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Status Lifestyle Bürotrends

Was haben Facebook-Freunde, lange Fingernägel, überdimensionierte Schreibtische, Toiletten und teure Uhren gemeinsam? Sie alle sind oder waren gerne zur Schau gestellte Zeichen für einen (vermeintlich?) hohen gesellschaftlichen Rang, Symbole von Anerkennung, Macht und Überlegenheit. Kurz: Statussymbole - mit mehr oder weniger Coolnessfaktor.

Er hatte sich vorgenommen, keine Angst zu haben. Ein guter Vorsatz, der sich jedoch bereits in dem Moment als unrealistisch herausstellte, als die wuchtige Tür vor ihm geöffnet wurde – die Tür zur Höhle des Löwen. Vor ihm lag eine schier endlos scheinende Strecke geradewegs durch den holzvertäfelten Raum. Zu seiner Linken bauten sich mit erdrückendem Wissen gefüllte Bücherregale auf, rechts eine marmorne Skulptur modernen Stils, die ihm allein schon wegen ihrer Größe unheimlich war, daneben eine prunkvoll überfrachtete Vitrine. Und am anderen Ende des Raumes, da saß – nein thronte – ER hinter dem massigen Schreibtisch, der wie ein Schlachtschiff der Machtdemonstration vor ihm ruhte. ER paffte eine Zigarre und hob seinen Blick nicht einmal, doch jener des Firmengründers auf dem Ölgemälde hinter ihm durchbohrte den unerwünschten Bittsteller, den menschlichen Störfaktor, den unwürdigen No-Name.

Das Chefzimmer

Zugegeben, ganz so apokalyptisch sind sie nicht mehr, die so genannten Chefzimmer. Dennoch waren Repräsentation und Einschüchterung eindeutig die Säulen, auf denen die Chefzimmer des 19. und frühen 20. Jahrhunderts errichtet wurden. In ihnen manifestierte sich der Erfolg des Unternehmens, die Stärke und Autonomie des durch nichts zu erschütternden Kapitalisten. Obwohl die hoch gepriesene Rationalität alle Lebensbereiche zu beherrschen schien (oder vielleicht gerade deswegen), waren die Machtzentren vieler Firmen symbolisch in höchstem Maße aufgeladen, hatten beinahe schon mythologischen Charakter.

Die Kriterien für die Raumgestaltung entsprangen der Selbstinterpretation des Unternehmers – und hatten nicht immer ein stilvolles Gesamtkonzept zur Folge. Zur Schau gestellte Seriosität, demonstrative Darstellung des Erfolges und ein Imponiergehabe der Macht waren Usus. Bis in die 1930er Jahre zitierten viele Direktionszimmer von Industriellen das Herrenzimmer des englischen Hauses und vermittelten Exklusivität und Clubatmosphäre.
 

Das Ende des Imponiergehabes

Mitte des 20. Jahrhunderts nahm der Hang zum (augenscheinlich) Symbolischen ab, Funktionalität wurde nun höher bewertet, die Formen waren schlichter, eine persönliche Note blieb (in gewissem Rahmen) jedoch erwünscht. In den 1980ern war das protzige Imponiergehabe längst out of date. Was natürlich nicht bedeutet, dass die Chefetagen dann völlig symbolfrei gewesen wären. Zwar stand die Macht nicht mehr im Vordergrund, doch gewisse Eigenschaften des Chefs oder des Unternehmens sollten durchaus vermittelt werden – die Selbstdarstellung blieb also weiterhin eine wichtige Funktion. Von nun an zeugte eine scheinbar zufällige Fülle internationaler Zeitschriften und Publikationen von Weltgewandtheit, modernste Kommunikationstechnologien standen und stehen für Aufgeschlossenheit, Effizienz und lebendige Interaktion, der - in Maßen dafür aber gezielt - "unordentliche" Schreibtisch für Flexibilität, Multi-Tasking-Fähigkeit und den perfekten Überblick. Aber eben: alles nicht zu aufdringlich – eventuell sogar verbunden mit einem gewissen Understatement in der Erscheinung, das sagt: Ich habe es nicht nötig, auf mich aufmerksam zu machen. Ich bin, was ich bin – etwas Besonderes.
 

Porsche vs. iPhone

Und wie schaut es außerhalb der Office-Wände aus? Der Nobelschlitten oder Sportflitzer hat als Statussymbol im Wesentlichen ausgedient – so lautete zumindest der mediale Tenor der letzten Jahre. Nur wenige Marken könnten imagemäßig noch punkten. Ob diese These der Realität entspricht, bleibt jedem selbst überlassen. Vermutlich kommt es – wie so oft – auf die Perspektive an, oder anders gesagt: Von wem will man sich abheben? Wenn andere einen Audi fahren, muss man halt zu Porsche oder Tesla greifen. In manchen heiß umkämpften Stadtteilen kann schon ein eigener Firmenparkplatz direkt vor der Türe Eindruck machen.

Dasselbe gilt auch für andere Prestigeobjekte – was für den einen der Privatjet ist, ist für den anderen das iPhone (na gut, der Vergleich hinkt ein bisschen...:). Maßanzug und Schuhe mit Ledersohlen verraten ebenso etwas über die (reale?) gesellschaftliche Stellung wie wichtig klingende Titel und Berufsbezeichnungen oder bevorzugte Freizeitaktivitäten. Der Abschluss an einer Eliteuniversität, persönliche Bekanntschaften mit VIPs oder auch "bloß" die Anzahl der Freunde auf Facebook könnten Indizien für gesellschaftliche Anerkennung sein.

Zunehmend wird auch die Zeit zum Statussymbol. Manche meinen, ein 12-Stunden-Arbeitstag bringe Ansehen – denn nur dann ist man "wichtig". Andere schwören hingegen auf die Zur-Schau-Stellung der freien Zeiteinteilung und den Luxus des Sich-jederzeit-frei-nehmen-Könnens.
 

Vom "Rolexen" und "Understaten"

Und dann natürlich der "Dresscode"... Wollen wir unseren (vermeintlichen) Status bewusst demonstrieren, reichen die Varianten vom "Rolexen" bis zum "Understaten".

Ersteres scheint nach wie vor das unausrottbare Markenzeichen einer gewissen Schickeria. Passend zur Rolex müssen regelmäßig luxuriöse Urlaubsreisen, VIP-Freunde, die Anzahl der "Untergebenen" oder das neueste technische Gadget als Statussymbol herhalten.

Letzteres, das Understatement, erhebt stattdessen die Distanzierung zur Kultform: Man hat tatsächlich einen gewissen Status, kehrt diesen jedoch nicht offensichtlich hervor, sondern bleibt elegant "inkognito". Psychologisch richtig interessant die Variante, bei der bestimmte Markenprodukte dermaßen subtil eingesetzt werden, dass deren Wert nur von "echten" Kennern – also eben von "seinesgleichen" – erkannt werden. Wissen Sie, was ich meine?
 

Andere Zeiten, andere Länder

Statussymbole und ihre Verwendung unterliegen – wenig überraschend – dem Wandel der Zeit. Erinnern Sie sich noch an jene längst vergangene Periode in der Geschichte des Sports, in der Fußballtrainer beim Ländermatch noch im Trainingsanzug anstatt im feinen Tuch von YSL an der Seitenlinie standen?

Andererseits müssen Statussymbole nicht immer teuer sein. Zwar stimmt es, dass sie das gesellschaftliche Wertesystem abbilden, und da dreht sich (nicht nur) heute eben vieles um Reichtum und Macht. Doch man denke nur an Hippies oder Punks – auch sie hatten (und haben) Symbole, mit denen sie ihre Stellung innerhalb oder außerhalb gesellschaftlicher Hierarchien veranschaulichten.
 

Multikulti - Schwerter, Kronen und Tiere

Interessanter Weise finden sich zwischen unterschiedlichen Kulturen durchaus Überschneidungen. Beispiel Schwert: Das Katana war Statussymbol der japanischen Samurai, das indische Khanda wird bis heute von Angehörigen der Kriegerkaste der Kshatriya geschätzt. Ähnlich verhält es sich mit dem Kopfschmuck: Kronen waren/sind in unterschiedlicher Form in zahlreichen Kulturen vorhanden, etwa im alten Ägypten. Neben diesen waren z.B. auch das Nemes-Kopftuch und die Geierhaube wichtige Insignien. Aufwändige Haartrachten und Perücken dienten ebenfalls als Statussymbole. Und wer heute royale Zeremonien im Fernsehen verfolgt, kommt am Thema "Kopfbedeckung" ohnehin nicht vorbei.

Auch Tiere lassen vielerorts auf den Status des Besitzers schließen. So gelten im arabischen Raum außergewöhnliche Falken als Statussymbol, bei den Massai ist es die Anzahl der Rinder. Ob diese anthropologischen Wurzeln im modernen Autokult ihre Fortsetzung finden?
 

Nicht arbeiten müssen

Dieses Thema ist nicht erst eines moderner Industriegesellschaften: In zahlreichen Kulturen bedeutet "Arbeiten" oder eben "Nicht-Arbeiten" auch eine gewisse Form von Status. Im China der Ming-Dynastie galten beispielsweise lange Fingernägel als Statussymbole – in diesem Falle von adeligen Frauen. Auf diese Weise zeigten sie, dass sie nicht manuell arbeiten mussten. Noch heute tragen (diesmal) Männer in ländlichen Gebieten der südlichen und östlichen Weltkugel am kleinen Finger einen mehrere Zentimeter langen Fingernagel aus ganz ähnlichem Grund.

Oder die Symbolik funktioniert über die Hautfarbe: Während in Europa (noch immer) eine sonnengebräunte Haut davon zeugt, dass man sich Freizeit leisten kann, gilt in Asien eine besonders helle Haut als Ausdruck des Nicht-(hart-im-Freien-)arbeiten-Müssens. So trifft man Frauen an chinesischen Stränden, die beinahe komplett verhüllt sind – ja sogar Schimasken tragen, um sich ihren hellen Teint zu erhalten. Kosmetische Aufhellungsprodukte, Laserbehandlungen und zweifelhafte Schönheits-OPs sind absolut in.
 

Kurios Anmutendes

Und die Architektur natürlich! Obwohl so manche Hinweise an Gebäuden in unterschiedlichen Städten der Welt wohl nicht sofort als Statussymbole identifiziert werden: In Johannesburg oder San José "schmücken" selbst wenig Wohlhabende ihre Häuser und Hütten mit Stacheldraht – nicht um Diebe abzuwehren, sondern um sich der reicheren Gesellschaftsschicht zugehörig zu fühlen.

Und in zahlreichen sogenannten Entwicklungsländern, in denen die hygienischen Bedingungen sehr schlecht sind, gelten sogar Toiletten als Statussymbole. Wirkt kurios, ist auf den zweiten Blick aber durchaus nachvollziehbar.....

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