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Work in Progress: Der Praktikant

Work in Progress Karriere Human Resources

Generell scheint es so, als wäre die klassische Karriere-Triade von Ausbildung-Beruf-Ruhestand seit der Jahrtausendwende um den eigenständigen Punkt „Praktikum“ erweitert worden. Hat sich das Phänomen Praktikum doch mittlerweile von einer intendierten Übergangshilfe, einem Zwischenstatus, zu einem originären (Karriere-) Abschnitt gewandelt. Einem Abschnitt, der übrigens wesentlich länger andauern kann, als es so manchem Praktikanten lieb ist. Die Konsequenz: Klassische Meilensteine der Lebensplanung wie eigene Wohnung, Familiengründung, Kinderwunsch verschieben sich aufgrund der mangelnden finanziellen Absicherung zeitlich immer weiter nach hinten. Übrig bleibt manchmal: die chronische Frustration, von einer Übergangslösung zur nächsten zu pendeln – ohne seinen endgültigen Platz zu finden. 

Diese Grundkonstellation hat mittlerweile als bekannt geflügelte Phrase von der sogenannten „Generation Praktikum“ Eingang in den alltäglichen Wortschatz gefunden. Was nicht zuletzt dafür spricht, dass es sich nicht nur um vereinzelte Sonderfälle handelt, sondern um einen echten Trend des Arbeitsmarktes. Einen Trend, der durchaus laute Stimmen in den Medien weckt, die endlich eine gesetzliche Regelung fordern.
 

Im Grunde eine gute Idee

Gut, generell kann man gegen die Idee eines Praktikums ja kaum etwas einwenden. Diese bis ins 17. Jahrhundert zurückgehende Praxis zielt grundsätzlich darauf ab, eine (frühe) Vertiefung erworbener Kenntnisse und Fähigkeiten zu ermöglichen. Das Praktikum versteht sich somit im Idealfall als temporäres Bindeglied oder ergänzendes Modul der Ausbildung – im Vordergrund steht das Sammeln praxisorientierter Arbeitserfahrung.

In diesem Sinne fungiert das Praktikum als nützliche Einstiegs- und Orientierungshilfe in die (oft unübersichtlichen) Weiten der Arbeitswelt. Besonders in Zeiten der zunehmenden Spezialisierung und Akademisierung nahezu sämtlicher Berufe – und das ist die Realität des 21. Jahrhunderts – verspricht das Praktikum somit den Anschluss zwischen einer immer theoretischer werdenden Ausbildung und den tatsächlichen  Anforderungen der praktischen Arbeitswelt wieder herstellen zu können. So viel zur ursprünglichen Bedeutung des Begriffs, soviel zu seinen Verheißungen.  
 

Here comes reality

Doch wie sieht es heute wirklich aus? Eher bescheiden, wie man verleitet ist zu sagen. Ungefähr Ende der 1990er-Jahre setzte eine Entwicklung am Arbeitsmarkt ein, die sich in den letzten Jahren ordentlich ausgewachsen hat: die stetige Institutionalisierung des Praktikums in vielen Teilen der Wirtschaft. Praktikanten werden heutzutage nicht selten als billige Arbeitskräfte auf Zeit verstanden, die sämtliche Tätigkeiten eines „regulär angestellten“ Mitarbeiters vollständig ersetzen sollen bzw. müssen. Also die gleiche Arbeit, nur für weniger Geld. Arbeitsrechtsexperten sprechen dabei von einer „verdeckten regulären Arbeit“. Diese Praxis spart so manchem Unternehmen nicht nur Kosten, sondern enthebt es aufgrund der diffusen Gesetzesrichtlinien bezüglich Praktika nahezu sämtlicher rechtlicher Verpflichtungen. Kollektivvertrag? Kündigungsschutz? Mindestlohn? Lauter Fehlanzeigen – in der Welt eines Praktikanten!
Und was passiert, wenn das Praktikum endet? Gesucht wird ein neuer Praktikant. Das Angebot (Praktikumsuchender) ist schließlich groß genug. Mit der ursprünglichen Idee von Aus- und  Weiterentwicklung im Rahmen eines Praktikums ist es damit auch nicht mehr weit her. Es scheint vielmehr so, als wäre das Praktikum in seiner heutigen Form zu einem überwiegend ökonomischen Kalkulationsfaktor geworden.
 

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Aber wenn es wirklich so düster aussieht: Worin besteht der Anreiz für junge Menschen, ein Praktikum oder gar mehrere zu absolvieren? Angesichts der in vielen Branchen nicht unproblematischen, zahlenmäßigen Diskrepanz zwischen Arbeitssuchenden und Arbeitsplätzen stellt ein Praktikum oft die einzig gute Möglichkeit dar, um einen ersten Anschluss an die Berufswelt zu finden und im eigenen Lebenslauf die Anforderung „Ich bin wissbegierig, flexibel und vielseitig einsetzbar“ deutlich zu demonstrieren. Immer in Hinblick, dadurch endlich der regulären Anstellung (hoffentlich) einen Schritt näher zu kommen.
 

Coming soon

Eine mediale Präsenz war und ist bekanntermaßen ein erster Schritt, die Situation zu ändern. Und tatsächlich ist zu beobachten, dass die politische Diskussion in diversesten Ländern Europas bereits vermehrt um diese Thematik kreist. Mindestlöhne für Praktikanten, zeitliche Beschränkungen und soziale Absicherung in Form von Pensions- und Krankenkassenzahlungen sind längst im Gespräch. Diverse Organisationen tun ihr eigenes dazu: So versucht in Österreich etwa der mit der Arbeiterkammer und der ÖH vernetzte Verein „Plattform Generation Praktikum“ sowohl die momentane Situation durch Studien statistisch zu erfassen als auch eine Anlaufstelle für Betroffene zu bieten. Unter anderem verleiht der Verein auch Gütesiegel an Firmen, die hinsichtlich der von ihnen angebotenen Praktika positiv hervorstechen. Was wiederum einen wesentlichen Punkt verdeutlicht, der noch nicht erwähnt wurde: nämlich dass es trotz aller bisherigen Kritikpunkte natürlich und glücklicherweise auch positive Fälle für Praktikumsplätze gibt, die der ursprünglichen Intention dieses Bereichs mehr als nur gerecht werden. Also Praktika, die für den Ausübenden keine Endstation, sondern eine wirkliche Chance bedeuten.

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