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Trends

Work in Progress: Berufe im Einundzwanzigsten.

Work in Progress Digitalisierung Megatrends Räume der Arbeit

Wer hätte vor 50 Jahren gedacht, dass man für Zeitungs- und Buchproduktionen keinen einzigen Schriftsetzer mehr benötigt, eine ganze Industrie aber mit der Entwicklung von Spielen in bewegten Bildern wirklich gutes Geld verdient? Oder dass Unternehmen, die sich mit der Reduzierung von Energieaufwänden beschäftigen, fast ebenso vielen Menschen Arbeitsplätze bieten wie Unternehmen, die sich der Förderung traditioneller, fossiler Energie widmen? Nun ja, es hat sich einiges ziemlich rasch verändert in unserer Brave New World und 1984 ist längst Schnee von gestern. Ein Blick in die nahe Zukunft beruflicher Trends zum Abschluss unserer „Work in Progress“-Serie.

Natürlich war „früher“ alles anders, vielleicht war „früher“ tatsächlich auch alles einfacher. Man absolvierte eine Lehre oder ein Studium, stieg gerne und oft in die Fußstapfen der Eltern-Generation, erfuhr gleichzeitig damit auch ein Gefühl von Sicherheit. Und blieb in diesem Beruf. Jahrzehntelang.

Wann dieses „Früher“ war? Gute Frage. Anscheinend ist es aber noch gar nicht so lange her. Was wir auf einer Zeitachse wesentlich leichter lokalisieren können ist stattdessen, dass es heute eine so große Diversität an Ausbildungsmöglichkeiten und Berufen gibt, wie noch nie zuvor. Werfen Sie nur mal interessehalber einen kurzen Blick auf Career-Plattformen oder in Uni-Verzeichnisse. Heureka!
 

Berufe sind immer situativ.

Verändern sich unsere Lebensumstände, verändern sich auch unsere Berufe. Will man also etwas über heutige oder kommende Berufe erfahren, macht es Sinn, nach den wesentlichen Faktoren zu fragen, die unsere gesellschaftlichen Entwicklungen beeinflussen.
Einer der sogenannten „Megatrends“ ist sicher der demografische und soziale Wandel. Gerechnet auf die Gesamtpopulation werden die Menschen auf unserem Globus zwar mehr (145 neue Erdenbürger pro Minute), dennoch geht in vielen Ländern die Geburtenrate zurück, während die bestehende Gesellschaft immer älter wird.

Die Folge ist schon jetzt zu spüren: Die Zahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter nimmt ab, der Bedarf an Betreuung älterer Menschen zu. Fazit für die Arbeitswelt:  es entstehen neue Berufe im Gesundheitssektor. Und: moderne Technologien werden künftig fehlende Arbeitskräfte kompensieren müssen. Ein Stichwort dazu heißt Ambient-assisted Living Systems und gefragt sind Spezialisten, die diese AAL Technolgien zu entwickeln wissen. Die Anwendungsbeispiele z. B. im Bereich Sicherheit, Komfort oder Unterhaltung sind vielfältig und basieren auf einem selbstlernenden System, das Sensoren vernetzt sowie deren Daten fusioniert und auswertet, wodurch Routineaufgaben im täglichen Leben ausgeführt werden können. Dazu zählen das automatische Abschalten des Herdes bei Abwesenheit, Schutzmaßnahmen gegen Einbrüche sowie Beleuchtungs-, Raumtemperatur- oder Musiksteuerung, die sich den Gewohnheiten des Nutzers anpassen und somit altersgerechte Hilfestellungen bieten.

Eine andere Entwicklung, die unsere Lebens- und Berufssituation ebenfalls dramatisch beeinflusst: der Trend der rasch fortschreitenden Urbanisierung. 50% der Weltbevölkerung leben heute in Städten. Im Jahr 1800 waren es erst 2 %. Woche für Woche wachsen unsere Städte um 1,5 Mio. Menschen. Sei es durch Geburt oder Zuwanderung, die politische, wirtschaftliche, aber auch klimatische Auslöser haben kann. Die Konsequenz sind neue Berufe etwa in den Bereichen Transport, Logistik, Städte- oder Raumplanung.

Womit sich der nächste wesentlichen Einflussfaktor bereits manifestiert: Klimawandel. Die Zahlen divergieren zwar je nach Interessenslage, dennoch scheinen unsere fossilen Brennstoffe - bleibt unser Energieverbrauch unverändert – nur mehr rund ein halbes Jahrhundert zu reichen. Die Entwicklung und der Ausbau erneuerbarer Energien sind somit unumgänglich. Berufe  der Green Economy bzw. im Bereich Nachhaltigkeit- oder Corporate-Social-Responsibility wie UmweltsystemwissenschafterInnen, UmwelttechnikerInnen, UmweltjuristInnen, Umweltbeauftrage oder Umweltcoaches stehen nicht nur ganz im Zeichen der Energiewende, sondern auch eines grundsätzlichen Bewusstseinswandels.

Neue Berufe entstehen somit meist an der Schnittstelle zu Wissenschaft und Forschung oder sind Begleiterscheinungen neuer Technologien. Letztere haben in den zurückliegenden drei Jahrzehnten den Megatrends unseres Jahrhunderts schlechthin hervorgebracht: die Digitalisierung. Zum einen verdoppelt sich das weltweite Datenvolumen alle zwei Jahre. In Zukunft werden klassische Methoden Big Data Datenmengen nicht mehr auswerten können. Berufe, die sich auf den Umgang mit diesen Daten spezialisieren, werden echte Schlüsselpositionen ausfüllen, ebenso wie jene, die die Wahrung und Kontrolle privater Daten in ihrem Fokus haben.

Gleichzeitig hat das Internet unzählige neue Berufe im Kommunikationsbereich hervorgebracht. Vom Suchmaschinenoptimierer über Community oder Social Media Manager, Information Broker, Online Redakteur bis APP-Entwickler und sonstigen IT-Sparten-Spezialisten. Und selbst Tätigkeiten, die anfangs gar nicht als „Beruf“ geplant waren, können im Internet zu einer „ernsthaften“ Einnahmequelle werden. Auch wenn - zugegeben - nicht jeder Blogger (allein über 75 Millionen Blogs auf WordPress!) oder YouTuber von seinen Webaktivitäten leben kann.
 

Tipps für die nächsten 30 Jahre

Wenn Sie sich also gerade beruflich (neu) orientieren, sind Überlegungen in Richtung Megatrends durchaus angeraten.

+ Die Beschäftigung mit Abfallstoffen wäre z.B. solch ein Thema, denn unser Umgang mit Abfallprodukten wird sich drastisch verändern müssen. Upcyceln statt recyceln heißt die Devise. Mit Kreativität  aus scheinbar wertlosen Nebenprodukten Nützliches entstehen lassen - neue Kleidung, Spielzeug, Möbel, sei es als Abfalldesigner oder Abfalltechniker.

+ Urban Gardening ist jetzt. Morgen kommt Urban Farming. Einwohner von Großstädten werden zunehmen von städtischen Landwirtschaftsbetrieben versorgt werden müssen. Gut möglich, dass die Landwirtschaftsbetriebe der Zukunft als Hochhäuser angelegt sind, um auf kleinstem Raum produzieren zu können. Berufe in diesem Bereich werden mehr denn je landwirtschaftliche als auch technische Kenntnisse vor allem zur Energiegewinnung benötigen.

+ Mit der zunehmenden Automatisierung außerhalb von Fabriken und Produktionsstätten werden Robotic-Experts durchaus gefragte Spezialisten sein. Sobald Roboter etwa private Haushaltsaufgaben übernehmen, fällt ihren Entwicklern besondere Verantwortung zu.

+ Ebenso wie kommenden Verkehrsanalysten. Zukünftig werden Fortbewegungsmittel wie Autos, Busse und Züge nur noch computergesteuert funktionieren. Menschliche Fahrer haben ausgedient. Es wird darum gehen, alle Transportmittel zu koordinieren, aufeinander abzustimmen und die Sicherheit der Fahrgäste zu gewährleisten. Verkehrsanalysten werden planen, welche Routen Verkehrsmittel nehmen und für einen problemfreien Ablauf sorgen.

+ Medizin und Gesundheit bleiben natürlich weiterhin heiße Tipps. Als Genprogrammierer werden Sie daran arbeiten, Medikamente analog den individuellen Gencodes jedes einzelnen Patienten zu entwickeln, um damit etwa im Kampf gegen Krebs oder Alzheimer größt mögliche Wirkung zu erzielen.

+ Oder Sie beschäftigen sich als Pharmer mit dem Anbau therapeutischer Proteine und Lebensmittel mit gesundheitsfördernden Zusätzen. Melatonin-Mehl, hormonangereicherte Karotten und cholesterinfreie Schweine benötigen neue, kompetente Landwirte.

Scheint fast so, als könnte eine Empfehlung nie ins Leere gehen – setzen Sie jetzt schon auf traditionelles Know-how mit digitaler Expertise. Und bleiben Sie vor allem eines: offen für Neues.


  

Autor

Brigitte Schedl-Richter

Texterin, freie Journalistin, www.argezeit.at

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