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Welcher Kaffeehaus-Typ sind Sie?

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Neue Muster ergänzen alte oder lösen sie ab – und manches tritt in anderem Gewand auf. Deshalb unsere Gewissensfrage: Welcher Kaffeehaus-Typ sind Sie? Zwischen Zeitungslesern und Laptop-Usern….

Sie sollte eigentlich nicht hier sein. Thomas beobachtet die Fliege jetzt schon länger. Dem Rand seines Cappuccino-Häferls kommt sie gefährlich nahe, tappst rüsselsaugend vor sich hin. Kein spektakulärer Anblick, klar, aber es brauchte auch nichts Spektakuläres, um ihn vom Blick auf seinen Laptop abzulenken. Der Download wird laut Anzeige noch 6 Minuten benötigen.

Thomas beobachtet die Fliege. In wirrem Zick-Zack bewegt sie sich auf die weiße Theke zu, landet auf der Mehlspeisen-Vitrine und krabbelt bis zum Rauchen-verboten-Schild. Dann scheucht sie ein junger Mann, offensichtlich Kunde, mit seiner Zeitung davon. Moment: Zeitung? Thomas kommt schon seit einiger Zeit regelmäßig hierher, aber jemanden mit Zeitung hat er hier schon länger nicht gesehen.
 

Invasion der Laptops

Laptops gibt es unzählige in modernen Szenecafés und Coffeeshops. So gut wie jede und jeder hat einen mit. Was die Leute damit machen, ob sie in der WLAN-Wolke – sie hat die frühere Rauchwolke abgelöst – ihr Profil auf Facebook erneuern, mit Freunden chatten oder "ernsthafter Arbeit" nachgehen, ist meist nur aus ihren Gesichtern ablesbar. So ein plötzliches Lächeln, das über ein Gesicht huscht, ohne einen für Außenstehende erkennbaren Grund, macht neugierig.

Was war das wohl? In welchem Kommunikationsraum befindet sie sich gerade? Es ist schon eigenartig. So viele Menschen in einem Raum, physikalisch – und doch jeder woanders. Das Café als Knotenpunkt zur Außenwelt – als Terminal zum Hyperspace.
 

Private working and public privacy

Im Coffeehouse verschwimmen Grenzen. Zum Beispiel jene zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. An sich ist das Café ja ein öffentlicher Ort – jeder ist willkommen und allen ist klar, dass man hier nie alleine ist. Man findet sich ein, um in Gesellschaft zu sein – schließlich geht es so genannten ´home based workern´ doch manchmal auf den Geist, ständig allein vor dem PC zu sitzen. Da tut sozialer Kontakt durchaus gut. Auch wenn er nur "atmosphärisch" ist. Und wenn alle Freunde während der Arbeitszeit nicht greifbar sind, bietet sich das Café als optimale Alternative an. Man kann tüfteln, E-Mails bearbeiten, kommunizieren – und das von Leuten umgeben und dennoch ungestört. Jeder ist öffentlich und zugleich privat hier.
 

Let’s talk?

Und wie steht es mit dem Gespräch? Das Kaffeehaus war doch bisher der klassische Ort von Klatsch, Tratsch, Diskussion und Kontaktpflege offensichtlich "altmodischen" Stils! Zwar hat sich die Kommunikation zunehmend auf die schwarzen Quader und den dahinterliegenden unendlich großen "Raum" verlagert. Doch – keine Angst - die direkte zwischenmenschliche Begegnung ist noch nicht abgeschafft. Auch in Coffeehouses blüht und gedeiht das Face-to-face-Gespräch. Man findet zusammen oder begegnet einander. Und wird die Runde größer, sind flugs zwei Tische zusammengestellt. Auch wenn früher oder später der Laptop oder zumindest das Smartphone wieder gezückt werden.
 

Inspiration Coffeehouse

Wo Menschen zusammenkommen, entstehen Ideen. Und gerade das Kaffeehaus scheint ein idealer Ort dafür zu sein. Von Weltliteratur, Kunst und Philosophie bis hin zu Politik und Wirtschaft – das Kaffeehaus beweist sich geradezu als fruchtbarer Boden für Neues. So wurde beispielsweise in den Londoner Coffeehouses des 18. Jahrhunderts die Aktiengesellschaft erfunden, oder – noch weit weniger lang her – bei Ritual Coffee Roasters im Mission District in San Francisco unter anderem Flickr erdacht. Dort hat die Web-2.0-Szene auch den passenden Ort entdeckt, um gemeinsam an ihren Codes zu feilen.

Unbeantwortet bleibt bis dato die fast schon elementare Frage angesichts dieses Ortes, ob es einfach am inspirierend-pulsierendem Umfeld oder vielleicht auch ein bisschen am Kaffee selbst liegt (o;)? Weiß jeder von uns doch aus eigener Erfahrung, dass das aufputschende Koffein uns etwas unabhängiger von Tag und Nacht macht und Produktivitätsphasen somit durchaus verlängerbar werden.
 

Ver-appled?

Übrigens – Statussymbole und Kaffeehaus passen natürlich auch ganz vorzüglich zusammen. Ein Beispiel? Die Markenfreaks unter den Digital-Workern setzten ja bekanntlich häufig auf Apfel-Produkte. Und Apple-User sind anders als "Normal-User" – sagt man. Die sitzen z.B. mit ihren iPhones stundenlang im Kaffeehaus und trinken einen Café Latte nach dem anderen, während sie nebenbei mit ihren stylischen, tastenlosen Mobiltelefonen im Netz surfen. Ein Klischee? Klar, aber manchmal ist auch an Klischees etwas dran. So hat das US-Unternehmen JiWire, das WLAN-Hotspots vor allem in der Gastronomie vermarktet, eine Studie erstellt – und die mobilen Internetnutzer ins Visier genommen. Da hat sich gezeigt, dass es tatsächlich vor allem die Appleaner sind, die in der Öffentlichkeit ins Netz gehen. Beinahe 98 Prozent aller Handy-ähnlichen Geräte, die an den untersuchten 30.000 WLAN-Hotspots ins Netz gingen, waren Apple-Produkte: das iPhone mit 54 Prozent, der iPod Touch mit 43,4. Und bei den Notebooks? Apple-Notebooks haben am amerikanischen Laptop-Markt zwar nur 7,4 Prozent, doch an den Hotspots wurden 25,6 Prozent aller Laptop-Zugriffe von MacBooks aus gemacht.
Unser Tipp: Bleiben Sie dennoch individualistisch und genießen Sie Ihren Espresso!
 

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