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Work in Progress: Der Tischler

Work in Progress Holz Arbeitswelten

Sie sind und waren immer schon profunde Kenner und gefragte Könner, mitunter gefeierte Künstler oder funktionsbewusste Designer. Ihr Werkstoff kommt aus der Natur, was sie daraus schaffen, sind beredte Zeugnisse menschlicher Kultur. Selten ein Beruf, der über Jahrtausende seine Bedeutung erhalten konnte – ohne bis heute den Anschluss zu verlieren.

Natürlich sind die Voraussetzungen perfekt: Neben Stein und Metall gehörte Holz fast in jeder Region der Erde zu den wichtigsten Werkstoffen des Menschen. Und selbst die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts setzte dem kein plötzliches Ende.
Die frühen Maschinen besaßen in der Regel noch Holzgestelle oder hölzerne Mechanismen. Erst mit den steigenden Anforderungen an Abriebfestigkeit oder Lastmomente verdrängte das Eisen zugunsten größerer Belastbarkeit und Bruchsicherheit das Holz aus seiner dominierenden Stellung.
 

Am Anfang war....

Eine der ersten und zugleich eindrucksvollsten Traditionen kunstvollen Holzhandwerks stammt – wie könnte es anders sein – aus Ägypten. 3.500 v.Ch. hatte man dort längst erkannt, wie vielseitig und einfach verarbeitbar Holz ist. Für Schiffe, Gebäude, Möbel oder Gegenstände des täglichen Bedarfs wurden bereits Furniertechniken und eine Art Sperrholz entwickelt. Der Sarg des Gottkönigs Tutanchamun ist ein besonderes Beispiel früher Kunstfertigkeit.

Die Holzhandwerker der Griechen und Römer perfektionierten die Arbeitstechniken vor allem durch die Entwicklung neuer Werkzeuge. Unter anderem entstand aus den kleinen Spaten zum Glätten letztendlich der Hobel, wie wir ihn heute kennen. Darüber hinaus wurden aufgrund des regen Handels im antiken Weltreich nicht nur heimische, sondern auch seltene und exotische Hölzer für besondere Anlässe verarbeitet.
 

Fremdbestimmt

Das Mittelalter brachte – wie in vielen anderen Bereichen auch – eine negative Zäsur. Mit den erfahrenen Handwerkern der Römer verschwand auch der Großteil des bereits vorhandenen Wissens. Es dauerte beinah 800 Jahre, bis dieser Rückstand wieder aufgeholt wurde.

So vielseitig Holz einsetzbar ist, so vielfältig entwickelten sich mit der Zeit unterschiedliche Spezialisierungen wie die des Drechslers, Wagners, Schreiners, Zimmermanns. Mitte des 12. Jahrhunderts tauchte im deutschsprachigen Raum erstmals so etwas wie eine „Tischler-Bruderschaft“ auf, in der sich Modelltischler, Möbeltischler, Stuhlmacher, Treppenbauer u.a. zusammenfanden.

Das Leben in Europa als Handwerker war in den von Kirche und Feudalismus geprägten Jahrhunderten nicht gerade einfach. Zum einen war der Dienst für eine bestimmte Herrschaft auferlegt, für einen anderen Grafen oder Herzog durften keine Arbeiten verrichtet werden. Gleichzeitig wurde dieser Dienst auf die Söhne vererbt. Es gab anfangs keinen Lohn, sondern Wohnraum und Verköstigung. Material und Werkzeug mussten ebenfalls vom Grundherren zur Verfügung gestellt werden. Erst wenn nicht mehr genug Arbeit für alle Handwerker vorhanden war, durfte gegen Geld auch für eine andere Herrschaft gearbeitet werden. Der Weg von der Frohn- zu Lohnarbeit war vorbereitet.
 

Urban und beweglich

Mit dem Wachsen der Städte entstanden neue soziale Herausforderungen – und Missstände, nicht zuletzt aufgrund der steigenden Nachfrage nach handwerklichen Leistungen. Die ungeregelte freie Konkurrenz führte zur Verwilderung der Sitten, zur Ausbeutung von Kunden, zur Vernichtung von Konkurrenten und gewalttätigen Verfolgungen von „Störern und Pfuschern“.

Bis schließlich die Kirche zur Etablierung einer neuen „Handwerksehre“ sogenannte Bruderschaften gründete, die als Zünfte oder Gilden halb wirtschaftliche, halb religiöse Vereinigungen waren und über die Einhaltung gewisser Ehrenkodizes wachten. Teils mit seltsamen Blüten: Bis ins 19. Jhdt. bestand noch ein Zwangszölibat für Tischler- und Schreinergesellen.

Die Entstehung des mit heute vergleichbaren Tischlerhandwerks – zuständig für Türen, Fenster, Zimmermöbel – hatte ebenfalls mit der zunehmenden Urbanisierung zu tun. Im frühen Mittelalter wurden „Möbel“ vor allem noch von Zimmerleuten hergestellt – nur grob bearbeitet und meist unverrückbar festgemacht an Wänden oder Böden. Wohlstand und verbesserte Wohnverhältnisse in den Städten brachten den Wunsch nach „beweglichen“ Möbeln, was ganz neue Produkteigenschaften erforderte: mehr Leichtigkeit, mehr Präzision in der Statik, gefertigt aus „Einzelteilen“, die mit Leim, Dübel oder Nut zusammenhielten. Verfeinerte Techniken wie Furnierungen oder Einlegearbeiten lösten die rohen Oberflächen früher Möbel ab.
 

Sozial verankert....oder auch nicht

Die Möbeltischlerei wurde aufgrund steigender Nachfrage schließlich zu einem eigenen Berufszweig. Im 15. Jahrhundert gab es sogar städtisch angestellte Tischler. Die Arbeitszeit war mit 14 bis 16 Stunden täglich (außer Sonntag) anstrengend und fordernd. Um Pfusch zu vermeiden, hielten die Meister Aufsicht. Nur nach dem offiziellen Arbeitsende durften auf eigene Rechnung Flickarbeiten durchgeführt werden. Gezimmert wurde immer nur auf Bestellung – Anfertigungen auf „Vorrat“ sollten erst viel später folgen.

Übrigens: Die Zünfte umfassten zu keiner Zeit alle Angehörigen eines Berufsstandes, oftmals nicht einmal die Mehrheit. Außerhalb des Zunftwesens entstanden im 17. und 18. Jahrhundert - von den Fürsten- und Herrscherhöfen initiiert - sogenannte „Hofschreinereien“, die sich oft zu Zentren außergewöhnlicher Kunstfertigkeit entwickelten. Für die Zünfte, die auf Stadtebene lokal organisiert und in der Stadtverwaltung gut integriert waren, erwiesen sich vor allem Vereinigungen von Tischlergesellen mit Forderungen nach besseren Lohn- und Arbeitsbedingungen als harte Gegner. Im 18. Jahrhundert wurden sie als sozialer Unruheherd Nummer 1 angesehen und sorgten für eskalierende Auseinandersetzungen.
 

Nichts geht mehr ohne Maschine

In der Geschichte brachte vor allem das 19. Jahrhundert wesentliche Veränderungen. Zum einen wurde der Markt freier - Handwerker konnten ohne fachlichen Nachweis einen Betrieb eröffnen. Der Handel mit Möbeln weitete sich zumindest in Europa aus. „Importe“ aus anderen Regionen oder Städten waren oft besser und billiger (Hamburg, Berlin und Hannover z.B. waren heftige Konkurrenten). Zu guter Letzt begann die aufkommende Industrialisierung bisher händisch ausgeführte Arbeiten maschinell umzusetzen, was schneller günstigere und präzisere Ergebnisse lieferte, bei insgesamt größerem Output.

Abgesehen davon mussten auch die Werkstücke selbst zunehmend neue Anforderungen erfüllen und sich technisch wie formal dem neuen Denken von Bauen und Wohnen stellen. Architekten wie Bruno Paul oder die Protagonisten des Bauhauses trugen Wesentliches zu diesem neuen Verständnis von Tischlerei und Möbelfertigung bei.
 

Intelligent und massentauglich

Zudem war das Massenmöbel durch die aufstrebende Möbelindustrie tatsächlich am Markt angekommen. Viele der Tischler, die den Weg der Automatisierung nicht gegangen waren, gerieten durch Zulieferer- und Montagetätigkeiten, mit dem die Möbelindustrie Arbeitsplätze ausgelagert hatte, in fatale Abhängigkeiten. Die überdies ausbrechende Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre und der Weltkrieg ließen Kleinstwerkstätten mit einem Meister und ein oder zwei Gesellen kaum mehr eine Chance.

Tiefgreifende Stukturänderungen haben den Tischlerberuf und seine Branche aber auch in den letzten Jahrzehnten drastisch verändert. Mit Anfang der 1990er Jahre hat die Computerisierung das Tischlerhandwerk erreicht. Vor allem in der Arbeitsvorbereitung kommen heute komplexe CAD Systeme für den Entwurf und die Konstruktion von Produkten zum Einsatz. Mit der Verwendung der CNC-Technik, der computerunterstützten numerischen Steuerung, wurde zweifellos eine neue Runde zwischen industrieller Möbelproduktion und klassischem Tischlerhandwerk eingeläutet, die, ausgelöst von dem notwendig hohen Kapitaleinsatz zur Erreichung von Produktivitätssteigerungen, den Konkurrenzkampf drastisch verschärft.
 

Trotzdem innovativ

Fest steht jedenfalls, dass das Berufsbild des Tischlers heute völlig neu betrachtet werden muss. Geändert hat sich in den letzten 30 Jahren wieder einmal so gut wie alles: wirtschaftliche und soziale Rahmenbedingungen, Werkstoffe, Materialien sowie Produkte und ihre Einsatzbereiche. Noch nie waren Werkzeuge und Verarbeitungsmethoden so ausgereift, konnten so unterschiedliche Materialien kombiniert werden, war Präzision und handwerkliche Kunstfertigkeit auf so hohem Niveau vereinbar. Dazu kommen ideelle Anforderungen nachhaltiger Produktion, die Holzerzeugnisse durchaus in ein neues Licht des öffentlichen Bewusstseins gerückt haben.

Auch bei Bene sind viele dieser Entwicklungen im Laufe seiner über 200 jährigen Firmengeschichte durchaus nachverfolgbar. 1790 von Michael Bene in Waidhofen an der Ybbs gegründet, blieb das Unternehmen bis in die 1940er Jahre dem klassischen Tischlereihandwerk verhaftet. Die 1929 in Wien gegründete Unternehmenssparte stellte vorerst nur Büroartikel wie beispielsweise hölzerne Briefablagen her.
Die Möbelsparte in Waidhofen wurde schließlich 1951 auf die industrielle Fertigung von Büromöbel umgestellt. Bereits 1975 umfasste die Produktionsstätte 15.000 m². Seit den 1980er Jahren forcierte Bene den Ausbau seines eigenen Vertriebsnetzes international. Ab 2000 erweiterte Bene das Waidhofener Werk auf 40.000 m² und machte es zu einer der modernsten Produktionsstätten in Europa.


Doch zu guter Letzt – was neben industrieller Produktion, Computerisierung und Nachhaltigkeit das Selbstbild des Tischlers und seines Berufsstandes ebenso verändert hat? Nennen wir es vielleicht die Arbeit mit dem Raum. Das Wissen um menschliche Gewohnheiten, Bedürfnisse, praktische Anforderungen. Das Einzelstück, das nicht nur funktionell oder schön ist, sondern sich integriert, eine Aufgabe in einem Surrounding übernimmt, innovative Ästhetik und menschliche Kommunikationsweisen zusammen bringt. Letztlich ist es somit aber auch ganz egal, ob in kluger Massenproduktion oder im kreativen Einzelatelier gefertig. Das Produkt muss ohnehin für sich selbst sprechen....


Quellen:
Peter Benje: Die Einführung der maschinellen Holzbearbeitung und ihre Auswirkung auf Betriebsformen, Produkte und Fertigung im Tischlereigewerbe während des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Darmstadt 2001.
Karl-Heinz Pfeiffer: Altes Tischlerhandwerk. Säge, Hobel und Stemmeisen. Seelze 2001.
Christian F. Zander: Das Tischlerhandwerk in Deutschland (1350–1870). Hamburg 2013.

Autor

Brigitte Schedl-Richter

Texterin, freie Journalistin, www.argezeit.at

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