Judigrafie-photocase.com

Trends

Weihnachten-Hanukkah-Kwanzaa-Koleda: einmal um die Welt und retour

Lifestyle Weihnachten Design Inspiration

"Weihnachten wird auch in Frankreich immer penetranter", schreibt mir per Email ein Freund aus Paris, "das war vor zehn Jahren noch nicht so, da tauchten die ersten Dekorationen erst zwei, drei Wochen vor dem 24. Dezember auf." Des einen Freud´, des anderen Leid: Weihnachten polarisiert. Den meisten jedoch scheinen Lichtermeer und Dekotaumel zu gefallen – wie sonst ließe sich die zunehmende Beliebtheit dieses Brauchs mit allem Drumherum und dessen geografische Expansion erklären (außer dadurch, dass nicht nur Glöckchen, sondern auch die Kassen klingeln)?
 

Wieso Weihnachten?

Die Wintersonnenwende, der Zeitpunkt also, an dem die Tage wieder länger werden, war für die Menschheit der nördlichen Hemisphäre schon immer ein Grund, Feste zu feiern. In manchen antiken Religionen feierte man die Wiederkehr der Sonne oder des Sonnengottes aus der Unterwelt – oder einfach die Zeitenwende hin zum Leben spendenden Frühling. Bei den meisten Kulturen waren diese Festivitäten in irgendeiner Form mit Licht und Feuer verbunden. Das ist bis heute so geblieben.

Weihnachten, das bei uns am häufigsten begangene Winterfest, hat stets christlichen Glauben mit verschiedenen lokalen Traditionen verbunden, die teilweise deutlich älter waren. So wurde der Geburtstag Christi von der frühen Kirche unter anderem deswegen terminlich in der Nähe der Wintersonnenwende angesetzt, um das populäre römische Fest der Saturnalien zu verdrängen. Von diesem – wenn man so will – "Vorgänger-Fest" leitet sich aber bis heute der Brauch des gegenseitigen Beschenkens ab.

Überhaupt: Die zahlreichen Wandlungen, die das Weihnachtsfest im Laufe der Zeit erfahren hat, verdankt es praktisch alle den Einflüssen anderer Religionen und Traditionen. Weihnachtsbaum, Adventkranz und Adventkalender waren
ursprünglich norddeutsche, beziehungsweise nordeuropäische evangelische Bräuche, gegen die die katholische Kirche, auch hierzulande, lange angekämpft, sie aber schließlich vereinnahmt hat. Motto: "If you can’t beat them, join them!"
 

Und wann?

Gerade deshalb – weil das heutige Weihnachtsfest eben jener freche Spross einer (unfreiwillig) ökumenischen Patchworkfamilie ist – wird es von Land zu Land auch immer noch sehr unterschiedlich gefeiert. Das fängt schon mit dem Zeitpunkt der Bescherung an: während bei uns die Geschenke traditionellerweise am 24. Dezember, also am Heiligabend von Christkind oder Weihnachtsmann gebracht werden, liegen sie im englischen Sprachraum erst am 25., also am eigentlichen Geburtstag von Jesus, unter dem Baum oder auf dem Kaminsims. Im orthodoxen Raum kommen Väterchen Frost und seine Enkelin Snegurotschka (Schneeflöckchen) aufgrund der nie stattgefundenen Kalenderreform erst am 7. Jänner. Auch in manchen Teilen Italiens werden die Geschenke erst am Dreikönigstag durch die Fee Befana gebracht. Ihr Name leitet sich übrigens vom offiziellen Namen des Festes, Epiphania, ab.

Und wenn hierzulande im Advent der Nikolo vorbeischaut (am 6.Dezember), müssen schwedische Kinder noch eine Woche länger auf ihr "vorweihnachtliches Hauptfest" warten, denn die heilige Lucia kommt erst am 13. Dezember – vor der Kalenderreform der kürzeste Tag des Jahres. Gefeiert wird mit einer Prozession; schwedische Mädchen tragen weiße Gewänder und einen Kranz aus echten, brennenden Kerzen im Haar. Natürlich steckt auch im Namen Lucia das lateinische Wort lux für Feuer…
 

Aber wie?

Regionale Besonderheiten finden nicht nur in den Ritualen der Feierlichkeiten, sondern auch im Kulinarischen ihren Niederschlag. In Bulgarien beispielsweise findet Weihnachten – genannt Koleda oder Roschdestwo Christowo – am 25. Dezember statt und markiert das Ende einer Fastenzeit (der orthodoxen Kirche), die bereits Mitte November begonnen hatte. Am Heiligen Abend bereiten traditionelle Bulgaren eine ungerade Zahl an Gerichten vor, meist sieben, neun oder dreizehn unterschiedliche Speisen wie: mit Bohnen gefüllte Paprika, in Weinblätter gewickelten Reis, Bohnensuppe, mit Kürbis gefüllte Teigblätter (Tikvenik). Ein schöner Brauch hängt mit dem Essen zusammen: Zu Beginn des Festmahls teilt die Familie ein spezielles rundes Brot, in dem eine Münze versteckt ist, unter ihren Mitgliedern auf. Wer die Münze bekommt, soll im nächsten Jahr immer gesund sein und viel Glück haben! In der Nacht vom 24./25. Dezember bringt der Weihnachtsmann, Djado Koleda, Geschenke für all jene, die während des Jahres brav waren.
 

Mann, oh Weihnachtsmann!

In Norwegen und Dänemark sind es die Weihnachtswichtel oder Julenissen, die die Geschenke ausliefern. Julenissen sind Nachfahren von Hausgeistern oder Kobolden, die einst Haus und Hof und Familien bewachten. Als Dankeschön dafür stellen viele Norweger heute noch einen Teller mit Reisbrei in die Scheune – und am nächsten Tag ist er immer leer. Mit dem Weihnachtsmann verwechseln kann man den Julenissen nur bei oberflächlichen Betrachtung: Auch er, diese norwegische Ausgabe, trägt eine rote Zipfelmütze und einen langen Bart. Jedoch die Kniebundhose, die handgestrickten Kniestrümpfe, der Norwegerpullover und der dicke Pelz, der die Kälte während der Schlittenfahrt erträglich machen soll, sind wirklich speziell!
 

Lichterfest, jüdisch

Wohl nicht zufällig begehen Menschen jüdischen Glaubens, leicht verschoben durch den hebräischen Mondkalender, ebenfalls in der Zeit um die Wintersonnenwende ihr eigenes, wesentlich älteres Lichterfest, Chanukka. Chanukka, auch als Hanukka oder Hanukkah bekannt, wird an acht hintereinander folgenden Tagen begangen. Und wenig verwunderlich, stehen Feuer und Licht im Mittelpunkt des Rituals: am ersten Abend wird eine der Kerzen auf dem Chanukkia, dem achtarmigen Leuchter, entzündet. Jeden Abend dann unter jeweils eigenen Gebeten eine weitere, bis am letzten Tag alle acht Kerzen leuchten. Traditionell erhalten Kinder an jedem Chanukka-Abend ein Geschenk, oder auch Münzen, von denen sie einen Teil für wohltätige Zwecke spenden sollten. In den USA haben sich daraus eigene Chanukka-Schokomünzen entwickelt, die den Kindern als Nascherei geschenkt werden.
 

Lichterfest, afroamerikanisch

Das vielleicht jüngste winterliche Fest ist Kwanzaa. Es wurde in den 1960er Jahren in den USA von einem amerikanischen Autor im Zuge der Black-Power- und Back-to-the-Roots-Bewegungen schwarzer Amerikaner erfunden und sollte auf die Herkunft und Traditionen der afroamerikanischen Bürger hinweisen. Das Ziel war, der schwarzen Bevölkerung ein eigenes Fest zu schenken, das unabhängig von jenen ihrer weißen Mitbürger, deren Herkunft ja eine ganz andere ist, existieren sollte.

Kwanzaa, abgeleitet von einem Wort der Swahili-Sprache, das "erster" bedeutet, hat sich mittlerweile durchgesetzt und vereint afrikanische und auch europäische, beziehungsweise jüdisch anmutende Elemente. Es wird vom 26. Dezember bis zum 1. Jänner begangen. An jedem Tag wird eine von sieben Kerzen – drei rote, drei grüne und eine schwarze – in einem eigenen, Kinara genannten, Kerzenständer entzündet. (Kommt Ihnen bekannt vor?) Die Farben stehen dabei für Afrika, außerdem steht jeder Tag für eines der sieben Kwanzaa-Prinzipien, wie Einigkeit oder Selbstbestimmung. In dieser Zeit wird das Haus mit afrikanischen Kunst- und Kultgegenständen dekoriert, es wird bevorzugt afrikanische Musik gespielt, gesungen und getrommelt. Kwanzaa ist streng genommen kein religiöses Fest, weshalb viele afroamerikanische Familien sowohl Kwanzaa als auch Weihnachten feiern. In den Jahren 1997 und 2004 brachte die US-Post neben Weihnachtsmarken auch Kwanzaa-Sondermarken heraus.
 

Und es gibt sie doch: Weihnachtsmützen in China-Town

Die Bevölkerungsmilliarden-Großmacht China hat mit Weihnachten nicht viel am Hut. Offiziell zumindest. Nur durch Zufall ist der 25. Dezember auch Gedenktag für die Verfassung der Republik, allerdings kein amtlicher Feiertag (damit nicht zu viele Arbeitspausen im Jahreslauf auftreten). Nachdem das Interesse an westlichen Bräuchen massiv zunimmt, lassen sich viele Chinesen von inoffiziellen "Weihnachtsfeiern" nicht abhalten. In mancher Großstadt finden sich leuchtend geschmückte Auslagen, in einigen Hauhalten auch künstliche Weihnachtsbäume.

Das strenge Japan macht´s sogar noch ein bisschen verspielter und feiert Weihnachten als säkulares Fest mit bunter Weihnachtsdekoration und blinkenden Lichtergirlanden. Es ist ein Fest für Verliebte und Partygänger, erst zum anschließenden Neujahrsfest sind die Familienfeiern angesagt.

Übrigens: Indien feiert Weihnachten offiziell – und fast traditionell ;)! – mit geschmückten Palmen-, Bananen- und Mangobäumen. Christen besuchen die Messe und begehen das Fest mit Tanz und Gesang. Kinder und Angestellte bekommen Geschenke, das Familienoberhaupt erhält als Zeichen der Verehrung und als Glücksbringer: eine Zitrone!


(Mitarbeit Recherche: Christina Hainbuchner, Eva Voycheva)

  

×

×
×