heute finde ich es auch spannend mit der Technik: Videokonferenzen, Telefonkonferenzen, wo alle von einem anderen Orte eingeschaltet sind. In Basel, in der Fondation Beyeler, bin ich oft in der Früh einfach ins Museum gegangen. Wenn keine Besucher da waren, war das fast meditativ. Besonders gerne bin ich in den Restaurierwerkstätten oder Photowerkstätten.
In Museen hat man sicherlich eine besondere Art des Arbeitsplatzes. Heute in Abu Dhabi ist da für mich nichts Vergleichbares. Ich fahre auf die Insel Saadiyat und sehe vor mir eine ganze Kulturinsel entstehen. Aus dem Sand entsteht jeden Tag etwas Neues.


Gibt es Orte, an denen Sie besonders gerne arbeiten würden?
Eigentlich nein. Ich bin mit den Orten, an denen ich arbeite, zufrieden.


Gibt es Orte, an denen Sie arbeiten müssen, die Sie aber lieber meiden würden?
Am Flughafen, in Hotelzimmern. Das ist nicht so meines.


Sind Sie lieber alleine in Ihrem Büro oder gemeinsam mit anderen?
Unterschiedlich. In der Früh gerne alleine und dann gerne mit den Mitarbeiterinnen. Ich habe allerdings oft eine solche Kommunikationsanforderung, dass ich am Abend gar nicht mehr reden will. Am Ende des Büroalltags bin ich gerne wieder alleine, um alles für den nächsten Tag vorzubereiten und zu rekapitulieren.


Sie haben weiter oben bereits geschrieben: Das Büro ist für Sie ein Ort der Kreativität, der Inspiration.
Absolut. Es ist der Ort des Entstehens.


Gibt es Rituale, die Ihnen im Büro-Alltag wichtig sind?
Als Wienerin natürlich die Kaffeepause (obwohl ich Tee trinke), der kurze Plausch mit Kollegen. Ich bin da eher flexibel, da in meinem Beruf viele unerwartete Dinge auftauchen.
Sehr gerne gehe ich Mittagessen. Ich esse nicht gerne alleine. Das ist fast ein Ritual.

Hier in Abu Dhabi habe ich im Sommer ein komisches Ritual. Es ist so kalt im Büro wegen der Klimaanlagen, so dass ich bei 48 Grad Hitze einmal um das Haus gehe, um mich wieder aufzuwärmen. Das amüsiert hier alle ungemein.
Obwohl – ein richtiges Ritual habe ich doch, vor einem schwierigen Projekt: Ich räume auf!


Welche Veränderungen würden Sie als die einschneidendsten während Ihres gesamten "Büro-Lebens" nennen?
Der Übergang vom Einzelbüro zum Großraumbüro zum Technikbüro. Sozusagen das Büro auf dem Bildschirm. Kollegen mit Zeitverschiebung in LA, NY und Paris zur selben Zeit in einem Büro (zu sehen), aber physisch sehr weit weg.


Möchten Sie uns ein "Wow!"-Erlebnis verraten, das Sie in / mit einem Büro hatten?
Ernst Beyelers (Anm.: Galerist, Kunstsammler, Gründer der Fondation Beyeler, 2010 verstorben) Büro in Basel in der Bäumleingasse, wo sich die Galerie befindet. Klein, mit einem Holzofen und voller Kunstwerke der unglaublichsten Qualität. Mal war´s ein van Gogh auf der Staffelei, mal ein Matisse und dann ein Mondrian. Ich kann´s gar nicht zusammenzählen, wie viele Wows ich dort hatte. Peter Noevers Büro im MAK war auch speziell, sehr eigensinnig, aber spannend kreativ. Allerdings hat es mir oft Angst gemacht mit diesem ganz langen Tisch.


Der wichtigste Gegenstand im Büro?
Der Laptop.


Welches ist der für Sie wichtigste Gegenstand in ihrem Büro?
Der Laptop oder die Teetasse? Ich weiß nicht.


Welches ist der persönlichste Gegenstand in ihrem Büro?
Das Buch, das ich gerade lese. Oder die kleine Figur aus Vietnam, aus Perlen, die wie ein guter Geist vor mir steht und eine kleine Glocke eingebaut hat.


Ihr wichtigstes Tool für die Arbeit?
Der Laptop.


Ihre liebste Tätigkeit im Zusammenhang mit dem Arbeiten?
Nachdenken und Tee trinken.


Ihr größter Wunsch an ein Büro?
Hell, sonnig, freundlich, kommunikativ, leicht erreichbar, große Räume, flexibel, nicht zu steril, gutes Design, starkes Bücherregal, Schubladen, in denen ich alles aufbewahren kann und das Büro immer leer und ordentlich aussieht.


Ihr Büro in Abu Dhabi kommt dem nahe?
Durchaus, von manchen Fenstern aus sogar mit Meerblick.


Wie viele Stunden verbringen Sie im Büro?
Um die 10 Stunden täglich.


Vielen Dank für das Interview.

De rien...

Autor

Désirée Schellerer

Public Relations Manager

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