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Von der Schreibmaschine zum Coffice – Ein paar Jahrzehnte Bürogeschichte

Lebenswelten Bürowelten Geschichte des Büros

Büro ist mehr als nur der Sammelbegriff für Aktenordner, iMac und – mitunter – Rückenschmerzen. Es ist Spiegelbild eines im steten Wandel befindlichen Bewusstseins für den (Stellen-)Wert von Arbeit in unserer Gesellschaft. Wo sich dieses Bewusstsein in Architektur manifestiert, entstehen Räume. Sie prägen unser Denken und Handeln, nicht zuletzt, weil die meisten von uns gut 40 Stunden pro Woche darin verbringen. Anders gesagt: Das Konzept einer Work-Life-Balance, vielstrapaziert und aktuell sehr "in", kann einpacken, wenn es nicht auch Erlebnis-, Spiel- und Freiräume in unseren Büros in Betracht zieht. Vorausgesetzt, es gibt dort welche...

"Der Raum ist unser Produkt", weiß Manfred Bene. Bereits 1977 fand in seiner Firma der große Mindshift statt: Vom Einzelmöbel zum Raumkonzept. Denn wer die Wirkung von Räumen anerkennt, vermag den Spieß genussvoll umzudrehen: "Zuerst prägen wir den Raum, dann prägt der Raum uns".

Das hat etwas Trotziges, fast Aufmüpfiges. Der Mensch nicht als tumber Vollzugssklave einer arbeitsteiligen Gesellschaft, sondern als deren aktiver Gestalter. Jössas, Revolte! Sturm auf die Schreibtisch-Bastille! Besser schnell im Kleinkaro verstecken?

Oder – Alternativvorschlag - Sie kommen einfach mit auf unsere Reise: 70 Jahre Manfred Bene - ein paar Jahrzehnte Bürogeschichte.
 

50er Jahre: Knappheit, Netzstrümpfe und Jailhouse Rock

Die 1950er Jahre waren das Jahrzehnt der Hoffnung trotz Knappheit. Es war die Zeit des Wiederaufbaus und der großen Träume made in Hollywood. Marilyn lebte vor, wie schick es war, Sekretärin zu sein, und dass man mit keckem Zehnfingersystem gar bei Kalibern wie Cary Grant landen konnte.


Die Realität sah freilich weniger glamourös aus: Schreibmaschinen und Telefon waren Luxus, mehrere Nutzern mussten sie miteinander teilen. Bene reagierte mit einem Doppelarbeitsplatz und lagerte die begehrten Geräte diplomatisch auf einen abgesenkten Beistelltisch aus.
 

60er Jahre: Aufschwung, Mondflug, Good Vibrations

Mit den 1960ern hielt das "Wirtschaftswunder" Einzug in die Büros. Der Maschinenbestand wurde großflächig erneuert: Jedem Mitarbeiter seine eigene Schreibmaschine! Dazu kamen Rechenmaschinen, Kopiergeräte – und der erste Rauchmelder. Auch viele kleine Helfer fanden sich auf den Schreibtischen: Hefter und Locher beispielsweise.

James Bond, Asimov und die Raumfahrt befeuerten Aufbruchsgeist und Technikgläubigkeit des Jahrzehnts. Auch in den Büros: Die dümmliche Blondine hatte als Sekretärinnen-Ikone ausgedient und musste der dienstbeflissenen Miss Moneypenny weichen. Ein Karrieresprung war das nicht: Die Rationalisierung von Arbeitsabläufen brachte zwar ein hohes Maß an Effizienz, aber keine Gerechtigkeit bei der Aufteilung der nunmehr stärker spezialisierten Arbeitsschritte. Welche Jobs rosa, welche blaue "Mascherln" hatten, stand nicht zur Debatte.

Für Bene markieren die 60er Jahre einen Turning Point. 1961 steigt der junge Manfred Bene ins Unternehmen seines Vaters ein, eigentlich sehnt er sich nach einem kreativen Beruf, aber die väterlichen Argumente ("Ich zahl dir das dreifache") sind überzeugend, und Arbeit gibt es hier mehr als genug. In seiner ersten Tätigkeit als Chauffeur bekommt er mit, wie schwierig es ist, Kunden über Zwischenhändler zu erreichen. Wer nicht bereits in die Produktentwicklung eingebunden ist, dem mangelt es oft an Herzblut und Verständnis. Die Konsequenz des Herstellers Bene: Den Verkauf machen wir künftig selber!

Manfred Bene: "Die zweite Erkenntnis aus dieser Reise war, wie banal und schlecht das Büromöbel-Design dieser Zeit war. Als ich in die Entwicklung eingestiegen bin, habe ich von Anfang an versucht, den Dingen auch eine gute Form zu geben."
 

Die 70er Jahre: Mehr als Wickie, Slime und Piper

Weil in Österreich die Uhren stets ein bisschen langsamer gehen, erwischt uns der 68er-Geist erst in den 1970er Jahren. Dann aber mit voller Wucht: Alles wird bunter. Bei Bene zeigt sich das in den kräftigen Farben des ORG2 Programms. Und: Architekten wollten mit ihren Werken soziale Systeme verbessern.

Selbstverwirklichung und Kommunikation werden zunehmend wichtiger. Bene reagiert darauf, indem auch die Wand zum Kommunikations-Tool erklärt wird, zur zusätzlichen, vertikalen Arbeitsfläche: Pinnwände und flexible Regalfächer laden zum Gestalten ein. Der Raum wird erstmals als eigene Entität wahrgenommen, über die Summe seiner Teile hinausgehend.

Gemeinsam mit Laurids Ortner wird der Vorläufer des Mehrflächenarbeitsplatzes entwickelt. Ganz wichtig: mit Kontaktsegmenten, mit Anbauten für Besprechungen am Arbeitsplatz.

Manfred Bene: "Zu dieser Zeit kam die Fernsehwerbung auf, da hatten wir ein paar wilde Spots. Es war eine lustige, aufregende Zeit. Wir konnten eigentlich fast alles machen, was wir bezahlen konnten. Es war nur klar: Es muss sich etwas bewegen, man muss etwas anpacken. Also haben wir viel gemacht! Ich war immer mutig. Nicht nur bei Entscheidungen, sondern auch mutig im Verhalten den Menschen gegenüber. Natürlich bin ich oft genug gegen Mauern gerannt, aber im Prinzip war all das schon sehr prägend für das Unternehmen und das Markenbild, das dabei entstanden ist."
 

Die 80er Jahre: Electric Dreams und Laurids Ortner

Die Awesome Eighties bescheren uns das Post-It. Es lässt sich diskutieren, ob hierin die wichtigste Büro-Innovation des Jahrzehnts liegt. Die Autorin dieses Beitrags spricht sich dafür aus; Mainstream und Mehrheit der Arbeitssoziologen weisen diese Ehre eher dem Computer zu.

Tatsächlich sind die fantastischen 1980er das Jahrzehnt der EDV – und Arbeitsplätze müssen weltweit auf die neuen Anforderungen reagieren. Tischplatten sind erstmals durchgehend in gleicher Höhe erforderlich, man braucht schlicht mehr Platz für die damals noch klobigen Bildschirme. Auch Blendschutz wird nötig. Ergonomie wird zum Thema am Arbeitsplatz, Tischflächen können und sollen neigbar sein.

Die module Organisierbarkeit der Wand, ihre Verknüpfung mit dem Arbeitsplatz ermöglicht unterschiedliche Büro-Layouts. 1988 markiert hier einen Meilenstein für Benes Markenbild und Konzepte: Arbeitsplätze werden U- und T-förmig angeordnet. Auch diesmal ist es Laurids Ortner, der für und mit dem Unternehmen vorprescht.

Manfred Bene erinnert sich an die Zusammenarbeit: "Mitte der 70er Jahre wurde ich bin bei einer Ausstellung auf ein Objekt von Laurids Ortner aufmerksam. Das hat mich so fasziniert, dass ich ihn kennenlernen wollte. Ich bin einfach zu ihm nach Linz gefahren, weil ich ja genau diesen kreativen Muskel im Unternehmen haben wollte. Wobei: Er hat damals nicht gewusst, auf was er sich einlässt!

Wie ein Mensch wirklich ist, weißt du erst, wenn du sechs Monate mit ihm verheiratet bist, vorher bist du nur verliebt. Es gab immer wieder Reibungsflächen, weil der Laurids damals wie heute wenig Ahnung von Wirtschaft hat. Es gab Zeiten, da wollte er wieder aussteigen, aber dann haben wir doch die Kurve gekriegt, und es hat eine unglaublich intensive langjährige Zusammenarbeit gegeben: 30 Jahre. Wir sind ganz dicke Freunde geworden. Auch wenn ich ihn jetzt nur zwei Mal im Jahr sehe – wir sind wie ein Ehepaar. Er hat Einfluss genommen auf das Unternehmen – und wir auf ihn. Sein erster größerer Bau war das Bürohaus für Bene. Und er war für mich wichtig, weil ich sehr viel lernen konnte von seiner Kreativität. Er hatte eine andere Sicht, eine andere Haltung, eine andere Perspektive, auf Dinge zuzugehen. Jenseits von Bilanzzahlen."
 

Die 90er Jahre: Krise, Handy, Email

Die Rezession trifft Europa und dabei auch die Büromöbelbranche. Materialschlachten, die in den 80ern einer aufgekratzten Zukunftsgläubigkeit entsprangen, fallen strengen Sparstiften zum Opfer. Auch Bene bietet günstigere Systeme an und vermag sich so über das Jahrzehnt zu retten. Inzwischen werden Raumgliederungssysteme und Transparenz in der Unternehmenskultur immer wichtiger.

Das Fax darf eine kurze Konjunktur erleben, bevor es der Email weichen muss. Telefone werden mobil und omnipräsent. CERN schenkt uns das WWW, ständig wählt sich ein (Telefon-)Modem ein, begleitet von lautem Verbindungsgrummeln und Piepstönen, die jeden Tinnitus wie ein Mozart-Adagio wirken lassen. Die Kultur reagiert aggressiv: Lola rennt (davon). John Travolta und Samuel L. Jackson ballern in Pulp Fiction auf alles, was ein Geräusch von sich gibt. Nur Bill Clinton hat noch Spaß im Office.

Bene reagiert mit Ruhe und setzt einen Fokus auf Konzentration, getragen vom Bewusstsein, dass es im Büro verschiedene Zonen für verschiedene Bedürfnisse braucht. Mikro- und Makro-Layouts entstehen. Wer Verantwortung übernimmt für den Raum, der ihn prägt, ist ihm nicht untertan.
 

Die 2000er: Y2K and beyond

Der angekündigte Weltuntergang durch den Milleniums-Bug findet nicht statt, die technologische Entwicklung dafür in nie geahnter Rasanz. Der fixe Schreibtisch verliert an Bedeutung, zwar nicht als soziales Statussymbol, aber als notwendiges Tool. Arbeit wird mobil: Wir konsumieren Telefonie, Mails, Information und Kaffee on the go. Die Creative Industries boomen, mit ihnen die Freiberufler in prekären Verhältnissen, dennoch: Wer Arbeit auslagern kann, tut es. Die Generation Digital Native macht Starbucks zum Büro. Auch Bene hebt die Trennung zwischen "Coffee" und "Office" auf. Es entsteht das "Coffice".

"Das war ein wichtiger Schritt", sagt Manfred Bene. "Das Coffice ist ein Hybrid aus Kaffeehaus, Arbeitsplätzen, Meeting- und Besprechungsräumen. Es nimmt bei uns bis zu einem Drittel der Arbeitsfläche ein. Dort können die Mitarbeiter hingehen, wann immer sie wollen. Am Nebentisch sitzt der Kunde oder der Lieferant - alle auf Augenhöhe. Das heißt: Die Mitarbeiter-Kantine ist nicht etwas, das sich im Hintergrund abspielt, versteckt vor den Kunden. Das Coffice bringt eine Wertschätzung für die Mitarbeiter zum Ausdruck. Denn ein Mitarbeiter ist in Wirklichkeit mehr wert als ein Kunde. Wenn ich keine guten Mitarbeiter habe, bekomme ich die Kunden gar nicht."

Von gelebter Transparenz zeugt auch die Produktpalette des Jahrzehnts.
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2011: Third Places, Co-Working, "always on"

"Es bedarf Aufgeklärtheit, Realitätssinn und Progressivität, um zu erkennen, dass auch jemand, der auf einem Sofa sitzt, Mehrwert für das Unternehmen schafft" – so lautet das Motto des PARCS Designers Tom Lloyd. Dass die Reise – entgegen aller Beharrungswiderstände – mehr und mehr in diese Richtung geht, ist offenkundig. Für die Branche bedeutet das ein Umdenken, eine Neu-Evaluierung dessen, was Büro ist und sein kann – und letztlich die Frage, ob es Büros im klassischem Sinne überhaupt noch lange geben wird, ob nicht andere Lösungen deren Funktion übernehmen?

Als Büromöbelfabrikant kann man da schon Migräne und schlaflose Nächte bekommen. Aber nicht, wenn man Bene heißt. Revolutionen gehören zum Konzept.

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